Schilf, Entengrütze, oben auf schwimmt Laub. Nieselregen tröpfelt ein Mosaik kleiner und großer Ringe auf die Wasseroberfläche. Am Ende der Führung durch das Lehr- und Forschungsklärwerk der Universität Stuttgart im Ortsteil Büsnau steht dessen Leiter Peter Maurer vor zwei Teichen. Relikte aus einer Zeit, als bereits geklärtes Wasser in die beiden Becken eingeleitet wurde, um sie als finale Klärstufe zu nutzen.

"Irgendwann war das vorne eingeleitete Wasser sauberer als das, was durch Fische und Vögel verunreinigt hinten raus kam", sagt Maurer. Vorangegangen waren Revolutionen: Von den 70er Jahren an holte die biologische Reinigungsstufe zunehmend organische Reststoffe aus dem Abwasser. In den 80ern folgte die chemische Reinigung, vor allem um schädliches Phosphor auszufällen. Um die Jahrtausendwende meinte man, das Abwasserproblem im Griff zu haben.

Doch dann kam das Teich-Experiment: In dem Bodensee-Zufluss Schussen und in anderen Flüssen hatte man Fische mit verkrüppelten Eierstöcken und Hoden entdeckt. Lag es an der Landwirtschaft, der Industrie, den Klärwerken? In Büsnau machte man vor zehn Jahren den Test, indem man sich der Teiche besann. In den einen floss klares Bachwasser, in den anderen geklärtes Wasser. Das Ergebnis war überraschend: Während die Fische im Bachwasser normal heranwuchsen, schwammen nebenan nur noch Weibchen. "Die Fische haben eine Geschlechtsumwandlung durchgemacht", sagt Maurer. Das geklärte Wasser war zwar klar, die üblichen Analysen zeigten keine Belastung. Aber es war nicht völlig rein: Es enthielt Östrogen-Reste oder verwandte Stoffe.

Nicht die einzigen Spurenstoffe, die Probleme machen. So erstellte die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) das "Spurenstoffinventar der Fließgewässer in Baden-Württemberg". In 17 untersuchten Flüssen - von Donau und Rhein bis Glems und Wutach - sowie sechs Kläranlagen fand man Spurenstoffe. Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) forderte: "Der effizienteste und wirksamste Schutz vor derartigen Stoffen sind Anwendungsbeschränkungen und im Idealfall ein Verbot." Doch sind alle diese Stoffe zu verbieten? Praktisch wohl kaum. Nicht überall sind die Ursache-Wirkungs-Beziehungen so klar zu ziehen wie bei Östrogen und Fischen, sagt Maurer. Zumal ein Gift erst in gewissen Dosen als Gift wirkt. "Und wer will entscheiden, dass ein Patient ein Medikament nicht bekommt, weil die Kläranlage den Wirkstoff nicht herausfiltern kann?"

Das Land und die Kommunen investieren jetzt Millionen in erste neue Filteranlagen. In der so genannten vierten Reinigungsstufe kommt Aktivkohle zum Einsatz, die die Spurenstoffe im Wasser verringern kann. Gleichzeitig wird weiter an dem Einsatz von Aktivkohle geforscht. Ein Problem ist die Vielzahl der chemischen Verbindungen. Alle paar Sekunden wird dem international zuständigen Chemical Abstracts Service (CAS) eine neue Verbindung gemeldet - gut 90 Millionen sind es schon. Immerhin hat die EU 2006 eine Registrierung der Stoffe eingeführt. Bis Ende 2015 will die EU-Kommission Ideen vorlegen, wie mit Arzneimitteln verfahren werden soll. Gesetzesvorschläge erwarte man aber erst für 2017, sagt eine Sprecherin.

Die Tübinger Biologin Rita Triebskorn macht deutlich: Die Uhr tickt. Infolge des demographischen Wandels werden immer mehr Medikamente eingenommen und falsch entsorgt. Auch der Klimawandel wirkt: Mal steigern Trockenzeiten die Konzentration des Spurenstoff-Cocktails. Mal lässt zunehmender Starkregen die Abwasser-Sammelbecken überlaufen.

Triebskorn leitet "Schussen Aktiv Plus", ein von Bund und Land getragenes Projekt. In fünf Anlagen testen Forscher bis Juni 2015, wie Spurenstoffe einzufangen sind. Sie wollen verschiedene Konzepte ausloten, denn allein die rund tausend Anlagen im Südwesten haben sehr unterschiedliche Anforderungen.

So wird in der Großkläranlage Ravensburg nun als vierte Reinigungsstufe Aktivkohle eingesetzt. In dem mittelgroßen Werk Eriskirch wird getestet, wie Aktivkohle und eine Behandlung mit Ozon je für sich und kombiniert wirken. In Merklingen, das mangels Bach zum Einleiten das geklärte Wasser versickern lässt, ergänzt eine Ozon-Anlage den vorhandene Sandfilter. Zudem werden an zwei Rückhaltebecken Konzepte erprobt, wie bei Starkregen das geklärte Wasser zumindest nicht völlig ungefiltert in die Umwelt gelangt.

"Am besten ist die Kombination von Ozon und Aktivkohle", sagt Triebskorn. Aber schon Aktivkohle bringe klare Verbesserungen. Ein Ingenieurbüro erarbeitet nun Kosten-Nutzen-Rechnungen. "Für jede Anlage muss geschaut werden, was die beste Lösung ist." Triebskorn ist optimistisch, dass die vierte Klärstufe viele Probleme löst.

Doch vor welchen Stoffen und Keimen müssen wir geschützt werden? Statt aufwendig zu analysieren, was im Wasser ist, brauche man simple Testverfahren, "Frühwarnsysteme für das Ökosystem". Man müsse beobachten, wie Organismen reagieren. Das führt zurück zu den Fischen: "Schussen Aktiv Plus" betreibt Aquarien, durch die zu testendes Wasser fließt. Auch in Büsnau sind die Teiche bald wieder im Einsatz, wenn an einem Aktivkohle-Filter geforscht wird. Die Wissenschaftler setzen auf solche Bioindikatoren - auch, um allen künftigen bedenklichen Spurenstoffen frühzeitig auf die Spur zu kommen.

Kläranlagen mit zusätzlicher Reinigung

Modernisierung Viele Kläranlagen mit Aktivkohle-Einsatz gibt es noch nicht im Land: Neun sind in Betrieb, vier im Bau, sechs in Planung. Auch wenn ihre Zahl wächt, ist jeder Einzelne gefragt, das Abwasser nicht mit schädlichen Stoffen zu belasten.

Verbrauchertipps Alte Medikamente sollte man in den Restmüll werfen und nicht in der Toilette entsorgen. Daneben sollte man auf chemische Dünge- und Pflanzenschutzmittel im Garten verzichten, mit phosphatfreien Waschmitteln sowie Putzmitteln sparsam umgehen und verstopfte Abläufe nicht mit Chemie, sondern mit dem Gummisaugnapf frei machen. Weitere und detailliertere Tipps bietet ein Flyer des Umweltministeriums.