Bahn Schnellbahnstrecke München-Berlin: Einheit auf der Schiene

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München/Berlin / Maria Neuendorff 09.12.2017

Die 300 Stundenkilometer, die immer mal wieder auf den Displays erscheinen, spürt man im neuen ICE-Sprinter nicht. Es knallt auch nicht, wenn der Zug wie ein Geschoss im Gewehrlauf durch einen der neuen Tunnel rauscht, die den Thüringer Wald nun durchpflügen. Um den typischen akustischen Effekt zu vermeiden, hat man über die Eingangsportale der Röhren 30 Meter lange Schallhauben gestülpt – nur eine Besonderheit von Deutschlands größtem Infrastrukturprojekt, das am Freitag mit viel Politikprominenz in zwei Sonderzügen und mehreren Bahnhofsfeiern seine lang ersehnte Vollendung feierte.

Der letzte, 107 Kilometer lange Abschnitt des Verkehrsprojekts „Deutsche Einheit 8“ führt von Ebersfeld in Franken ins thüringische Erfurt, durch 22 Tunnel und über 29 Brücken. Berge und Täler ziehen am Fenster vorbei, wenn nicht gerade Lärmschutzwände die Sicht versperren. Die Wanderer im schönen Thüringer Wald müssen dagegen in mancher Talsohle gehörig den Kopf recken, um die Bahnstrecke in bis zu 600 Metern Höhe wahrzunehmen. 41 Kilometer sind unterirdisch.

Sogar der Main wurde verlegt

Acht Millionen Euro kostete jeder Kilometer. Die Bundesregierung hatte das Zehn-Milliarden-Projekt 1991 beschlossen, um das Zusammenwachsen der ost- und westdeutschen Bundesländer zu beschleunigen. 1996 wurden erste Spatenstiche in Thüringen und Sachsen gefeiert. 1999 ordnete Rot-Grün den Baustopp an. Viel zu teuer, hieß damals die Begründung. Denn für den viergleisigen Ausbau der ICE-Strecke München-Berlin wurde beispielsweise zwischen Bamberg und Lichtenfels die Autobahn 71 und der Main verlegt, Bauern musste Land abgekauft und zahlreiche Kämpfe und Gerichtsverfahren mit Naturschützern, Kommunen und Bürgerinitiativen geführt werden.

Auf die ehemalige deutsch-­deutsche Grenze weisen nur kleine Tafeln mit dem bayerischen sowie thüringischen Staatswappen hin. Kurz nachdem der Zug von einem Freistaat in den nächsten gerauscht ist, zweigt die Strecke von der alten ICE-Trasse ab. Erfurt und Coburg sind jetzt angebunden, während Jena und das Saaletal nun rechts liegen gelassen werden.

Dafür sinkt die Fahrzeit auf den 623 Kilometern zwischen Berlin und München merklich. Bislang braucht ein ICE dafür rund sechs Stunden. Die ICE-Sprinter schaffen das in Zukunft nun in knapp vier Stunden. Bahnchef Richard Lutz sieht seinen Konzern damit „in Schlagdistanz“ zum Konkurrenten Flugzeug. Die Preise für die Tour zwischen der bayerischen Metropole und der deutschen Hauptstadt liegen bei 159 Euro. An manchen Tagen gibt es aber auch Schnäppchen, die schon für 29 Euro zu haben sind.

Die Sprinter starten ab diesen Sonntag täglich morgens, mittags und abends in Berlin und München. Sie stoppen nur in Halle, Erfurt und Nürnberg. Zudem verkehren auf der Strecke reguläre ICE-Züge im Stundentakt, die an allen Bahnhöfen halten und viereinhalb Stunden brauchen sollen. Laut Bahn ist es die größte Fahr­plan­umstellung seit Jahrzehnten. Von Berlin, aber auch Potsdam und Cottbus beträgt die Zeitersparnis nach München rund 90 Minuten.

Mehr als 1000 Testfahrten

Kurz hinter Halle rast der ICE über die Saale-Elster-Talbrücke. Mit ihren 8,6 Kilometern ist sie seit ihrer Eröffnung 2015 die längste Brücke Deutschlands. Der 1420 Tonnen schwere Stabbogen wurde auf 216 Stelzen einfach in die sumpfigen Auengebiete der Weißer Elster und Saale gesetzt. Wegen der seltenen Vögel mussten die Bauarbeiten dreieinhalb Monate Brutruhe im Jahr einhalten. An der Strecke leuchten keine grünen und roten Signale mehr. Kein Stellwerker hebelt mehr Weichen um. Die gesamte Strecke wird aus den Betriebszentralen in München und Leipzig gesteuert. Elektroden am Gleis senden nun die Signale. Über Funk landen die Informationen direkt auf dem Display des ICE-Fahrers.

Um die neue Strecke und Technik alltagstauglich zu machen, waren mehr als 1000 Testfahrten nötig. Am Freitag nun durften um 11.15 Uhr in Nürnberg Minister aus drei Bundesländern und Journalisten in zwei Sonderzüge steigen. Die Fahrt endet um 16.11 Uhr überpünktlich am Berliner Hauptbahnhof, wo Bahnchef Richard Lutz im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unter Livemusik in ein großes Festzelt lud.

Die neue Schnellbahntrasse, das technische Wunderwerk, ja die Jahrhundertstrecke, wie sie einige nennen, habe auch eine europäische Dimension, sagte die Bundeskanzlerin. Sie sei ein wichtiger Abschnitt innerhalb der Transeuropäischen Verkehrs­netze und gehöre zum Skandinavien-Mittelmeer-Korridor, der von der finnischen Ostgrenze bis Sizilien reicht.

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