Nun kommt es auf die Türkei an. Vor allem von ihr hängt ab, ob der Flüchtlingsstrom über die Ägäis gebremst werden kann. Jetzt muss sich die Vereinbarung mit Ankara bewähren. Dazu gehört, dass die Türkei den Schleusern an ihren Küsten das Handwerk legt und Migranten zurücknimmt, die über die Ägäis nach Griechenland kommen. Im Gegenzug wollen die EU-Staaten Asylberechtigte direkt aus der Türkei legal einreisen lassen. Bundeskanzlerin Angela Merkel verteidigte den Pakt: Er sei "absolut im Interesse Europas". Man könnte auch sagen: Das Abkommen ist alternativlos. Denn der Schlüssel zur Bewältigung der Flüchtlingskrise liegt nun mal in Ankara. Aber die Türkei ist ein problematischer Partner - vor allem wegen der zunehmend despotischen Anwandlungen des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Gerade in diesen Tagen zeigt Erdogan, was er von demokratischen Grundrechten wie der Meinungsfreiheit hält - nämlich gar nichts.

Als Erdogan mit seiner islamisch-konservativen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) Ende 2002 die Wahlen in der Türkei gewann, war er nicht nur für viele Türken ein Hoffnungsträger. Auch im Westen setzen viele in Erdogan hohe Erwartungen. Der gemäßigte Islamist versprach, die Korruption auszumerzen und sein Land nach Europa zu führen. Tatsächlich setzte Erdogan in den ersten Jahren zahlreiche Reformen um und öffnete so 2005 die Tür zu Beitrittsverhandlungen mit der EU.

Doch inzwischen zeigt der Boss am Bosporus sein wahres, autoritäres Gesicht. Korruptionsvorwürfe werden nicht untersucht sondern abgewürgt, wie Ende 2013. Unnachsichtig lässt Erdogan Kritiker verfolgen, dämonisiert politische Gegner als "Terroristen" und untergräbt die Gewaltenteilung. Als das türkische Verfassungsgericht kürzlich zwei kritische Journalisten aus der Untersuchungshaft auf freien Fuß setzte, erklärte Erdogan unverblümt, er werde das Urteil weder respektieren noch umsetzen. Notfalls, so drohte der Präsident, werde er das Verfassungsgericht einfach abschaffen. Erinnerungen an die 1990er Jahre werden wach. Damals gehörte Erdogan zur islamisch-fundamentalistischen Wohlfahrtspartei und dozierte, die Demokratie sei "wie ein Zug": Man fahre mit, bis man sein Ziel erreicht habe, dann steige man aus. Manche Beobachter ziehen bereits Parallelen zur Weimarer Republik und sehen die Türkei auf dem Weg in eine Diktatur.

Erdogan polarisiert. Die Unruhen in den Kurdenprovinzen eskalieren zum Bürgerkrieg. Hunderttausende sind auf der Flucht vor der Armee, die ganze Stadtteile in Schutt und Asche legt. Die PKK trägt derweil ihren Terror in den Westen, nach Ankara und Istanbul. Die Türkei ist ein zerrissenes Land. Kritiker werfen Erdogan vor, er schüre den Konflikt, um seine Rolle als Alleinherrscher zu untermauern.

Mit diesem Demokratie-Aussteiger und Scharfmacher paktiert die EU jetzt. Während der türkische Premier Ahmet Davutoglu den Beginn "eines neuen, historischen Kapitels in den Beziehungen zu Europa" feiert, dreht die Regierung Reformen zurück und verstärkt die Repressionen gegen Oppositionelle. Das Land bewegt sich nicht auf die EU zu sondern von Europa weg. Es entsteht der Eindruck, nicht die Türkei wolle in die EU aufgenommen werden, sondern Europa solle der Türkei beitreten. Erdogan will sein Demokratieverständnis offenbar der EU aufzwingen. Das zeigt die Einbestellung des deutschen Botschafters ins türkische Außenministerium wegen einer Erdogan-Satire des NDR-Fernsehens. In der Türkei hätte er die verantwortlichen Journalisten wohl wegen Präsidentenbeleidigung oder terroristischer Umtriebe vor Gericht gestellt. Auch bei seinem USA-Besuch benahm sich Erdogan vergangene Woche, als sei er zuhause: In Washington attackierten seine Bodyguards Reporter und beschimpften Demonstranten als "Terroristen".

US-Präsident Barack Obama geht auf Distanz zu Erdogan. Angesprochen auf die jüngsten Prozesse gegen regierungskritische Journalisten sagte er: "Es ist kein Geheimnis, dass es ein paar Entwicklungen in der Türkei gibt, über die ich beunruhigt bin." Auch für Obama gilt: Er will eigentlich nicht mit Erdogan, aber er muss. Für die Nato ist die Türkei an der Schwelle zum chaotischen Nahen Osten unersetzlicher denn je. Wie die EU in der Flüchtlingsfrage, ist auch Washington von Erdogan abhängig: Für den Kampf gegen die IS-Terrormiliz braucht die US Air-Force den türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik. Der Westen ist auf die Türkei angewiesen. Erdogan weiß das.

Als der deutsche Botschafter Martin Erdmann ins türkische Außenministerium einbestellt wurde, um sich für die NDR-Satire zu rechtfertigen, hatte er eine Ausgabe des Grundgesetzes dabei, in deutscher und türkischer Sprache. Ob sich die türkischen Gesprächspartner dafür interessierten, ist nicht überliefert. Ankara plant zwar eine neue Verfassung, die allerdings in eine ganz andere Richtung geht: Premier Davutoglu kündigte jetzt die Einführung eines Präsidialsystems an. Das bedeutet: noch mehr Macht für Erdogan.