Berlin Schmidt zweifelt an Steinbrück

Phasenweise aus dem Konzept geraten: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Foto: dpa
Phasenweise aus dem Konzept geraten: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Foto: dpa
Berlin / GEORG ISMAR, DPA 18.06.2013
Der bewegende Auftritt des Ehepaars Steinbrück hatte die Stimmung beim SPD-Parteikonvent vorerst gerettet. Doch nun zweifelt Alt-Kanzler Helmut Schmidt die Wahlkampfqualitäten seiner Partei offen an.

Die SPD hält die Differenzen zwischen Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und Parteichef Sigmar Gabriel für ausgeräumt. "Es hat gerumst", sagte Generalsekretärin Andrea Nahles. Steinbrück hatte zuvor von Gabriel öffentlich mehr Loyalität eingefordert. Auf die Frage, warum es zu diesem Vorgang knapp 100 Tage vor der Wahl gekommen sei, sagte Nahles: "Es ist manchmal schwül - und dann gibt es ein Gewitter." In der SPD werde gern kontrovers diskutiert. "Damit ist die Sache erledigt", betonte sie und sagte mit Blick auf den Wahlkampf: "Für mich ist jetzt ganz klar Offensivspiel angesagt."

Alt-Kanzler Helmut Schmidt hält Peer Steinbrück zwar weiter für den richtigen Kanzlerkandidaten der SPD, zweifelt aber an dessen Wahlkampfqualitäten. Zur These, Steinbrück könne vielleicht Bundeskanzler, aber nur schlecht Wahlkampf, sagte Schmidt: "Könnte sein." Zugleich betonte der 94-Jährige: "Peer Steinbrück ist von all den Leuten, die im Augenblick auf den öffentlichen Bühnen stehen, derjenige, der am ehesten einen Überblick über die Finanzprobleme der Europäischen Union hatte und weiterhin hat."

Am Sonntag hatte Steinbrücks Frau Gertrud mit einem persönlichen Auftritt noch die Stimmung gerettet beim Parteikonvent in Berlin. Es war das letzte große Treffen mit 200 Delegierten vor der Bundestagswahl am 22. September. Der 66-Jährige hatte - angesprochen auf Belastungen und Entbehrungen des Wahlkampfes - kurzzeitig die Fassung verloren. Nahles dazu gestern: "Die Frau ist eine Granate."

Steinbrück sorgte mit einer Aussage im "Spiegel" jedoch selbst dafür, dass der Konvent vom Eindruck starker Spannungen zwischen ihm und Gabriel überschattet wurde. "Ich erwarte deshalb, dass sich alle - auch der Parteivorsitzende - in den nächsten 100 Tagen konstruktiv und loyal hinter den Spitzenkandidaten und die Kampagne stellen." Hintergrund sind nach Steinbrücks Lesart Alleingänge Gabriels.

SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann, im Kompetenzteam für Inneres und Justiz zuständig, nannte das Zurechtweisen des Vorsitzenden ein "reinigendes Gewitter". Das helfe, im Wahlkampf "klar nach vorne zu schauen." Er finde es erstaunlich, mit welchen Nehmerqualitäten Steinbrück Belastungen bisher weggesteckt habe. "So etwas lässt einen natürlich auch menschlich nicht unberührt." Die Emotionen zeigten, "er ist nicht nur ein harter Hund, nicht nur ein hoch intelligenter, schnell denkender Mensch", so Oppermann. "Er ist auch sensibel und feinfühlig."

Bei dem Parteikonvent hatte die SPD ihre bundesweiten Pläne für eine schrittweise Abschaffung der Elternbeiträge für alle Kinderkrippen und Kindertagesstätten konkretisiert. Eltern sollen damit im Durchschnitt um 160 Euro monatlich entlastet werden. In Umfragen kommt die SPD aber seit Wochen nur auf 24 bis 27 Prozent - das würde für die erhoffte Koalition mit den Grünen nicht reichen.