Projekt Schonender Umgang mit missbrauchten Kindern

Berlin / Michael Gabel 05.10.2018

Es ist ein bundesweit einmaliges Projekt: Das Leipziger Childhood-Haus geht neue Wege, damit Kinder, die sexuell missbraucht wurden, nicht mehr wie bisher bis zu acht-, neunmal ihre Leidensgeschichte erzählen müssen. In der neuen Einrichtung arbeiten Mitarbeiter von Staatsanwaltschaften, Gerichten, Jugendämtern und des Krankenhauses zusammen, damit die Kinder so wenig Stress wie möglich erfahren. Sie dürfen sich dort mit Spielsachen beschäftigen und werden in Wohnzimmeratmosphäre von geschulten Vernehmern zum Erlebten befragt. Per Videoübertragung werden Gespräche in ein Nachbarzimmer übertragen, in dem weitere Verfahrensbeteiligte – etwa der Angeklagte – sitzen. Somit sind die Aussagen gerichtsfest und müssen nicht wiederholt werden.

Kommission drückt aufs Tempo

Im Childhood-Haus ist eine zentrale Forderung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs verwirklicht: die Bildung „örtlich und sachlich zentrierter Kompetenzzentren“ für Jugendschutzverfahren, die dann beispielsweise auch um Schwerpunktstaatsanwaltschaften und Schwerpunktgerichte ergänzt werden sollen. Wichtig sei, dass solche Einrichtungen flächendeckend in ganz Deutschland geschaffen würden – damit es künftig nicht mehr „vom Zufall abhängig ist“, ob ein Fall von Mitarbeitern mit den erforderlichen Spezialkenntnissen bearbeitet wird. „Für Betroffene von sexueller Gewalt ist dies nicht zumutbar“, heißt es im „Empfehlungspapier für kindgerechte Strafverfahren“ der seit 2016 auf Grundlage eines Bundestagsbeschlusses tätigen Kommission.

Die Kommissionsvorsitzende, Pädagogikprofessorin Sabine Andresen aus Frankfurt, drückt nun bei der Umsetzung der Empfehlungen aufs Tempo. Das Bundesjustizministerium hat auf die Kommissionsempfehlungen reagiert und will sich künftig stärker daran darum kümmern, dass die Aus- und Fortbildung von Richtern und Staatsanwälten „weiter ausgebaut werde“, wie ein Sprecher mitteilt. Für die Einrichtung von Schwerpunkt­staats­anwaltschaften seien jedoch die einzelnen Bundesländer zuständig. Das baden-württembergische Justizministerium erklärt dazu jedoch, dass die Einrichtung von Schwerpunktsstaatsanwaltschaften kein Thema sei. Bereits jetzt gebe es aber bei den Staatsanwaltschaften spezialisierte Dezernenten. Im Übrigen sei nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsfalls von Staufen bereits eine Kommission Kinderschutz eingesetzt worden, die Defizite in der Zusammenarbeit von Behörden analysieren und anschließend Empfehlungen erarbeiten werde.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel