Monarchie Spektakuläre Verhaftungswelle in Saudi-Arabien

Riad / Martin Gehlen 19.09.2017
Saudi-Arabien befindet sich in einer Phase des Übergangs. Um jede Instabilität zu verhindern, greift Kronprinz Mohammed bin Salman hart durch.

Das gab es seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Saudi-Arabien erlebt derzeit eine spektakuläre Verhaftungswelle quer durch die Gesellschaft – konservative Prediger, Journalisten, Bürgerrechtler und einflussreiche Akademiker. In Riad stürmten Polizisten das Haus von Scheich Salman al-Awda, der 14 Millionen Follower auf Twitter hat.

In Dammam traf es den Akademiker Mustafa al-Hassan. In Abha holten Sicherheitskräfte den erzkonservativen Scheich Awadh al-Qarni ab. In der Hafenstadt Dschidda nahmen sie den Unternehmer und Publizisten Essam al-Zamel fest, der die Wirtschaftsagenda 2030 des Königshauses als unrealistisch kritisiert. Mehrere ältere Prinzen dürfen nicht mehr ins Ausland reisen.

Dunkelziffer wohl hoch

„Wir können uns nicht erinnern, dass in den zurückliegenden Jahren jemals so viele prominente Saudis in so kurzer Zeit verhaftet wurden“, erklärte Samah Hadid, Direktorin für den Mittleren Osten bei Amnesty International. Menschenrechtsorganisationen gehen bisher von mindestens 30 Festgenommenen aus, betonen aber, dass die Dunkelziffer wohl deutlich höher liegt. „Es ist klar, dass die neue Führung unter Kronprinz Mohammed bin Salman die eisige Botschaft aussenden möchte, freie Meinungsäußerung wird nicht toleriert, und wir knüpfen uns euch vor“, kommentierte Amnesty.

Schon jetzt ist der 32-Jährige faktisch Alleinherrscher seines Landes. In den kommenden Monaten will er seinen greisen Vater Salman auf dem Thron ablösen und könnte dann ein halbes Jahrhundert lang die Geschicke Saudi-Arabiens lenken. In dieser Übergangssituation soll  sämtliche Kritik erstickt werden.

Junge Generation als Machtbasis

Gleichzeitig appelliert der künftige Monarch an die junge Generation, die mehr als die Hälfte der 20 Millionen Saudis ausmacht. Diese sieht er als eigentliche Machtbasis, von ihr lässt er sich als moderner Garant der Nachwuchsinteressen feiern. Mohammed bin Salman will einen apolitischen, königstreuen Nationalismus, der den konservativen Islamismus und die politischen Freiheitsideen verdrängen soll.

Der prominente Kommentator Jamal Khashoggi, der sich kürzlich wegen der „erstickenden Atmosphäre“ daheim in die USA absetzte, sagt, die Transformation werde schmerzhaft und hart – und sie erfordere Einigkeit. „Stattdessen aber fördern sie die Einschüchterung.“

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