London / HENDRIK BEBBER  Uhr
Unter dem Codenamen "Hydrant" ermitteln britische Behörden gegen prominente Kinderschänder. Es ist der Kampf gegen eine Hydra: Sobald dem Ungeheuer ein Kopf abgeschlagen ist, wächst ein neuer nach.

Im Augenblick werden Vorwürfe gegen den ehemaligen konservativen Premierminister Edward Heath (1970-1974) geprüft. Freunde und Mitarbeiter des vor zehn Jahren verstorbenen Politikers bezeichnen die Anschuldigungen als völlig haltlos. Die in den Medien zitierte Kronzeugin distanzierte sich sofort von belastenden Presseberichten.

Doch der Prozess gegen Lord Greville Janner hat begonnen. Ihm werden 22 Fälle des Kindesmissbrauchs vorgeworfen. Janners gehört zu 261 "prominenten Persönlichkeiten", gegen die Polizei und Staatsanwaltschaft wegen solcher Delikte ermitteln. Seine erste Anhörung durch die Richterin demonstriert die Schwierigkeit bei der Aufklärung "historischer" Sexverbrechen gegen Minderjährige. Viele der vermeintlichen Täter sind tot oder nur beschränkt verhandlungsfähig. "Ach wie wundervoll ist es hier", war der einzige klare Satz, den das 86-jährige Mitglied des Oberhauses im Gerichtssaal zustande brachte. Er leidet an Alzheimer und Parkinson.

Nach Jahrzehnten des Schweigens verlangt die Öffentlichkeit endlich Aufklärung über ein Phänomen, das Großbritannien wie ein Königreich für Kinderschänder erscheinen lässt. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht aktuelle und zurückliegende pädophile Untaten bekannt werden. Scotland Yard ermittelt nun gegen einen Pädophilenring, zu dem Politiker und hohe Militärs gezählt hätten. Dabei wird auch der Verdacht untersucht, dass drei der Opfer getötet wurden. Die Vorfälle hätten sich in den 70er und 80er Jahren zugetragen.

Die "Operation Hydrant" wurde durch einen Mann in Gang gesetzt, der sich bei der BBC gemeldet hatte. Er gab an, dass er als Siebenjähriger 1975 zum ersten Mal von den Mitgliedern einer pädophilen Organisation missbraucht wurde. Mit gleichaltrigen Kindern wurde er regelmäßig zu Sexorgien in den exklusiven Apartmentblock "Dolphin Square" im Londoner Regierungsviertel Westminster chauffiert. Andere Vergewaltigungen fanden in Hotels und Kasernen statt.

Polizei und Staatsanwaltschaft überprüften die Vorwürfe und fanden sie substanziell genug, um landesweite Ermittlungen einzuleiten. Sie stehen im Rahmen umfangreicher Untersuchungen zu "historischen" Vergehen an Kindern, die die Regierung angeordnet hat.

Diese Maßnahmen litten bisher unter dem Rücktritt der beiden Frauen, die die regierungsamtliche Untersuchung leiten sollten. Lordrichterin Elizabeth Butler-Sloss und die Oberbürgermeisterin der City of London, Fiona Woolf, konnten ihr Amt nicht antreten, weil beide gesellschaftliche Beziehungen zu dem damaligen Generalstaatsanwalt und dem Innenminister unterhielten, denen vorgeworfen wird, 1984 einen Report über hochrangige Pädophile unterdrückt zu haben.

Der ehemalige Innenminister und spätere EU-Kommissar Leon Brittan steht ebenfalls im Verdacht an diesen Untaten beteiligt gewesen zu sein. Er ist mittlerweile ebenso verstorben, wie der joviale liberale Abgeordnete Cyril Smith, der seine sadistischen Gelüste in von ihm geförderten Kinderheimen austobte. Smith gehört zu den "Prominenten" unter den 1433 verdächtigten Kinderschändern, mit denen sich die neue Untersuchungsrichterin Lowell Goddard beschäftigen muss. Sie wurde extra aus Neuseeland eingeflogen, weil sich in Großbritannien keine Person finden ließ, die ohne Beziehungen zu den mutmaßlichen Tätern stand.

Die Regierungsinitiative für den "robusteren Schutz der Kinder" wurde von dem Entsetzen und Empörung über Jimmy Savile befeuert. Der 2011 verstorbene Entertainer war der Liebling der Nation. Er moderierte lange die britische Hitparade und erreichte danach mit seiner Sendung "Jim macht's möglich" traumhafte Einschaltquoten. In dem Programm erfüllte er geheime Kinderwünsche, wie Begegnungen mit Showgrößen oder einem Platz in einem Düsenjäger. Dabei sammelte er über 50 Millionen Euro für Kinderhilfswerke. Er wurde von der Queen zum Ritter geschlagen und bekam einen päpstlichen Orden. Savile, der sich als fröhlicher Clown gab, entpuppte sich nach seinem Tod als heimtückischer Kinderschänder, der sich nach den Sendungen regelmäßig an seinen jungen Gästen verging. Nachdem sich hunderte seiner Opfer bei der Polizei meldeten, sprach diese von einem "raubtierhaften Sexualtäter". Schon zu Saviles Lebzeiten wurde über seine Veranlagung gemunkelt, doch Untersuchungen wurden niedergeschlagen, weil den Opfern nicht geglaubt wurde.

Auch Ralf Harris galt als der "gute Onkel" in den Kindersendungen. Er war so beliebt, dass der Musiker, Sänger und Amateurmaler sogar die Queen portraitieren durfte. Nun büßt der 84-Jährige eine lange Haftstrafe ab, weil er sich an einem Dutzend Kinder vergriffen hatte.

Die systematische Brutalisierung und sexuelle Ausbeutung von Kindern in 40 walisischen Heimen wurde bereits 1996 durch eine höchstrichterliche Untersuchung aufgedeckt. Aber nun melden sich ehemalige Opfer, die darüber klagen, dass viele Täter straflos davon kamen, weil ihre Identität nicht preisgegeben wurde. Die Untersuchung hätte sich nur mit Vorfällen in den Heimen beschäftigt und Vergewaltigungen in Hotels, Privatwohnungen und sogar auf Golfplätzen außer Acht gelassen. Die Kinderheime "versorgten" pädophile Ringe mit Opfern, die an Wochenenden für Orgien "ausgeliehen wurden". 2014 stöhnte die Nation unter den unbeschreiblichen Vorfällen im nordenglischen Rotherham. Dort wurden zwischen 1997 und 2013 an die 1400 Kinder aus sozialschwachen Familien von einer Schlepperbande zu Sexsklaven gemacht.

Innenministerin Theresa May, die eine Reihe "schonungsloser Untersuchungen" angeordnet hat, sorgt sich, dass die ans Licht gekommenen Übergriffe an Kindern "nur die Spitze des Eisbergs" sind. Ray McMorrow, Experte einer Kinderschutzorganisation, fürchtet, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern in Großbritannien eine "Landplage" ist.

Haltlose Verdächtigungen

Folgen Eine Konsequenz aus dem "schonungslosen" Kampf gegen Kinderschänder und eine Folge der oft sensationellen Medienberichterstattung darüber, sind auch die Anschuldigung einer ganzen Reihe von Prominenter, die sich als völlig haltlos erwiesen haben. Zu den Prominenten, die zu Unrecht verdächtigt wurden, gehören im politischen Bereich der ehemalige Schatzmeister der konservativen Partei Lord McAlpine, im Unterhaltungsgenre der Popstar Cliff Richard und der BBC- Moderator Paul Gambaccini.

Anzeigen Die Ermittlungen ermutigen nach Angaben der britischen Polizei auch immer mehr Opfer sexueller Übergriffe, sich zu melden. Die Ermittler rechnen deshalb bis Ende des Jahres mit einem "nie dagewesenen Anstieg" auf 116.000 Anzeigen.