Auf der Hauptstraße des Dorfes Rassypnoje steht ein Hüne mit Bauch und schaut zum Himmel: "Es sah aus, als käme ein Schwarm eiliger Vögel geflogen. Aber es waren Menschen." Der Mann heißt Alexander, ist ein Bergmann. Vor einem Jahr, am 17. Juli, wurde über dem Kriegsgebiet im Donbass eine Boeing der Malaysia Airlines abgeschossen. Die Maschine, die von Amsterdam nach Kuala Lumpur unterwegs war, brach in über 10.000 Meter Höhe auseinander, 298 Insassen kamen um. Sofort entbrannte eine Debatte über die Schuldigen.

Die zerfetzte Boeing entleerte sich auf eine Schneise von über sechs Kilometern, es regnete Wrackteile, Koffer und tote Menschen, später segelten Aluminiumfetzen nieder. Am weitesten flog der Mittelrumpf des Flugzeugs, stürzte nur 100 Meter vor dem Dorf Grabowo ins Feld. "Es drehte sich in der Luft", sagen zwei dicke Frauen, die vor ihrem Haus auf einer Holzbank sitzen und beide Natascha heißen. "Dann riss ein Flügel ab und stürzte zu Boden. Sonst wäre es ins Dorf gekracht." Im Wiesenhain gegenüber kauert eine Reihe verwaschener Stofftierchen, mit der die Anwohner die Toten trösten wollen.

Ein Mann im benachbarten Pelagejewka spricht von zwei ukrainischen Kriegsflugzeugen. Der erste Kampfjet habe die Boeing abgeschossen, der zweite den ersten, um Zeugen zu beseitigen. Andere sagen, die Ukrainer hätten die Boeing versehentlich abgeschossen, wollten eigentlich die Maschine Wladimir Putins erwischen . . .

In dem Dorf leben Malocher. Sie lügen nicht, sie sagen ihre Wahrheit; eine Wahrheit, die erlebte Wirklichkeit mit den Parolen des russischen Fernsehens mischt. Allerdings glauben inzwischen auch Moskauer Experten, dass eine Buk-Luftabwehrrakete das Blutbad angerichtet hat. Die britische Rechercheagentur Bellinghouse hat die Position des Raketenwerfers fünf Kilometer südlich der Straße von Tores nach Sneschnoje geortet.

Panzerketten haben hier die Teerstraßen zerfurcht, vor und nach dem Absturz wurde heftig gekämpft. Krasny Oktjabr hat nur einen Schotterweg, die Häuser ducken sich hinter verwilderten Hecken. "Schon wieder Westjournalisten", bellt eine Frau. "Die abgestürzte Boeing? Das ist euer Problem, nicht unseres!"

Zwei Kilometer weiter aber hat der junge Bergmann Sascha die Rakete gesehen. "Sie zog eine weiße Rauchsäule hinter sich her, flog eine ziemliche Kurve." Natürlich sei die Rakete eine Kurve geflogen, sagen die Begleiter: "Die Ukrainer wollten vortäuschen, die Rakete sei aus dem nahen Russland herübergeflogen." Nördlich der Straße Tores-Schneschnoje erzählen die Leute von Flugzeugen, südlich von Raketen. Manche haben ihr Brüllen gehört, andere sagen, sie sei lautlos geflogen. Fast alle versichern, sie sei aus dem Südwesten gekommen, wo ukrainische Truppen standen.

Von welchem Ort wurde sie abgeschickt? Da widerspricht sich die Fachwelt wie das Bergmannsvolk vor Ort. Bellinghouse hat die Abschussrampe bei Perwomajski lokalisiert, die russischen Buk-Hersteller bei Saroschtschenskoje. Und die Leute in der Siedlung Moltschaniwo schilderten einem Reporter des Berliner Rechercheteams Correctiv "ein krasses Teil mit vier Raketen", das beim Abschuss die Ziegel der nächsten Gebäude erzittern ließ. Jetzt aber staunt ein anderer Anwohner: "Von einer Rakete haben wir nichts mitbekommen. "

Wer lange genug sucht, findet hier Zeugen, die jede Version bestätigen. Hier erzählt jeder seine Wahrheit. Eine Wahrheit, zerfetzt vom Krieg, der schon über 6000 Menschen, auch hunderte Kinder, getötet hat. Für die Menschen im Donbass ist der Absturz fremdes Unglück, für das sie keine anderen Schuldigen suchen möchten als für das eigene Leid.

Alexander in Rassypnoje schlägt vor, Tee zu trinken, führt uns in die Gartenlaube. Seine Tochter Nastja lächelt traurig. "Uns hat es auch böse getroffen. Letzte Woche. Mein Mann ist gefallen." Neun Monate war er im Krieg. "Er hat gesagt, er müsse weiter kämpfen, damit diese Faschisten mir und den anderen Frauen nichts antun können." Wenn wirklich jemand beweist, wer die Boeing über dem Donbass abgeschossen hat, das Sterben dort wird er damit kaum beenden.

Zwei Hauptverdächtige und ein Berg voller Lügen

Wer ist Schuld am Absturz der malaysischen MH17? Noch immer fehlt die Klarheit. Drei verdächtige Parteien gibt es:

Die Rebellen Die malaysische Boeing stürzte über dem Gebiet der prorussischen Aufständischen ab. Kurz darauf meldeten separatistische Rebellen den Abschuss einer ukrainischen AN-26-Transportmaschine. Haben die Rebellen die Maschinen verwechselt und die Boeing irrtümlich mit einer erbeuteten Buk M1-Flugabwehrsystems abgeschossen? Zweifel bleiben. Den Rebellenverbänden fehlte damals die Erfahrung, um das hochkomplexe System bedienen zu können. Sie wären vermutlich auf russische Hilfe angewiesen gewesen.

Ukrainisches Militär Russische Fachleute vermuten, dass die Ukrainer die Boeing mit einem russischen Aufklärungsflieger verwechselt und abgeschossen haben, angeblich aus dem Dorf Saroschtschenskoje. Fotos von Abschussrampen gibt es. Das britische Rechercheportal Bellingcat wertet die Bilder des russischen Verteidigungsministeriums jedoch als Fotomontage.

Alternativ machen die russischen Staatsmedien ukrainische SU-25-Kampfjets für den Abschuss verantwortlich. Die Jets sind über 10.000 Meter Höhe jedoch deutlich langsamer als eine Boeing 777, ihre Raketen haben zu wenig Sprengkraft, um eine so große Maschine in Stücke zu schießen.

Stellte sich jedoch heraus, dass es die Ukrainer waren, droht Kiew ein diplomatisches Waterloo. Bisher wird die Ukraine vom Westen als Opfer wahrgenommen. Als "Boeing-Killer" aber könnte sie viel Unterstützung der Nato-Länder verlieren.

Russische Streitkräfte Einige westliche Beobachter vermuten, eine russische Buk-Besatzung habe die Boeing mit einer ukrainischen Militärmaschine verwechselt. Ein kompletteres Szenario schlägt das deutsche Rechercheteam Correctiv vor: Um eigene Panzer zu schützen, beschoss ein Buk-System der russischen Armee eine ukrainische Su-25, die suchte Deckung im Radarschatten der darüber fliegenden Boeing, das Peilsystem der Buk-Rakete schwenkte auf die größere Passagiermaschine um

Schuld wären dann die russischen Militärs, die die Buk abfeuerten, aber auch die ukrainischen Kampfpiloten sowie Kiew und die internationalen Behörden, die den umkämpften Luftraum nicht sperrten. Eine rundum unangenehme, aber schlüssige Erklärung.

Für Wladimir Putin wäre das eine extrem unangenehme Variante. Die Verwicklung einer russischen Buk-Bedienungsmannschaft in das Verbrechen würde auf das krasseste die von ihm abgestrittene Verwicklung des russischen Militärs in den Donbass-Krieg bestätigen. Und ihm selbst drohte das Attribut "Kriegsverbrecher". sts