Istanbul Schock in Istanbul

GERD HÖHLER 13.01.2016
Ein Attentäter sprengt sich in Istanbul inmitten einer Touristengruppe in die Luft. Acht deutsche Urlauber sterben, 15 Passanten werden teils lebensgefährlich verletzt. Der Täter gehört offenbar zur IS-Terrormiliz.

Ein sonniger Wintermorgen auf dem Sultanahmet-Platz in der Istanbuler Altstadt, einer der schönsten Orte in der Bosporusmetropole. Das Thermometer zeigt milde 15 Grad. Hunderte Touristen spazieren an diesem Vormittag über den Platz, darunter viele Deutsche. Dann verwandelt um 10.18 Uhr eine Explosion die Szene im Bruchteil einer Sekunde in ein Chaos.

Die Detonation ist sogar jenseits des Goldenen Horns im Stadtteil Beyoglu zu hören. Menschen laufen schreiend durcheinander oder torkeln benommen umher. Tote und Verletzte liegen auf dem Platz - die meisten von ihnen sind Deutsche, wie sich später herausstellen wird. Nach wenigen Minuten treffen Polizei und Rettungskräfte ein, riegeln die Umgebung des Platzes ab. Die Spurensicherung geht an die Arbeit. Schnell wird die Vermutung zur Gewissheit: Es handelte sich um einen Selbstmordsanschlag. Der Täter riss zehn Menschen in den Tod. Acht der Opfer sind Deutsche, wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier später bestätigt. 15 Passanten wurden verletzt, zwei lebensgefährlich, darunter neun Deutsche.

Der Attentäter sprengte sich in unmittelbarer Nähe des ägyptischen Obelisken in die Luft, einer beliebten Touristenattraktion. Aufnahmen vom Augenblick der Explosion zeigen einen gewaltigen Feuerball, der neben der 20 Meter hohen Granitsäule aufsteigt. Der Platz wird tagsüber von zahlreichen Touristen bevölkert, die nahegelegene Wahrzeichen wie die Blaue Moschee, die Hagia Sophia und das Hippodrom besuchen. Zum Zeitpunkt des Attentats herrschte hier reger Betrieb, auch wegen des guten Wetters. Wenige Stunden nach dem Anschlag ließ sich Ministerpräsident Ahmet Davutoglu mit dem Kanzleramt in Berlin verbinden. Telefonisch bestätigte er Bundeskanzlerin Angela Merkel: Die meisten Todesopfer sind deutscher Staatsangehörigkeit. Davutoglu sprach der Kanzlerin sein Beileid aus und versprach, bei der Aufklärung des Attentats eine enge Zusammenarbeit der türkischen mit den deutschen Behörden.

Nach einem Bericht der Zeitung "Cumhuriyet", die sich auf einen Augenzeugen beruft, sprengte sich der Täter inmitten einer deutschen Reisegruppe in die Luft - vielleicht gezielt, um Rache zu nehmen für den Einsatz deutscher Tornado-Aufklärungsflugzeuge, die von der türkischen Luftwaffenbasis Incirlik aus ihre Einsätze gegen den IS fliegen. Das Auswärtige Amt reagierte sofort auf den Anschlag und empfahl deutschen Urlaubern dringend, alle Menschenansammlungen in Istanbul zu meiden.

Während die Opfer geborgen wurden und die Polizei den Tatort untersuchte, verhängte die Regierung eine Nachrichtensperre. In Ankara rief Premier Davutoglu den Innenminister, den Außenminister, den Geheimdienstchef und weitere Spitzenbeamte der Sicherheitskräfte zu einer Krisensitzung zusammen. Schnell gab es erste Erkenntnisse über den mutmaßlichen Täter: Vizepremier Numan Kurtulmus teilte mit, man habe den Attentäter als einen 1988 geborenen Syrer identifiziert. Wenig später bestätigte der Ministerpräsident, der Attentäter sei Mitglied der IS-Terrormiliz gewesen.

Dass offenbar der IS hinter dem Anschlag auf dem Sultanahmet-Platz steckt, zeigt erneut, wie tief die Türkei bereits im Treibsand des Syrien-Konflikts festsitzt. Die Dschihad-Terroristen haben in den vergangenen Jahren offenbar in der Türkei ein dichtes Netzwerk aufgebaut - nicht nur, um neue Kämpfer anzuwerben, sondern auch um hier Anschläge vorzubereiten. Die türkische Polizei hatte erst am Sonntag in Istanbul und Adana 33 mutmaßliche IS-Mitglieder festgenommen. Ende Dezember war es den türkischen Sicherheitskräften nach eigenen Angaben gelungen, geplante Anschläge in Ankara und mehreren EU-Städten zu verhindern. Auch der Tipp, der offenbar einen zum Jahreswechsel geplanten Anschlag auf einen Münchner Bahnhof vereitelte, kam von türkischen Sicherheitsdiensten.

Die Türkei wird seit dem vergangenen Jahr von einer Terrorwelle überrollt. Im Juli starben bei einem Selbstmordattentat in der Stadt Suruc nahe der syrischen Grenze mehr als 30 Menschen. Die Sicherheitsbehörden machten den IS für das Blutbad verantwortlich. Im Oktober rissen zwei Selbstmordattentäter, die ebenfalls dem IS zugeordnet werden, vor dem Bahnhof in Ankara über 100 Menschen in den Tod, als sie sich inmitten einer Friedenskundgebung in die Luft sprengten.

Der IS ist aber nicht die einzige Bedrohung. Am 23. Dezember wurde bei einem Mörserangriff auf den Istanbuler Flughafen Sabiha Gökcen eine Arbeiterin getötet. Zu dem Attentat bekannte sich die Terrorgruppe Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), eine militante Abspaltung der als Terrororganisation verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. In einem Bekennerschreiben drohte die Organisation weitere Attentate gegen Fluggesellschaften und ausländische Touristen an. Die TAK hatte bereits in den 2000er Jahren tödliche Anschläge in Tourismuszentren verübt, so in Kusadasi, Manavgat, Marmaris und Antalya.

Seit dem vergangenen Sommer ist der Kurdenkonflikt wieder aufgeflammt. Sicherheitsexperten fürchten, die PKK werde versuchen, ihren Kampf in den Westen des Landes zu tragen. Bereits in den 1990er Jahren, auf dem damaligen Höhepunkt des Kurdenkonflikts, verübte die PKK in westtürkischen Städten mehrere Anschläge. In den 2000ern gab es weitere Attentate, so Brandanschläge auf Nahverkehrsbusse in Istanbul mit mehreren Toten.

Für den türkischen Tourismus ist das gestrige Attentat ein weiterer Rückschlag. Die Branche leide bereits unter dem Reiseboykott, den Moskau nach dem Abschuss eines russischen Bombers durch die türkische Luftwaffe verhängte.

Im Herzen des alten Konstantinopel

Viertel Der Stadtteil Sultanahmet in Istanbul gilt als eines der beliebtesten Ausflugsziele in der Türkei für Touristen aus aller Welt. Benannt ist er nach Ahmet I., der als Sultan von 1603 bis 1617 über das Osmanische Reich herrschte. Das Altstadtviertel liegt auf einer Halbinsel im europäischen Teil Istanbuls. In dem Viertel befand sich auch das Zentrum des historischen Konstantinopels.

Attraktionen In der Nähe des zentralen Sultanahmet-Platzes stehen mit der Blauen Moschee, der Hagia Sophia und dem Topkapi-Palast weltberühmte Sehenswürdigkeiten. Auf dem Platz ist auch der Deutsche Brunnen, der im Andenken an einen Besuch des deutschen Kaisers Wilhelm II. in Istanbul im Jahre 1898 errichtet wurde. 1985 erklärte die Unesco das Viertel zum Weltkulturerbe.

Basar Wenige Gehminuten von dem Platz entfernt liegt der Große Basar, ebenfalls ein wichtiger Touristenmagnet. dpa

 

 

Kommentar von Martin Gehlen: Maximaler Schrecken

Wie kein anderes Monument am Bosporus symbolisiert die Blaue Moschee die stolze Geschichte des Osmanischen Reiches. Ausgerechnet hier reißt ein Attentäter des "Islamischen Staates" zehn Touristen mit in den Tod, fast alle aus Deutschland. Das Attentat will maximalen Schrecken verbreiten - nicht nur in der Türkei, sondern auch in Europa. Denn je stärker der IS auf seinem Territorium in Syrien und Irak unter Druck gerät, desto mehr metastasieren seine Anhänger in die umliegenden Staaten und in die Nationen, die sich am Luftkrieg gegen ihn beteiligen.

Die Türkei fungierte lange als Hauptdurchgangsland der Terrormiliz. Seit Ankara auf internationalen Druck stärker gegen durchreisende Gotteskrieger vorgeht und seine Grenzen besser kontrolliert, gerät das Land selbst in den Fokus. Denn ohne die stillschweigende Duldung der türkischen Führung würde der Nachschub an Extremisten, Waffen und Geld für das Imperium des Abu Bakr Al-Baghdadi schnell versiegen.

Daher ist Ankaras neuer Kurs für dessen Zukunft viel bedrohlicher als alle alliierten Luftschläge zusammen. Kein Wunder, dass sich die Angriffe der Terrorfanatiker jetzt auch gegen ihren langjährigen klammheimlichen Sponsor richten. Das Attentat im Oktober auf einer Friedenskundgebung in Ankara war der blutige Auftakt. Zudem ist zu befürchten, dass dem Terrorakt neben der Blauen Moschee viele weitere folgen werden.

Tourismus: Was Urlauber wissen müssen

Wie ist die Sicherheitslage in der Türkei? Sie ist angespannt, immer wieder kommt es zu Gewalt. "Landesweit ist weiter mit politischen Spannungen sowie gewaltsamen Auseinandersetzungen und terroristischen Anschlägen zu rechnen", schreibt das Auswärtige Amt. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat 2015 mehrere Anschläge in der Türkei verübt, bislang jedoch nicht gegen Touristen. Außerdem kommt es im Osten des Landes zu schweren Zusammenstößen zwischen den Sicherheitsbehörden und der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK.

Wie sollten sich Urlauber jetzt verhalten? Reisende in der Türkei sollten sich grundsätzlich von Demonstrationen und Menschenansammlungen insbesondere in größeren Städten fernhalten. Auf belebten Plätzen und in öffentlichen Verkehrsmitteln halten sie sich am besten so kurz wie möglich auf, rät das Auswärtige Amt. In einem aktualisierten Reisehinweis für das Land wird jetzt Reisenden in Istanbul dringend geraten, Menschenansammlungen auf öffentlichen Plätzen und vor touristischen Attraktionen zu meiden.

Kann ich eine Städtereise nach Istanbul jetzt kostenlos stornieren? Wahrscheinlich schon. Es bestehe nach derzeitiger Rechtsprechung ein Kündigungsrecht wegen Gefährdung durch höhere Gewalt, erklärt der Reiserechtler Prof. Ernst Führich aus Kempten. Urlauber dürfen ihre Istanbul-Reise also kostenlos umbuchen oder stornieren. Anders sieht es etwa für Badeurlaub in der südlichen Türkei aus. Solche Reisen könnten nicht einfach kostenlos storniert werden, sagt der Jurist.

Wie reagieren die Reiseveranstalter? Tui bietet für Istanbul-Reisen bis zum 18. Januar kostenlose Umbuchungen und Stornierungen an; Thomas Cook für Istanbul-Reisen mit Beginn bis einschließlich 22. Januar. Bei DER Touristik mit den Marken ITS, Jahn Reisen, Travelix, Dertour, Meier's Weltreisen und ADAC Reisen lassen sich Städtetrips nach Istanbul bis zum 10. Februar ohne Gebühren umbuchen oder kündigen. Der Studienreiseanbieter Studiosus bot seinen Kunden schon vor dem jüngsten Anschlag eine kostenlose Umbuchung von Türkei-Reisen bis vier Wochen vor der Abreise an.

Wie steht es um den Tourismus in der Türkei? Er leidet vor allem unter dem Ausbleiben der russischen Urlauber wegen der Sanktionen nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets. Die Russen waren die wichtigste Urlaubernation für die Türkei. Nun sind es die Deutschen.