Kairo Sechs Stunden lang hallen die Schüsse

Nach den blutigen Straßenkämpfen am Samstag fanden im Notlazarett neben der Rabaa Adawiya Moschee in Kairo viele Verletzte Hilfe. Foto: Katharina Eglau
Nach den blutigen Straßenkämpfen am Samstag fanden im Notlazarett neben der Rabaa Adawiya Moschee in Kairo viele Verletzte Hilfe. Foto: Katharina Eglau
Kairo / MARTIN GEHLEN 29.07.2013
Die Gewalt in Ägypten hört nicht auf. Der Sicherheitsapparat geht immer brutaler gegen Islamisten vor. Eine nach dem Sturz Mubaraks entmachtete Staatssicherheit soll reaktiviert werden.

Männer schleppen nagelneue Kühlschränke heran, draußen vor der Türe werden in Schutzfolien verpackte Krankenliegen abgeladen. Im Inneren des provisorischen Lazaretts neben der Rabaa Adawiya Moschee in Kairos Stadtteil Nasr City beugen sich Apotheker über unendliche Mengen an Plastiktüten mit frischen Medikamenten, die Freiwillige aus allen Teilen der Hauptstadt Ägyptens den Tag über hergebracht haben. Vor einem Krankenwagen reihen sich die Menschen, die Blut spenden wollen.

Islam Abdel Halim hat den ganzen Horror miterlebt. Fast alle Opfer des Massakers von Samstag früh wurden in Kopf, Hals, Oberkörper oder in die Schlagader im Oberschenkel getroffen. "Solche Schüsse, die sofort töten, beherrschen nur Profis", sagt der junge Medizinstudent im weißen Kittel. Mindestens 80 Menschen sind getötet und 800 verletzt worden.

Mehr als neun Stunden lang hatten sich in dem Notlazarett chaotische Szenen abgespielt. Unablässig wurden neue vor Schmerz stöhnende Männer hereingeschleppt. Überall schrien Helfer durcheinander, andere brachen weinend zusammen. "Es ist unvorstellbar, es ist die Hölle", sagte Hisham Ibrahim, Leiter der Notklinik. Die Wut auf Ägyptens Armeechef Abdel Fattah al-Sisi - endlos: "Al-Sisi ist ein Mörder" und "Das Volk fordert die Hinrichtung der Mörder", skandierte draußen die Menge, die hier seit vier Wochen campiert und die Wiedereinsetzung des durch das Militär gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi fordert.

Nach Angaben von Augenzeugen hatten Polizeieinheiten am Samstag kurz nach Mitternacht zunächst Tränengas gegen Pro-Mursi-Demonstranten in Nasr City eingesetzt, die Menge dann aber ab ein Uhr früh unter Feuer genommen. Ausgelöst wurden die Auseinandersetzungen, als Muslimbrüder versuchten, die in der Nähe ihres Camps vorbeiführende 6.-Oktober-Brücke zum Flughafen zu besetzen. Mehr als sechs Stunden lang hallten Schüsse durch die Häuserfluchten. Scharfschützen zielten von Dächern herunter auf die Menschen. Autos gingen in Flammen auf, am Ende waren die Straßen übersät mit Blutlachen, Patronenhülsen und Steinen.

In Europa und den USA löste die Eskalation Sorge und Entsetzen aus. Besonders US-Außenminister John Kerry redete der neuen Führung in Kairo hart ins Gewissen und erklärte, Ägypten müsse vor dem Abgrund bewahrt werden und alle Seiten müssten in einen "sinnvollen politischen Dialog" eintreten. Es sei "essentiell, dass die Sicherheitskräfte und die Interimsregierung das Recht auf friedlichen Protest respektieren, einschließlich der gegenwärtigen Sitzstreik-Proteste" - eine klare Anspielung auf die beiden Camps der Muslimbrüder in Nasr City und in Giza gegenüber der Universität Kairo. Die Außenbeauftragte der Europäischen Union, Catherine Ashton, erklärte, die einzige Lösung sei ein Übergangsprozess, der alle politischen Gruppen, auch die Muslimbruderschaft, mit einschließe.

Der verantwortliche Innenminister Mohammed Ibrahim ging auf seiner Pressekonferenz mit keinem Wort auf die hohe Zahl der Erschossenen ein. Die Polizei sei angegriffen worden und habe lediglich Tränengas eingesetzt. "Wir haben nie und werden nie einen einzigen Schuss auf einen Ägypter abgeben", behauptete er, auch wenn Fotos und Videos ein ganz anderes Bild vermitteln. Sie zeigen vermummte Mitglieder der schwarz gekleideten Spezialeinheiten sowie zivile Scharfschützen, die gezielt auf die Demonstranten feuern. Nach Angaben von Ibrahim wurden 14 Polizisten und 37 Soldaten verletzt, zwei Beamte durch Schüsse in den Kopf. Gleichzeitig kündigte Ibrahim an, man werde die nach dem Sturz von Husni Mubarak entmachtete und für ihre Folterpraxis berüchtigte Staatssicherheit reaktivieren - und zwar die Abteilungen zum Kampf gegen Terrorismus sowie zur Überwachung politischer und religiöser Aktivitäten.

Als einziger aus der neuen Führung beklagte Vize-Übergangspräsident und Friedensnobelpreisträger Mohammed El-Baradei den "Einsatz von unverhältnismäßiger Gewalt und den Tod der Opfer", ohne jedoch die Verantwortlichen eindeutig zu benennen. "Es wird höchste Zeit", twitterte er, "dass wir den miserablen Zustand der Polarisierung durch den Einsatz von Vernunft beenden."

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