Verteilung Einkommen: Schluss mit der Spaltung

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Ulm / Von Helmut Schneider 04.01.2018
Wir leben heute besser als je zuvor. Und doch stellt sich eine Aufgabe stets aufs Neue: dem Auseinanderdriften von Einkommen und Vermögen Einhalt zu gebieten.

Die Börsen eilen von einem Rekord zum nächsten und erwecken den Eindruck, die Welt erlebe gerade eine Phase beglückender Prosperität. Doch die Nachrichten, die dem aufmerksamen Zeitgenossen jeden Tag entgegenschlagen, zeichnen ein ganz anderes Bild. Da ist von der Kluft die Rede, die sich immer stärker weitet zwischen den Armen und den Reichen.  Von Steuerflucht der Konzerne oder einer Mittelschicht, dem Rückgrat jeder Volkswirtschaft, die sich abgehängt fühlt vom wirtschaftlichen Aufschwung. Wie passen diese beiden Bilder zusammen?

Wer sich auf die Suche nach Antworten begibt, landet schnell auch bei den alten und ewig gültigen Fragen nach Recht, Gerechtigkeit oder Moral. Die Schwierigkeit dabei liegt allerdings schon darin, dass die Vorstellung, wie Wirtschaft funktionieren sollte, nicht immer mit dem Verständnis unterlegt ist, wie sie funktioniert.

Das zeigt sich etwa an dem verbreiteten Unverständnis darüber, dass die Aktien eines Unternehmens steigen, weil es  Arbeitsplätze streicht. Belohnung für einen Frevel? Die Empörung bedient sich solch moralischer Kategorien und lässt den logischen inneren Zusammenhang gar nicht erst zu. Die Reduzierung von Personalkosten  muss nicht zwingend, aber sie kann ein Weg sein, einer angeschlagenen Firma wieder eine wirtschaftliche Perspektive zu eröffnen. Das interessiert und honoriert die Börse. Und es ist dies nicht ein Ausdruck des Bösen, das dem Kapitalismus in den Augen vieler Kritiker innewohnt.

Nicht wenige sehen  neben dem Börsenboom eine Welt, die ihnen immer schlechter und ungerechter vorkommt. Solch gefühlter Widersinn nährt Widerspruch, der sich in  unterschiedlichen Kanälen sammelt. Den stärksten Zulauf haben derzeit die Rechtspopulisten. Ihr ökonomisches Weltbild ist die Kopie ihres politischen Weltbildes: zuerst nationale Interessen. Was das in Zeiten der Globalisierung  anrichten könnte, mag man sich nicht ausmalen.

US-Präsident Donald Trump hat mit einer Überzeugung gebrochen, die für die Fachwelt selbstverständlich ist: Intensive internationale Handelsbeziehungen stärken den Wohlstand aller, die steigende Flut hebt alle Boote. Freilich nicht alle im selben Maße.  Die ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen, die die Gesellschaft spaltet, ist keine Voraussetzung einer dynamischen Wirtschaft, oft aber eine Folge davon. Es ist die Aufgabe jeder klugen Wirtschaftspolitik, dem übermäßigen Auseinanderdriften der Einkommensunterschiede Einhalt zu gebieten.

Diese Aufgabe stellt sich mit dem aktuellen Börsenboom, der die  Kapitaleinkünfte besonders steigert, aufs Neue. Sie ist dringlicher denn je. Zur Wahrheit gehört jedoch auch: Hinter dem Höhenflug der Aktienkurse steckt kein Deal des Kapitals zulasten der Gesellschaft, sondern der – bislang erfolgreiche  – Versuch, die in arge Not geratene Staaten mit billigem Geld der Notenbanken vor dem Kollaps zu bewahren.

Die Anfeindungen des Kapitalmarktes und der Globalisierung, zuvor vorwiegend im linken Lager verortet, drängen unter nationalem Anstrich nun auch über die Rechtspopulisten ins öffentliche Bewusstsein. Wenn der Präsident der (noch) führenden Wirtschaftsweltmacht Protektionismus zum Programm erhebt, dann rüttelt er damit gefährlich an den Grundfesten des internationalen Wirtschaftsgefüges. Dass die aktuell stärkste Bedrohung für die Weltwirtschaft ausgerechnet vom bisher verlässlichsten Garanten ihres marktwirtschaftlichen Ordnungsprinzips kommt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Karl Marx als Kronzeuge

Mit diesem Prinzip unauflöslich verbunden sind Risiko und Chance; Neues entsteht, Altes vergeht – und neben den Gewinnern bleiben auch Verlierer zurück. Die Verteilung von Einkommen und Vermögen beschäftigt die Ökonomie nicht erst seit dem Beginn der industriellen Revolution. Dass Karl Marx, vor 150 Jahren theoretischer Vorkämpfer auf diesem Feld, heute wieder verstärkt als Kronzeuge für Ungleichheit und Ungerechtigkeit aufgerufen wird, kommt nicht von ungefähr. Dabei hat der Kapitalismus in den vergangenen 200 Jahren unglaubliche Erfolge im Kampf gegen die Armut ermöglicht. Auch die aktuellen  Zahlen der Weltbank belegen es: 1990 lebten 1,84 Milliarden Menschen und damit mehr als jeder Dritte in extremer Armut, nämlich von 1,90 Dollar pro Tag; vor vier Jahren war es nur noch jeder Zehnte.

In Zeiten kurzatmiger Einordnungen gerät der weite historische Bogen schnell aus dem Blick. Wir leben wirtschaftlich nicht in der besten aller Welten – aber ganz gewiss besser als je zuvor. Nicht nur in Deutschland, hier jedoch besonders. Die Serie des „Spiegel“ unter dem programmatischen Titel „Früher war alles schlechter“ ist ein aufschlussreicher Faktencheck gegen verbreitete Weltuntergangsszenarien. Der Tübinger Wirtschaftswissenschaftler Jörg Baten, der die globale Einkommensverteilung untersucht hat, kommt hier zu dem Ergebnis, dass die Gegenwart durch zwei scheinbar widersprüchliche Entwicklungen geprägt wird: Global nimmt die Ungleichheit ab, innerhalb einzelner Länder nimmt sie zu.

Der französische Ökonom Thomas Piketty hat vor vier Jahren mit seinem Bestseller „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ die alte Streitfrage neu entfacht. Seine Formel, dass die Rendite aus Kapitaleinkommen historisch immer höher als das Wirtschaftswachstum ist, stimmt so zwar nicht. Dennoch ist unbestritten, dass die Einkommens- und Vermögenskluft in den Industrieländern in den vergangenen 30 Jahren wieder größer geworden ist.

Auch in Deutschland stagnieren die mittleren Einkommen seit vielen Jahren. Branko Milanovic, der frühere Weltbank-Ökonom, erklärt das auch mit dem Übergang von einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft. Er ist sich ziemlich sicher, dass dieser Trend im Zuge der Digitalisierung noch weiter anhalten wird: „Die westlichen Staaten werden noch ungleicher werden.“ Eine gewichtige, aber auch gewagte Prognose. Andere ziehen andere Schlüsse.

Das Themenfeld ist unendlich weit, unendlich komplex und politisch äußerst umstritten. Die größte Unwucht – so viel steht nach einer eben veröffentlichten Studie von Piketty fest – hat sich seit 1980 in den USA ausgebildet. Das reichste ein Prozent der Bevölkerung verdoppelte seinen Anteil am Gesamteinkommen auf 20 Prozent und am Vermögen auf 40 Prozent.

Der Trend trifft aber auch für Deutschland zu. Das Wirtschaftswunder nach dem Krieg verteilte seine Früchte noch vergleichsweise breit: Die untere Hälfte der Gesellschaft bekam bis in die 70er Jahre immerhin ein Drittel der Einkünfte. Heute hat sich dieser Anteil halbiert.

Was ist zu tun? Zunächst sollten Verteilungsfragen von der Politik als das anerkannt werden, was sie sind: Wichtig für die wirtschaftliche Dynamik, aber auch für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Das schließt einerseits aus, was der Historiker Gerd Koenen als „Mischung aus Staatsgläubigkeit und Bettelsuppen-Rhetorik“ kritisiert. Es zieht auf der anderen Seite der weiteren steuerlichen Entlastung der Reichen Grenzen und sollte sie im Gegenteil stärker steuerlich in die Pflicht nehmen. Im Gegenzug müssten die Belastungen für den Mittelstand und die Geringverdiener reduziert werden.

Wichtig sind gleiche Chancen

Nicht „Mehr Staat“ ist das Gebot der Stunde, sondern eine Steuer- und Sozialpolitik, die dem Modewort „nachhaltig“ tatsächlich auch gerecht wird. Das bedeutet staatliche Investitionen in Bildung oder Infrastruktur statt beispielsweise populäre Rentenerhöhungen, die gegenüber der jüngeren Generation ­alles andere als gerecht sind.

Überhaupt „Gerechtigkeit“ – ein großes Wort, das sich auf alles und damit auf nichts mehr anwenden lässt. Gerade im Zusammenhang mit Ungleichheit und Verteilungsfragen wird die Gerechtigkeit gerne aufgerufen. Viel besser wäre eine Orientierung nicht an einer allgemeinen Gleichheit, die es nie geben kann außer in totalitären Systemen, sondern an der Chancengleichheit. Darauf fußt in den USA der amerikanische Traum, es vom Tellerwäscher zum Millionär bringen zu können. Darauf fußt in Deutschland die soziale Marktwirtschaft. Wenn dieses sozialstaatliche Versprechen nicht mehr glaubhaft in der Bevölkerung verankert ist, nimmt nicht nur die Wirtschaft Schaden, sondern auch die demokratische Ordnung.

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