Umwelt Städte ersticken im Party-Müll

Berlin / Dorothee Torebko 09.06.2018

Die letzten Rauchschwaden wabern über dem Ulmer Blaupark. Eine Freundesgruppe packt die Decken und Essensreste vom Grill ein. Die vollen Bier- und Wasserflaschen kommen in den Rucksack. Nur was tun mit den Pappbechern und den Plastikverpackungen der Würstchen? Auf den Müllberg des überquellenden Eimers damit. Egal. Sieht ja keiner. Haben die anderen auch gemacht.

Diese Szenen ereignen sich in diesen Sommertagen zuhauf in Deutschland. Littering heißt das Phänomen. Es beschreibt das Liegenlassen von Abfall im öffentlichen Raum. Und das hat in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen. Überquellende Mülleimer sind nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern haben auch negative Folgen für die Umwelt. Und sie sind ein Kostenfaktor für die Kommunen. Stuttgart investiert zehn Millionen pro Jahr, um Grünanlagen zu entmüllen. In Hamburg sind es 27 Millionen, in Berlin kostet weggeworfener Müll die Entsorgungsbetriebe 9,8 Millionen Euro.

Laut einer Studie der Berliner Humboldt-Universität werden so viele Einwegbecher und Plastik-Boxen für Essen verbraucht wie nie zuvor. Hauptverursacher von Littering sind 21- bis 30-Jährige, die abends die Parks mit Grills bevölkern und in den Nachtstunden keine Lust haben, aufzuräumen. Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit geben die Psychologen als Gründe an.

Berlin versucht, die Bürger mit Mülleimern, auf denen lustige Sprüche („Gib’s mir“) prangen, zu sensibilisieren. Köln schickt an den Wochenenden Grillscouts in die Parks, die Müllbeutel verteilen. „Diese Kampagnen sind wirkungsvolle Ansätze“, sagt der Vizepräsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU) Patrick Hasenkamp.  Der Verband vertritt Unternehmen der Abfallwirtschaft, die täglich 31 500 Tonnen Müll entsorgen. Ebenso wichtig seien aber Kampagnen, um Kinder für das Thema zu sensibilisieren. „Es ist teilweise eine Gleichgültigkeit eingetreten. Wenige fühlen sich wirklich für ihre Hinterlassenschaften verantwortlich. Öffentliche Räume werden als anonyme Räume verstanden“, erläutert Hasenkamp.

Stadt droht mit Bußgeld

In Ulm sammeln Putzpaten meist auf ihrem Weg zum Supermarkt, zur Arbeit oder in die Schule Müll vom Wegesrand auf. Die Entsorgungsbetriebe unterstützen die Aktion, indem sie Handschuhe, Greifzangen und Warnwesten verteilen. Seit einem Jahrzehnt gibt es die Aktion, über 90 Ulmer sind involviert. Hat sich das Stadtbild verändert? „Das ist schwierig zu beurteilen“, sagt Abfallberaterin Ute Seibt. „Uns berichten Paten aber, dass es dort, wo sie putzen, tatsächlich etwas bringt. Dort werfen die Leute nichts oder weniger hin.“

Ganz anders sieht es in Stuttgart aus. „Ich bin verzweifelt und frustriert“, sagt der Geschäftsführer der Abfallwirtschaft Thomas Heß. „Seit ein, zwei Jahren ist die Vermüllung der Stadt signifikant gestiegen.“ 6000 Tonnen an zusätzlichem Müll sammelt die AWS jährlich aus Parks und Straßen ein. Am Anfang versuchten es die Stuttgarter noch mit Aufklärungsarbeit. Jedoch ohne Erfolg. „An einigen Grillplätzen sieht es nach einem Wochenende verheerend aus“, bedauert Heß. Vor allem die Coffee-to-go-Becher und Styropor-Boxen seien wegen ihres Volumens ein Problem und landen häufig neben dem Eimer. Die Reaktion der Stuttgarter: Seit Anfang des Jahres schuf die Abfallwirtschaft 100 neue Stellen und stellte 1000 Behälter auf. In den kommenden Monaten erhofft sich Heß erste Erfolge. 

Die EU-Kommission hat angekündigt, bestimmte Einmalprodukte wie Plastik-Besteck zu verbieten. Doch der Bund sieht das kritisch. „Es nützt nichts, die Einweg-Teller aus Plastik zu verbieten, wenn danach die Einwegteller aus Aluminium kommen“, sagt Bundesumweltministerium Svenja Schulze. Der Deutschen Umwelthilfe zufolge müssen die Städte aber nicht auf eine bundesweite oder EU-Regelung warten, sondern „könnten selbst eine Verbrauchssteuer einführen“, erklärt der Stellvertretende Leiter Kreislaufwirtschaft, Philipp Sommer. So könnten besonders schädliche Einmalprodukte auch besonders viel kosten. 

Einige Städte gehen bereits mit drakonischen Strafen gegen Umweltsünder vor. Stuttgart etwa setzt künftig Sheriffs ein. Ab dem kommenden Jahr sollen zwölf Scouts Bußgelder zwischen 20 und 100 Euro verhängen.  „Wenn Aufklärungsarbeit nicht hilft, dann muss es eben weh tun“, fordert VKU-Vizepräsident Patrick Hasenkamp. Der Stuttgarter AWS-Geschäftsführer Heß möchte indes einen Appell loswerden. „Bitte haltet doch eure Umwelt sauber. Es ist euer Nest, das ihr verschmutzt.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel