Belgrad Schwankend nach Europa

Belgrad / NORBERT MAPPES-NIEDIEK 11.07.2012
Freier Bürgersinn und provinzielles Denken: Serbien hat eine reiche demokratische Tradition, ist aber auch von Nationalismus und Klientelpolitik geprägt. In die EU streben viele nur mangels Alternative.

Wer sich für Politik interessiert, ist in Serbien richtig. Die schönsten, aber auch wildesten Analysen kann man im Café des Hotels Moskva in Belgrad hören, wo sich ältere Herren mit sorgsam gestutzten Schnurrbärten über die Intrigen und geheimen Absichten der Mächtigen austauschen. Alle tragen sie die"Politika" unter dem Arm, die älteste und wohl beste Tageszeitung der Region. Man kennt alle Politiker, weiß, wo sie herkommen und was sie früher gesagt haben.

Mehr als die anderen Hauptstädte der Region verfügt Belgrad über ein politisch gebildetes Bürgertum, das Wert auf ein scharfsinniges Urteil legt. Von eben dieser Szene aber haben sich viele Serben, zumal die jüngeren, abgewandt. Das "Politisieren" hat ihnen nicht genützt und nicht wenige meinen, es habe sie in die Katastrophe des Krieges gestürzt. Die Demokratie, für manche Nachbarvölker noch fremd, ist in Serbien diskreditiert.

Die Parteien blicken auf eine ehrwürdige Tradition zurück. Die Demokratische Partei des im Mai abgewählten Präsidenten Boris Tadic repräsentiert seit jeher das moderne, liberale Belgrad. Die Sozialisten des künftigen Regierungschefs Ivica Dacic berufen sich auf die Tradition der Arbeiterbewegung, die hier früh begann. Selbst die Radikalen, die seit Mai mit Tomislav Nikolic den Präsidenten stellen, haben eine große Geschichte: Sie führen sich zurück auf Nikola Pasic, den Einiger Jugoslawiens.

Der freie Bürgersinn und die große Tradition bilden zusammen aber höchstens die halbe Wahrheit über Serbiens Demokratie. Schon immer stand den Demokraten in Belgrad eine nationalistische, bäuerlich-provinzielle Strömung gegenüber, der sich in der Ära Milosevic auch ein Gutteil des Bürgertums anschloss.

Die heutige Radikale Partei, die das Land künftig gemeinsam mit den Sozialisten führen will, ist ländlich-national geprägt und in demokratischer Praxis ungeübt. Sie entstammt der Kultur der "Palanka", der osmanischen Kleinstadt. Typisch dafür ist das ausgeprägte Patronagesystem, das lokale Fürsten unterhalten. Einige seiner Vertreter haben in der neuen Regierung ein entscheidendes Wort mitzureden. Sie stehen für autoritäre Herrschaft, Abneigung gegen Liberalität und Moderne und vor allem eine Kultur der "bliski", der "Nahestehenden", und der "kumovi", der Paten, denen man treu zu bleiben hat.

Wenn sich diese Leute heute auf den EU-Beitritt orientieren, dann nur, weil sich für Serbien in der globalisierten Welt und bei seinem wirtschaftlichen Elend keine Alternative anbietet. Echte Westorientierung ist ihnen fremd. In dem parteiübergreifenden Streben nach Europa liegt aber auch eine Chance: Gelingt es, das traditionelle Serbien Richtung Westen mitzunehmen, kann das hundertjährige Schwanken der Nation zwischen West und Ost ein glückliches Ende finden.

Die Skupstina, das serbische Parlament, funktioniert besser als seine Pendants in den Nachbarländern. Ausgerechnet Boris Tadic, der entschlossene Pro-Europäer, allerdings hat die Befugnisse seines Amtes im Dienste der guten Sache immer wieder weit überzogen.

So hatte es schon sein Vorgänger Zoran Djindjic gehalten, der 2003 von kriminellen Anhängern des alten Regimes ermordet wurde. Djindjic hatte sich auf eine revolutionäre Situation berufen können; überall im Apparat saßen noch die Seilschaften der Milosevic-Ära und sannen auf eine Rückkehr an die Macht. Bei Tadic vermischten sich gute Absicht und bloßer Machterhalt dann oft zur Unkenntlichkeit.

Die serbische Medienwelt kann sich sehen lassen. Die Nachrichtenagenturen Tanjug und Beta bieten in der Region die höchste Qualität. Außer der Politika verfügt das Land über zwei weitere seriöse Tageszeitungen - neben einer Reihe von schrillen Boulevardblättern. Ein Plus gegenüber den Nachbarn hat Serbien auch mit seiner relativ effizienten Verwaltung. Vor allem die Polizei nötigt ausländischen Beobachtern immer wieder Bewunderung ab - mehr allerdings wegen ihrer Professionalität als wegen ihres demokratischen Bewusstseins.

Mit seinen Minderheiten geht Serbien recht souverän um; Spannungen gibt es nur mit den Albanern im Süden des Landes. Aus den Tagen des wilden Nationalismus ist eine gewaltbereite Szene übrig geblieben, die in der perspektivlosen Jugend Zulauf findet und auf ideologische Unterstützung aus der orthodoxen Kirche rechnen kann.