Mit dem World Trade Center im Blick will Eugene Duffy seine Arbeitsschicht als Koch in einem Restaurant im Süden Manhattans beenden. Er will auf die Halbinsel Rockaway, um mit seinem Vater das Baseball-Endspiel der World Series zu gucken, die Mütze der Houston Astros trägt er schon. Doch als Duffy eine Kreuzung überquert und eine Frau schreien hört, wird ihm klar: Da stimmt etwas nicht. Er sieht einen Kleintransporter, der mit hohem Tempo über einen Fahrradweg rauscht, dann zwei Fahrradfahrer, die bewegungslos am Boden liegen. „Das erste was ich dachte, war: Terroristen.“

Von einem „Terrorakt“ spricht wenig später auch New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio. Da ist klar: Mindestens acht Menschen sind tot, elf verletzt. Mit einem gemieteten Kleinlaster ist ein 29 Jahre alter Mann über den Fahrrad- und Fußgängerweg im Südwesten Manhattans gerast und mitten durch die Menschen gepflügt. Die Gegend gehört zu den geschäftigsten der Stadt – tausende Menschen arbeiten hier, Touristen bummeln und gehen einkaufen.

Die Geisterfahrt endet erst, nachdem der Täter einen Schulbus gerammt hat, zu flüchten versucht und von dem Polizisten Ryan Nash angeschossen wird. Unter den Opfern befinden sich unter anderem fünf Freunde aus Argentinien, die für ein Klassentreffen anlässlich des 30. Jahrestags ihres Abiturs nach New York gekommen sind.

 Nach dem schlimmsten Anschlag, den die Stadt erlebt hat, seit am 11. September 2001 zwei Linienmaschinen in die Zwillingstürme des World Trade Center flogen, gelten die Ermittlungen der Frage, was den Usbeken Sayfullo Saipov zu dem Anschlag bewog. Bekannt ist, dass er 2010 in die USA gekommen war, nachdem er das große Los gezogen und mit einer Green Card eine permanente Aufenthaltsberechtigung in den USA bekommen hatte. Er lebte unter anderem in Ohio, in Florida und zuletzt ein halbes Jahr lang in New Jersey. Aufschluss über seine Beweggründe gab zunächst ein Zettel, der in dem Kleinlaster gefunden wurde. Darauf stand, Saipov habe die Tat „im Namen des IS“ begangen. Der Festplatte eines in seiner Wohnung gefundenen Computers konnten Fahnder entnehmen, dass Saipov vermutlich über Facebook und andere soziale Medien in den Bann islamistischer Terrorgruppen geraten war.

Genau vier Stunden nach der Todesfahrt des 29-jährigen Usbeken setzt sich am Abend um 19 Uhr die Halloween-Parade auf der Sixth Avenue quer durch Greenwich Village in Bewegung. Bürgermeister Bill de Blasio hatte bereits kurz nach dem Anschlag verkündet, dass die Parade mit ihren zehntausenden Teilnehmern wie seit 44 Jahren ihren Weg durch den Big Apple nehmen würde. Genauso reagieren auch die Menschen auf den Straßen. Der Umzug, eine Mischung aus Karneval und Christopher Street Day, zieht pünktlich los, bewacht von einem riesigen Polizeiaufgebot. „Wenn die Polizei hier stehen kann, können wir das auch“, sagt ein als Vampir verkleideter Zuschauer. Neben ihm steht eine junge Frau im Hexenkostüm: „Wir machen, was New Yorker immer tun – wir leben unser Leben weiter.“

Nur wenige hundert Meter westlich ist die Szene ebenfalls gespenstisch – aber auf ganz andere Art. Auf der West Street am Hudson-Ufer, einer der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt, sind an diesem Abend nur die Spezialisten der Polizei unterwegs. Sie sichern den kilometerlangen Tatort. Das Gebiet ist weitläufig abgesperrt, Trucks transportieren ab, was nach dem Anschlag übrig geblieben ist
– darunter die zerstörten Fahrräder der Opfer.

In den Kneipen im Village gehen die Halloween-Partys derweil weiter. Totengräber, Skelette, Hexen und Zauberer stehen an den Theken und trinken gemeinsam. Die Kelten, auf die die Tradition des Halloween zurückgeht, glaubten, dass sich an diesem Abend die Welten der Toten und Lebenden vermischen. In New York ist der heidnische Brauch bittere Realität geworden.

Der Tatort