Paragraf 175 Schwule und der Paragraf 175: Gejagt wie die Hasen

Mathias Puddig 12.01.2017

Als er zum ersten Mal festgenommen wird, ist er noch minderjährig, gerade
16 Jahre alt. Er sitzt mit einem anderen Mann abends auf einer Bank im Volkspark Schöneberg. Dass das in West-Berlin Anfang der 60er Jahre ein beliebter Treffpunkt für Schwule ist, hat er erst kurz zuvor erfahren. Er und sein Begleiter werden in einem VW Käfer in die Gothaer Straße gebracht – ins Sittendezernat. Dort behandelt man ihn erkennungsdienstlich. Name: Helmut Beyer. Geboren: 1946 in Berlin-Charlottenburg. Die Polizeibeamten machen Fotos und nehmen Fingerabdrücke. Dann der Anruf bei den Eltern. Der Vater will von nichts wissen, die Mutter rät ihrem Sohn, vorsichtig zu sein.

Wenige Tage später steht ein Mann vom Gesundheitsamt vor der Tür. Helmut Beyer wird zum Bluttest aufgefordert. Auf seiner Karteikarte gibt es nun den Stempel HWG – häufig wechselnde Geschlechtspartner. Den bekommen damals alle schwulen Männer.

Heute ist Helmut Beyer 70 Jahre alt. Ein fröhlicher Mann, der zu seiner Homosexualität steht und sich regelmäßig mit anderen Schwulen seines Alters im Sonntags-Club in Prenzlauer Berg trifft. „2. Halbzeit“ heißt ihr Stammtisch selbstbewusst. Doch die Erinnerung an seine Jugend wühlt ihn auch nach einem halben Jahrhundert noch auf. Über seinen Besuch im Gesundheitsamt sagt er heute: „Ich hab mir vor Angst fast in die Hosen gemacht, saß zwischen den Nutten herum und war völlig überfordert mit der Situation.“

In der Bundesrepublik gilt zu dieser Zeit die von den Nationalsozialisten ­verschärfte Variante des Schwulen­paragrafen 175: „Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt, wird mit Gefängnis bestraft.“ Auch Beyer bekommt Post von der Staatsanwaltschaft. „In Ihrer Angelegenheit“, heißt es in dem Schreiben lapidar. Beyer weiß gar nicht, was das sein soll – „seine Angelegenheit“.

Bei der Sittenpolizei erfährt er dann, dass man ihm „gewerbliche Unzucht“ vorwirft. „Die hielten mich für einen Stricher!“ Ihm drohen bis zu zehn Jahre Zuchthaus. „Das war schlimm, ich hatte schließlich nichts gemacht. Ich hatte nur mit jemandem auf einer Bank gesessen.“ Kaum drei Jahrzehnte sind da vergangen, seit in der NS-Zeit Homosexuelle verfolgt und in Konzentrationslager gesperrt worden sind. Nun führt die Polizei in der Bundesrepublik wieder „Rosa Listen“.

„Gegen die Menschenwürde“

Zwischen 1950 und 1969 kommt es zu mehr als 100 000 Ermittlungsverfahren und 50 000 Verurteilungen. Danach gehen die Zahlen im Zuge des gesellschaftlichen Wandels zurück. Erst 1994 wird der Paragraf 175 ersatzlos aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Frühere Urteile bleiben allerdings bestehen.

Das könnte sich nun ändern. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hat einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, um die in der Bundesrepublik nach Paragraf 175 verurteilten Männer zu rehabilitieren und sie auf diese Weise vom Strafmakel zu befreien. Die geschätzt 5000 noch lebenden Opfer sollen mit insgesamt 30 Millionen Euro entschädigt werden. Die Ausgleichszahlungen könnten aus pauschal 3000 Euro sowie 1500 Euro je angefangenem Jahr einer Inhaftierung bestehen. Derzeit wertet das Ministerium die Stellungnahmen der Länder und Verbände zu dem Gesetzentwurf aus. Der Bundestag soll die Gesetzesänderung „so schnell wie möglich beschließen“, heißt es im Ministerium.

„Diese Urteile sind aus heutiger Sicht ein klarer Verstoß gegen die Menschenwürde“, sagt Maas. Zusätzlich zur individuellen macht er sich deshalb auch für eine Kollektiventschädigung stark. „Bereits die Existenz der Strafvorschrift hat zu Stigmatisierungen und belasteten Biographien geführt, ohne dass es zu einer Verurteilung gekommen sein muss“, begründet der Justizminister dieses Vorhaben. Geplant ist, dass die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld 500 000 Euro erhält. Die Stiftung, die nach dem Arzt, Sexualforscher und Mitbegründer der ersten deutschen Homosexuellen-Bewegung benannt worden ist, will die Akzeptanz von Menschen mit einer nicht-heterosexuellen Orientierung in der Gesellschaft fördern.

Helmut Beyer bleibt damals ohne Verurteilung. Weil er bei Bosch zum Industriekaufmann ausgebildet wird, bekommt er eine günstige Sozialprognose. Sein Verfahren wird eingestellt. Doch die Begegnungen mit den Behörden hören nicht auf. „Wie die Hasen“ seien er und seine Bekannten in den Jahren und Jahrzehnten danach durch die Parks gejagt worden. „Ich habe Razzien erlebt, das kann man sich nicht vorstellen. Wir wurden wie Vieh zusammengepfercht in diese Mannschaftswagen. Manch einer hat sich umgebracht.“

Zwar wird 1969 der Paragraf 175 liberalisiert, sodass Homosexualität unter Männern über 21 Jahren straffrei bleibt. Razzien in Schwulen-Kneipen gibt es in West-Berlin aber noch bis in die frühen 90er Jahre. „Das war nicht nur demütigend, man verstand es auch nicht. Man fühlte ja nicht, dass man etwas Verbotenes gemacht hatte“, sagt Helmut Beyer.

Unter der Stigmatisierung hat er lange gelitten. „Ich vergesse das nicht“, sagt er. „Es ist nicht so, dass mich das noch belastet. Das ist vorbei. Aber ich habe es lange mit mir herumgetragen.“ Jahrzehntelang gelingt es ihm nicht, offen zu seiner Homosexualität zu stehen. „Dieses Nach-außen-Tragen, das habe ich erst geschafft, als ich 55 war.“

Sozialer Abstieg bis zum Penner

Stigmatisierung gibt es auch in der DDR, die Gesetzgebung aber ist liberaler. Von 1957 an werden die Verfahren nach dem Paragrafen 175 wegen Geringfügigkeit generell eingestellt, sodass aus dem Osten 4300 Verurteilungen bekannt sind, viel weniger als aus dem Westen. 1968 tritt der neue Paragraf 151 in Kraft, der homosexuelles Verhalten nur noch zwischen Erwachsenen und Jugendlichen bestraft – allerdings auch unter Frauen.

Die gelockerte Gesetzgebung im Osten gibt Schwulen und Lesben eine gewisse Freiheit. Micha Unger, nur drei Monate jünger als Helmut Beyer und ebenfalls regelmäßig beim Stammtisch der „2. Halbzeit“ zu treffen, zieht als Jugendlicher nach Ost-Berlin. „So abenteuerliche Geschichten wie Helmut kann ich nur von 1989 erzählen, als die politischen Unruhen waren“, sagt er. „Ich hab die letzte Razzia gegen Schwule im Osten Anfang 1967 erlebt.“ In Prenzlauer Berg findet Unger 1977 mit seinem Freund sogar eine gemeinsame Wohnung. „Die haben uns damals gesagt: Wir werden Sie behandeln wie ein kinderloses Ehepaar.“ Er vermutet: „Das wäre in Dresden wahrscheinlich nicht möglich gewesen.“

Aus seiner Heimat im Erzgebirge erzählt er vom stellvertretenden Bürgermeister seines Dorfes. Einem angesehenen Mann – bis zu jenem Tag, als seine Homosexualität bekannt wird. Er sei sofort geschieden worden, habe dann Haus und Hof verloren. „Den hab ich irgendwann wieder getroffen. Da saß er genau auf der Bank, wo sonst der Penner saß“, erzählt Unger. Ihm bleibt so ein Schicksal erspart, er studiert an der Filmhochschule Babelsberg Regie und definiert sich nach außen hin über seine Arbeit.

Unger, der vor kurzem noch einmal einen Partner gefunden hat, weiß sehr wohl, dass sich das alles wie aus einer anderen Welt anhört. „Für junge Schwule klingt das heute so, als ob ich Märchen erzähle.“ Auch Beyer, der seine eigene Jugend als „verpasst“ bezeichnet und heute allein lebt, sieht das so. Allerdings warnt er auch:  „Die jungen Leute meinen, sie brauchen die Community nicht. Sie glauben, sie müssten sich nicht organisieren, weil alles sicher ist.“ Eine ­Sicherheit, die er inzwischen für bedroht hält. „Wir haben eine Partei, die offen gegen Homosexuelle hetzt“, meint er mit Blick auf die AfD, „und niemand ist da, der den Finger hebt und sagt: ,Das geht nicht.’ Weder die Linkspartei, noch die Grünen.“

Dennoch hat das im Jahr 2000 von Rot-Grün im Bund beschlossene Gesetz zur eingetragenen Lebenspartnerschaft maßgeblich dazu beigetragen, das gesellschaftliche Klima zu verändern. Vergleicht er die 50er und 60er Jahre mit der Gegenwart, sagt Unger: „Die Jungen haben es heute viel leichter – nicht nur, wenn sie Sex finden wollen, sondern auch, wenn es darum geht, es überhaupt zuzulassen, sich in einen Mann zu verlieben.“