Die Rentenversicherung steht gut da. Das macht es möglich, „losgelöst von kurzfristigem Krisenmanagement über eine sachgerechte langfristige Weiterentwicklung der Alterssicherung nachzudenken“. So vorsichtig redet Annelie Buntenbach nur, wenn sie den Hut als Vorsitzende der Deutschen Rentenversicherung Bund aufhat. Dann muss sie jedes Wort mit ihrem Stellvertreter Alexander Gunkel von den Arbeitgebern abstimmen. Als Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) haut Buntenbuch dagegen kräftig auf die Pauke: Das Rentenniveau dürfe nicht weiter sinken. Es müsse auf dem derzeitigen Stand von 48 Prozent eingefroren und bald auf mindestens 50 Prozent erhöht werden.

Die Gewerkschafterin und ehemalige Grünen-Politikerin zeigt: Das Thema Rente ist eine Sache des Standpunkts. Die Mehrzahl der Erwerbstätigen befürchtet, für den Ruhestand nicht ausreichend abgesichert zu sein, wie Umfrage zeigen. Fast drei Viertel aller Ruheständler beklagen, die Renten seien nicht angemessen im Vergleich zu ihren Einzahlungen. Doch wer soll bessere Leistungen bezahlen? Zumindest in einem sind sich Buntenbach und Gunkel einig: Es muss „Leitplanken“ geben sowohl gegen ein zu niedriges Rentenniveau als auch gegen einen zu starken Anstieg des Beitragssatzes.

Keine Legislaturperiode ohne Rentenreform. In der zu Ende gehenden gab es eine ganze Reihe: Die Verdoppelung der Mütterrente und die Rente mit 63 brachten erhebliche Mehrausgaben. Die niedrigen Erwerbsminderungsrenten wurden gleich zweimal aufgebessert, wenn auch nur für neue Fälle. Zuletzt wurden die Ost-West-Rentenangleichung und Verbesserungen bei den Betriebsrenten beschlossen. Zumindest bis 2021 ist die Lage entspannt: So lange reicht voraussichtlich der derzeitige Beitragssatz von 18,9 Prozent, und das Rentenniveau dürfte kaum sinken. Erst wenn die Babyboomer verstärkt in Rente gehen, nehmen die Probleme zu. Doch wo sind die Stellschrauben?

Das Rentenalter: Die Anhebung auf 67 Jahre ist in vollem Gang. Der Jahrgang 1952, der in diesem Jahr 65 wird, erreicht die „Regelaltersgrenze“ mit 65 Jahren und sechs Monaten. Abgeschlossen ist der Prozess erst 2031: Der Jahrgang 1964 ist der erste, der bis 67 arbeiten muss. Bis dahin ist die weitere Anhebung der Altersgrenze nicht akut. Dann muss überlegt werden, was passiert, wenn die Lebenserwartung – und damit die Zeit des Rentenbezugs – weiter steigt.

Wissenschaftler schlagen eine feste Formel vor, wie die zusätzliche Last verteilt wird, also wie rasch das Rentenalter weiter erhöht wird. Das Ergebnis der Überlegungen sind gelegentlich Schlagzeilen über die Rente mit 70. Die droht aber erst in Jahrzehnten. Wegen der langfristigen Lebensplanung der Betroffenen müssen Entscheidungen im nächsten Jahrzehnt fallen.

Das Rentenniveau: Es sinkt wohl frühestens 2020, und durch die gute Konjunktur war die Entwicklung schon in den letzten Jahren deutlich besser als erwartet. Ohne Eingriffe fällt es 2030 voraussichtlich auf 44,5 Prozent und 2045 auf 41,7 Prozent der durchschnittlichen Bruttogehälter der Arbeitnehmer. Gleichzeitig steigt der Beitragssatz über 21,8 auf 23,6 Prozent. Sicher ist, dass nicht der monatlich ausgezahlte Betrag niedriger ausfällt, sondern nur das Verhältnis zu den Verdiensten der Arbeitnehmer. Auch die Inflation soll ausgeglichen werden.

Die Selbständigen: Handlungsbedarf sehen Rentenpolitiker schon lange bei kleinen Selbständigen, die nicht rentenversichert sind und zu wenig privat vorsorgen: Sie sind leicht im Alter auf staatliche Grundsicherung angewiesen. Daher wird diskutiert, dass alle eine Altersvorsorge haben müssen, wenn sie nicht schon Mitglied eines Berufs-Vorsorgewerks sind, wie etwa Ärzte oder Rechtsanwälte. Machbar ist das nur für Jüngere. Müssten sie in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, brächte ihr das zunächst zusätzliche Einnahmen, also eine Entlastung, und erst in Jahrzehnten Ausgaben.

Die Solidarrente: Wer lange Rentenbeiträge gezahlt hat, soll im Alter mehr haben als die staatliche Grundsicherung. Darüber sind sich Rentenpolitiker einig. Doch bisher wurde kein Konzept verwirklicht, schon weil sich schnell zeigt, dass nur wenige in den Genuss kämen. Altersarmut lässt sich langfristig am besten durch bessere Ausbildung und höhere Verdienste bekämpfen.

Der Bundeszuschuss: Der Bund überweist dieses Jahr über 90 Milliarden Euro an die Rentenversicherung, über ein Viertel des Bundeshaushalts, Tendenz steigend. Dem stehen versicherungsfremde Leistungen und Babyjahre gegenüber. Der Finanzminister hat den Zuschuss immer wieder willkürlich gekürzt, um andere Löcher zu stopfen. Schon deswegen halten die Rentenversicherer eine weitere kräftige Erhöhung für keine sichere Sache.

Die zusätzliche Altersvorsorge: Eigentlich sollte die Riester-Rente das sinkende Rentenniveau ausgleichen. Aber nur gut ein Drittel der Arbeitnehmer hat eine abgeschlossen, und wegen der Minizinsen bringt sie im Alter deutlich weniger wie erwartet. Jetzt hoffen Politiker, dass mehr Arbeitnehmer in den Genuss einer Betriebsrente kommen. Was mit denen geschieht, die nicht zusätzlich vorsorgen, ist ungelöst.