Studium Studieren im Osten: Vom Geheimtipp zur Topadresse

Ein Blick in die bibliotheca albertina, die historische Bibliothek der Universität Leipzig. Die Universitätsbibliothek ist eine der ältesten in Deutschland. Sie wurde 1543 gegründet.
Ein Blick in die bibliotheca albertina, die historische Bibliothek der Universität Leipzig. Die Universitätsbibliothek ist eine der ältesten in Deutschland. Sie wurde 1543 gegründet. © Foto: Silvia Hauptmann
Ulm / HARALD LACHMANN 15.12.2015
Noch vor wenigen Jahren hatte ein Studium in den neuen Ländern für westdeutsche Abiturienten viel mit Exotik zu tun. Inzwischen liegt ihr Anteil bei 36 Prozent. Tendenz: weiter steigend.

Mit einem grünen Trabbi, Nummernschild L-EO-5678, waren Tim Vollmer und zwei Freunde daheim im Rheinpfälzischen abgeholt und nach Leipzig kutschiert worden: Man wollte ihnen so das Abenteuer eines "Studiums in Fernost" schmackhaft machen. Die sächsische Universität bezahlte ihnen sogar für ein Semester das möblierte WG-Appartement. Im Gegenzug sollten der Mathematikstudent und seine Mitbewohner nun in Blogs ihren Freunden im Westen berichten, wie wenig trist, kulturlos und langweilig der Osten sei. Sechs Jahre ist das her - heute ist Leipzig eine Topadresse auch für westdeutsche Abiturienten.

Sie bilden hier bereits das Gros der Studierenden, sagt Dr. Christof Biggeleben. Der Volkswirt aus dem Sauerland weiß es aus erster Hand: Er engagiert sich für die Kampagne "Studieren in Fernost", mit welcher der Bund den Hochschulpakt 2020 begleitet. Im Rahmen der Aktion, die jährlich zwei Millionen Euro kostet, verpflichten sich 43 der 65 ostdeutschen Hochschulen, trotz Geburtenknick ihre Kapazitäten auf hohem Niveau zu halten. Damit soll der Strom jener Erstsemester aufgefangen werden, die zwischen Kiel und Konstanz in Folge der doppelten Abiturjahrgänge am Numerus Clausus scheitern.

Von Jahr zu Jahr schreiben sich mehr Jugendliche aus dem alten Bundesgebiet im Osten ein. Waren es 2005/06 erst 16 Prozent aller hier Studierenden, kletterte die Quote nun auf knapp 36 Prozent. Nicht alle zieht es dabei nach Leipzig, Dresden oder Rostock. Gerade auch kleinere Hochschulstandorte, die mancher im Westen kaum dem Namen nach kennt, sind immer seltener ein Geheimtipp.

Hierzu zählt etwa das beschauliche thüringische Ilmenau, in das sich schon Goethe verliebte. Heute punktet hier die TU mit einem hoch innovativen ingenieurwissenschaftlichen Campus. Oder das sächsische Freiberg, eine der schönsten deutschen Universitätsstädte: Seine TU Bergakademie genießt Weltruf im Montanbereich. Oder das vorpommersche Greifswald, am Meer gelegen: Zwei Drittel der 12.000 Studenten, die an der Universität etwa für Pharmazie, Biochemie, Informatik oder Physik immatrikuliert sind, stammen nicht aus dem Nordosten.

Dabei ist gerade das schmucke Greifswald nicht typisch für den Osten, was günstige Mieten und sonstige Kosten betrifft. In Chemnitz, Cottbus, Frankfurt/Oder, Neubrandenburg oder auch Leipzig lässt es sich besser haushalten. Dieses "Studieren im Osten mit weniger Kosten", wie es in der Fernost-Kampagne heißt, ist in Euro und Cent belegbar. So gibt, wer hier studiert, laut einer Analyse der FH Erfurt im Monatsschnitt 53 Euro weniger aus als Studenten an Rhein oder Isar. Derweil der bundesweite Schnitt für Mietausgaben eines Studierenden bei 281 Euro im Monat liegt, fallen etwa in Erfurt nur 249 Euro an.

Den Vorzug fehlender Studiengebühren hat der Osten inzwischen eingebüßt, denn sie werden nirgendwo mehr erhoben. Dafür punkten die Hochschulen mit anderen Vorzügen: hohe Unterrichtsqualität in weniger überfüllten Hörsälen, moderne Ausstattung, geringere Studentenzahlen pro Professor. Dazu auch eine zunehmend brillante Forschung. Auch hierfür ließ der Bund mit dem Programm "Spitzenforschung und Innovation in den neuen Ländern" bis 2014 gut 220 Millionen Euro springen.

So sieht Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) die Universitäten in Halle-Wittenberg und Magdeburg "sowohl fachlich als auch ausstattungstechnisch hervorragend aufgestellt". Professor Thomas Hofsäss, Prorektor der Uni Leipzig, verweist auf die Strukturreform der ostdeutschen Hochschulen nach 1990. Ziel sei gewesen, fachlich anspruchsvolle sowie inhaltlich und organisatorisch "studierbare" Studiengänge zu schaffen: "Das ist geglückt." Als besonderer Vorzug ostdeutscher Einrichtungen gilt ihre Praxisnähe, gerade im technischen Bereich. Fünf der 18 deutschen TU befinden sich im Osten, neben Cottbus und Ilmenau auch in Chemnitz, Dresden und Freiberg. Allein drei der vier sächsischen Universitäten festigten so ihr traditionelles ingenieurtechnisches Profil. Hinzu kommen fünf technisch-wirtschaftlich ausgerichtete Fachhochschulen in Dresden, Leipzig, Mittweida, Zittau/Görlitz und Zwickau. Für Burkhard Venz, Teamleiter für technische Berufe bei der Arbeitsagentur Leipzig, ist Sachsen damit der "größte Ingenieurausbilder Europas". Mit einem Abschluss etwa in Maschinenbau oder Verkehrswesen habe ein junger Ingenieur auf Arbeitssuche "bereits wegen der besuchten Hochschule einen Namen".

Auch der 24-jährige Jan Heidtmann, ein Niedersachse, der an der FH Mittweida Medientechnik studiert, lobt die dortige "exzellente technische Ausstattung" sowie den "engen Kontakt zur Wirtschaft". So konnte er bereits im Rahmen seiner Bachelorarbeit für eine Chemnitzer Firma eine mobile Sendeanlage entwickeln, die nun im Einsatz ist. Nur ein wenig verschlafen sei das 15.000-Seelen-Städtchen.

Kein Vergleich zu Leipzig mit seiner überbordenden Kultur- und Kneipenszene, einem Campus im Herzen der pulsierenden City sowie der Uni-Bibliothek, die sieben Tage die Woche 24 Stunden geöffnet ist. Wem nachts um drei nach Lernen ist, der findet problemlos Einlass. Hinterher geht es womöglich noch auf ein Bierchen, denn die Messestadt kennt keine Polizeistunde.

Wenn dennoch drei Fünftel der westdeutschen Abiturienten keinen Bock auf eine Universität in Fernost haben, liegt das mehr am Fernen als am Osten. Denn Umfragen zufolge wollen bis zu 80 Prozent von ihnen am liebsten "direkt um die Ecke" studieren.

Manches lässt sich nur hier lernen

Größe Den höchsten Anteil an Erstsemestern aus den Altbundesländern verzeichnet die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Deren Anteil beträgt 59 Prozent. Mit 18.916 Studenten gehört die Alma Mater Jenensis zu den größeren Unis im Osten. Hierzu zählen auch die TU Dresden (36.737) und die Universitäten Leipzig (26.772), Potsdam (20.411), Halle-Wittenberg (19.413), Magdeburg (14.107), Rostock (13.705).

Einzigartigkeit Im Osten etablierten sich einige Hochschulen, die es so bundesweit kein zweites Mal gibt, darunter die Fachhochschule für Sport & Management Potsdam, die Kunstschule für Textilindustrie Plauen, die Palucca Hochschule für Tanz Dresden und die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Gleich vier der sieben deutschen Polizeihochschulen sind in den neuen Ländern angesiedelt: Aschersleben, Güstrow, Oranienburg, Rothenburg/Oberlausitz.