Interview Smartphone: Alles dreht sich um maximale Zerstreuung

Alexander Markowetz: Wir müssen lernen, mit dem Smartphone umzugehen.
Alexander Markowetz: Wir müssen lernen, mit dem Smartphone umzugehen. © Foto: privat
Ulm / ANTJE BERG 02.08.2016
Eine App jagt die andere: Mit dem übermäßigen Gebrauch des Smartphones zerhacken wir den ganzen Tag, sagt der Informatiker Dr. Alexander Markowetz.

Herr Markowetz, Sie halten unseren Umgang mit dem Smartphone für problematisch. Ihre These: Zu viel davon macht unglücklich und unproduktiv. Woher diese Erkenntnis?
MARKOWETZ: Zuerst war da die eigene Erfahrung: Ich habe in Informatik promoviert und saß den ganzen Tag vor dem Laptop. Zu 10 Prozent hatte das mit meiner Doktorarbeit zu tun, der andere Mist war überflüssig. Heute nutze ich das Smartphone genauso übertrieben häufig wie die meisten anderen Menschen, versuche aber immer wieder, die Zeit damit auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Später haben wir an unserem Institut das Verhalten von Smartphone-Nutzern untersucht und waren erschrocken über die Ergebnisse.

Was haben Sie herausgefunden?
MARKOWETZ: Im Schnitt wird das Smartphone zweieinhalb Stunden pro Tag genutzt, nur sieben Minuten davon, um zu telefonieren. Den Rest der Zeit verwenden die Leute, um Freunden auf Whatsapp zu schreiben, in Facebook herumzudaddeln,  Spiele zu  spielen, im Internet zu surfen, Videos auf Youtube zu schauen und Nachrichten zu verfolgen. Das hört sich mitunter dramatischer an als es ist, denn das alles sind ja Dinge, die wir früher meist auf  andere Weise auch gemacht haben. Die zweieinhalb Stunden an sich sind also vielleicht gar nicht das Problem.

Was ist es dann?
MARKOWETZ: Dass wir das Gerät so oft einschalten, im Schnitt 88 Mal am Tag, 35 Mal aus geringfügigen Gründen, etwa um nach der Uhr zu schauen. 53 Mal aber schreiben oder lesen wir Nachrichten und verwenden Apps. Ausgehend von acht Stunden Schlaf nutzen wir das Gerät alle 18 Minuten. Es gibt aber nicht nur das Smartphone, sondern auch das Laptop, das Fernsehen, die Kollegen, die Freunde, die Kinder. Das Resultat ist ein hochfragmentierter Lebensstil. Unentwegt unterbricht man sich selbst oder wird durch andere unterbrochen. So zerhackt man den ganzen Tag.

Mit welchen Folgen?
MARKOWETZ: Wir nutzen das Smartphone noch nicht  lange genug, um etwas über Langzeitfolgen zu wissen. Es liegt nahe, dass eine Zunahme von Aufmerksamkeitsstörungen die Folge sein wird. Es ist wie mit dem Klimawandel: Wir können nicht auf absolute Gewissheit warten, sondern müssen handeln und uns fragen: Wie verhindern wir das Schlimmste?

Was ist das Schlimmste?
MARKOWETZ: Dass uns zwei wichtige Dinge verloren gehen: Das, was wir als Flow bezeichnen, das beglückende Gefühl, in dem, was wir gerade tun, vollkommen aufzugehen. Weil wir immer wieder unterbrochen werden, kann sich dieses Gefühl immer seltener aufbauen. Gleichzeitig sind wir durch die vielen Unterbrechungen weniger produktiv. Anders gesagt: Wir sind weniger glücklich und weniger produktiv, als wir es sein könnten. Und wir zerstören die vielen wertvollen, kleinen Pausen im Alltag.

Man wartet auf den Bus und zieht das Smartphone aus der Tasche.
MARKOWETZ: Genau,  all diese Momente der Passivität, in denen man zu sich kommt, innehält, reflektiert, fehlen plötzlich, weil man glaubt, mit dem Smartphone noch schnell etwas erledigen zu können.  Tun das immer mehr Menschen, verändert das auf Dauer die Gesellschaft.

Sind Sie da nicht zu pessimistisch?
MARKOWETZ: Nein. Im Moment dreht sich alles um maximale Zerstreuung. Wenn wir das weiter so laufen lassen, wird das unsere Gesellschaft fahriger,  unfreundlicher, oberflächlicher, gereizter machen.

Wie steuern wir gegen?
MARKOWETZ: Ein kompletter Verzicht ist illusorisch. Es geht mir auch nicht darum, das Smartphone zu verdammen. Diese Dinger können das Leben erleichtern, und sie machen Spaß. Wir müssen nur noch lernen, richtig damit umzugehen.

Was schlagen Sie vor?
MARKOWETZ: Achtsamkeit und Etikette. Zum einen müssen wir unserem Drang Einhalt gebieten, ständig etwas „checken“ zu wollen. Zum anderen müssen wir uns Rücksicht entgegenbringen. Man kann etwa Zonen einrichten, in denen das Smartphone tabu ist: der Esstisch, das Schlafzimmer, der Schreibtisch. Schon mit solch simplen Regeln kann man das eigene Verhalten einfangen. Und wir müssen uns gegenseitig den Kopf freihalten: Darf ich mein Gegenüber mit diesen Informationen belasten? Muss unbedingt per Messenger kommuniziert werden? Reicht nicht eine Mail? Oder ist es so dringend, dass es sofort besprochen werden muss?

Sie empfehlen, Diät zu halten, statt sich zu überfressen.
MARKOWETZ: Ich bin sicher: Wenn wir beide in fünf Jahren in den Buchladen gehen, stehen da 150 Bücher über digitale Diäten.

Info Alexander Markowetz  leitete an der Uni Bonn die Entwicklung der Menthal-App, mit der man Smartphone-Gewohnheiten messen kann. Er ist Autor des Buches „Digitaler Burnout“.

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