Einfach Gewissheit haben und nicht immer wieder aufs Neue kämpfen müssen. Das wünscht sich Michael Diederich. Mehr als 2000 Menschen in Deutschland wurden zwischen 1982 und 1987 fahrlässig durch verseuchte Blutpräparate mit HIV und Hepatitis C infiziert. Michael Diederich ist eines dieser Opfer. Der 40-Jährige lebt noch. Die meisten sind längst tot.

Seit 33 Jahren kämpft er mit der und gegen die Krankheit. Die Opfer des riesigen Skandals, auch Diederich, bekommen bisher aus einem Stiftungsfonds eine monatliche Entschädigung. Aber er musste immer wieder für das Geld neue Anträge stellen, und jetzt befürchtet er das gänzliche Versiegen der Fondsquelle. Dann hätten er und die anderen Betroffenen nur noch Anspruch auf die staatliche Grundversorgung. „Ich will endlich Gewissheit haben, dass wir Betroffenen eine lebenslange Fortsetzung der Entschädigung bekommen“, sagt Diederich. Er will daher eine Petition im Deutschen Bundestag einreichen. Er benötigt 50 000 Unterschriften bis zum 20. September, damit sich dann der Petitionsausschuss mit dem Anliegen beschäftigen muss. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Lynn Sziklai sucht er daher Unterzeichner – den kommenden Samstag etwa in der Ulmer Fußgängerzone.

In Ulm wurde Michael Diederich auch 1975 geboren. Seit seiner Geburt leidet er an der Bluterkrankheit (Hämophilie), eine Erbkrankheit, bei welcher die Blutgerinnung nicht funktioniert. Jede Blutung ist für die Betroffenen eine Katastrophe. Dagegen hat die Pharmaindustrie die Medikamente Faktor VIII und Faktor IX entwickelt. Diese sorgen für die Blutgerinnung, sind aber aus menschlichem Blut hergestellt. Die Plasmaspenden stammten in den achtziger Jahren aus den USA. Dieses Spenderblut war mit Aids und Hepatitis verseucht. Die Präparate wurden weltweit Blutern verabreicht.

Bereits 1983 war die Infektionsgefahr bekannt, und es gab auch schon ein neues Herstellungsverfahren, das die Hepatitis- und Aids-Viren abtötet, doch dieser zusätzliche Arbeitsgang war wohl den meisten Pharmaunternehmen zu teuer. Lediglich zwei Pharmaunternehmen stellten das sichere Blutplasma-Präparat her. Wären die Ärzte und Krankenkassen damals gleich auf das sichere aber teurere Präparat umgestiegen, hätten viele Infektionen und in deren Folge Todesfälle vermieden werden können. Das Bundesgesundheitsamt und die Gesundheitsministerien der Länder wussten von der Gefahr, aber unternahmen nichts.

Aufgedeckt wurde der Skandal erst 1993. Der damalige Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) reagierte. Er löste das Bundesgesundheitsamt 1994 auf. Außerdem erließ er 1995 das HIV-Hilfegesetz und richtete eine Stiftung ein, die den HIV-Infizierten eine monatliche Entschädigung zahlt, die Stiftung „Humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte HIV-Infizierte Personen“. Sie ist dem Bundesgesundheitsministerium unterstellt. Die Mittel stammen aus Töpfen von Bund, Ländern, Deutschem Rotes Kreuz und Pharmafirmen. Damals wurde jedoch mit dem Ableben aller Infizierten bis zum Jahre 1999 kalkuliert. Die medizinische Entwicklung hat aber die Lebenserwartung der Betroffenen erhöht. Darum mussten die Betroffenen immer wieder um die Fortsetzung der Zahlungen kämpfen.

Aktuell leben laut Auskunft der Stiftung noch 553 Betroffene und beziehen eine Entschädigung. 2010 wurde der Fonds bis 2016 verlängert, dann seien die Mittel verbraucht.

Nach Angaben der Stiftung möchte sie die Zahlungen auch in den kommenden zehn Jahren weiterführen. Eine „Sprachreglung zur Fortführung der Stiftung“ existiert bereits, also eine protokollarisch festgelegte, mündliche Absprache. Alle Beteiligten, also pharmazeutische Unternehmen, Bund, Länder und DRK, bekunden darin ihre Absicht, weiteres Geld zur Verfügung zu stellen. Allerdings ist das entsprechende Papier noch nicht unterschrieben.

Dem Vorsitzenden der Deutschen Hämophiliegesellschaft, Werner Kalnins, reicht die Regelung nicht. „Wir wollen für unsere Mitglieder Gewissheit, dass sie bis zu ihrem Lebensende Gelder aus dem Fonds bekommen“, fordert er. „Außerdem ist der Betrag seit 1995 gleich, es sollte auch einen Inflationsausgleich von 26 Prozent geben.“ Kalnins begrüßt, dass Michael Diederich eine Petition einreichen will.

 Betroffene wie Diederich sind auf finanzielle Hilfe angewiesen. „Durch meine Krankheit kann ich nicht arbeiten“, sagt der Ulmer. „Die Therapien kosten mich so viel Kraft, dass ich für den Haushalt und den Einkauf manchmal Unterstützung benötige. Ich werde irgendwann ein Pflegefall sein. Schon dafür benötige ich das Geld.“

Diederich wurde als Achtjähriger durch verseuchtes Blutplasma mit HIV  und Hepatitis infiziert.  Seine Eltern hätten es erst zwei Jahre später erfahren, die Ärzte hielten den Befund unter Verschluss. „Das ist grob fahrlässig gewesen“, sagt Diederich. Mit 18 brach dann bei ihm Aids aus. Er hatte zwei Mal innerhalb eines Jahres eine schwere Lungenentzündung. Die Ärzte gaben ihm noch sechs Monate Lebenszeit. In München bekam Diederich schließlich kompetente Hilfe. Heute hat er seine Krankheiten Aids und Hepatitis dank neuer Behandlungsmethoden weitgehend im Griff.

Bis heute seien die Manager der Pharmafirmen rechtlich nicht belangt worden, sagt Diederich. In Deutschland bleibe die Affäre ein Tabuthema, kaum jemand gehe damit an die Öffentlichkeit, weil Aids nach wie vor als „Schmuddelkrankheit“ angesehen werde. „Jeder leidet im Stillen, das ist unser Problem und deshalb sind wir nicht so stark“, sagt Diederich.

Mehr Informationen zur Petition finden sich auf der Internetseite:<span class="externalwebaddresstext"> www.michaeldiederich.de</span> .