Körper Schlaganfall: Wenn jede Minute zählt

Schlaganfall: Jede Minute zählt
Schlaganfall: Jede Minute zählt © Foto: dpa
Region / Von Martin Hofmann 19.07.2018
Ein Urteil des Bundessozialgerichts droht die rasche und flächendeckende Versorgung zu beenden. Vielen Stationen droht das Aus.

Hans L., ein Mittsechziger, fasst sich an die Stirn. Plötzlich plagt ihn massiver Schwindel. Er ruft seine Frau. Klare Worte findet er nicht. Die Kraft im rechten Arm fehlt, um aufzustehen. Zum Glück hört sie den Schrei, kann die Symptome deuten: Verdacht auf Schlaganfall.  Jetzt zählt jede Minute. Sie ruft Notarzt und Rettungswagen, redet mit ihrem Mann, stellt sicher, dass er unbeschwert atmen kann. Die Sanitäter bringen Hans L. zu einer auf  Durchblutungsstörungen im Gehirn spezialisierten Schlaganfallstation. Im Land gibt es 50. Der Patient wird sofort untersucht und behandelt.

Versorgungslücken im Land

Wie lange noch? Ein Urteil des Bundessozialgerichts stellt die Schlaganfallversorgung vor allem im ländlichen Raum vor ein unlösbares Problem. Eine Klinik mit Schlaganfalleinheit muss sicherstellen, dass ein Patient innerhalb von 30 Minuten in eines der 11 überregionalen Schlaganfallzentren verlegt werden kann. Bisher kein Problem. Nach dem Richterspruch tickt die Uhr aber nicht mit dem Start des Hubschraubers, sondern sobald er angefragt wird. Den Helikopter in Ulm oder Stuttgart anzufordern, sein Flug etwa nach Aalen, die Übernahme des  Patienten, der  Rückflug zur Ulmer Uniklinik – „das ist in einer halben Stunde nicht zu schaffen“, sagt Eric Jüttler, Chefarzt der Neurologie an der Aalener Ostalb-Klinik. Das gilt für fast alle Schlaganfallstationen – in Albstadt, Heidenheim, Biberach oder Titisee-Neustadt, die eine letzte Versorgungslücke im Land geschlossen hat.

Die Folge: Erfüllt eine Klinik dieses Kriterium nicht, zahlen die Krankenkassen viel weniger Geld für alle Schlaganfallpatienten. Dabei haben sich die Krankenhäuser dafür mit großem Aufwand eingerichtet: Ein  Nervenfacharzt muss wochentags rund um die Uhr verfügbar sein, sich jederzeit um die Patienten kümmern können. Diese werden auf einer Intensivstation betreut. Mindestens alle vier Stunden sind Blutdruck, Herzfrequenz, Körpertemperatur, Atmung, Sauerstoffsättigung zu messen.

Schlaganfall Stationen in Baden-Württemberg
Schlaganfall Stationen in Baden-Württemberg © Foto: swp grafik

„Es geht nur noch ums Geld.“

Ärzte und Klinikvertreter sind empört. „Bei allem Respekt vor einem Bundesgericht, aber das Urteil ist absurd“, sagt Professor Hansjörg Bäzner, Chef der Neurologie am Klinikum Stuttgart und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Schlaganfallstationen. Seit 1998 hat der Verein zusammen mit dem Landessozialministerium ein Netzwerk qualifizierter Behandlung aufgebaut. „Jetzt ist diese Versorgung hochgradig gefährdet“, sagt Bäzner. „Der Richterspruch zerschießt uns, was wir vor drei Jahren mit erheblichen Investitionen installliert haben“, erklärt Gerhard Hinger, Vorsitzender Geschäftsführer der Zollernalb-Klinik. Patienten in der Region würden zwar weiter  versorgt. Die gekürzte Pauschale sei aber keinesfalls kostendeckend. „Es geht überhaupt nicht mehr um Medizin, sondern nur noch ums Geld.“

800 Schlaganfall Patienten pro Jahr

Neurologe Jüttler nennt Zahlen: Die Aalener Klinik behandle rund 800 Schlaganfall-Patienten pro Jahr. 50 würden in ein Zentrum verlegt, etwa weil ein Blutgerinsel  entfernt werden muss. Neurochirurgen nehmen den Eingriff vor. Medizinisch gehe es dann aber nicht mehr um Minuten. Die Erstversorgung ist entscheidend, um die oft schweren Folgen der Erkrankung gering zu halten. Würden Schlaganfälle nicht wie bisher finanziert, brächen dem Krankenhaus 1,5 Millionen Euro Einnahmen weg. Im September kontrolliere der Medizinische Dienst der Krankenkassen die Klinik. Der prüfe sehr penibel. Die Kassen können sogar bis zu vier Jahre rückwirkend Geld fordern. „Das wäre eine Katastrophe für fast alle Schlaganfallstationen“, sagt Jüttler.

Qualitätseinbußen in der Versorgung

Das Sozialministerium in Stuttgart befürchtet „ernstzunehmende Qualitätseinbußen in der flächendeckenden Versorgung“. Es habe bereits „das Bundesgesundheitsministerium gebeten, geeignete Gegenmaßnahmen“ zu ergreifen“, teilte es mit.

Zweifel an einer echten Intervention von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hegen die Klinikvertreter. Erforderlich sei ein grundsätzliches Umsteuern. Mehr als jedes zweite Haus im Land kämpft mit Defiziten; es fehlen 400 Ärzte und 1200 Pflegekräfte. „Die Fallpauschalen reichen nicht aus, um die Kosten zu decken“, betont Gerhard Hinger, vor allem, wenn die Häuser Mitarbeiter korrekt bezahlten. „Das Pekuniäre dominiert die Versorgung“, sagt Eric Jüttler. Zureit brächten möglichst kranke Patienten mit vielen Komplikationen einer Klinik das meiste Geld. Nun starte die schwarz-rote Koalition eine Qualitätsoffensive. Da soll sanktioniert werden, wenn Komplikationen auftreten. „Das passt doch nicht zusammen.“

Streit um zu hohe Pauschalen

Krankenhäuser rechnen ihre Kosten mit den Krankenkassen über 1300 Fallpauschalen ab, ergänzt durch 41 000 Geldbeträge für Operationen und Prozeduren. Diese sind mit Vorgaben verknüpft. Vertreter der Klinikträger, der Ärztekammer und Krankenversicherungen sowie des Bundesgesundheitsministeriums arbeiten sie aus. Für die „Komplexbehandlung“ des akuten Schlaganfalls umfassen diese Richtlinien knapp vier Seiten.

Das Bundessozialgericht befasste sich mit Abrechnungen des Maria-Hilf-Krankenhauses in Daun in Rheinland-Pfalz,  das über eine Schlaganfallstation verfügt. Für Eingriffe werden Patienten per Hubschrauber in das Trierer Krankenhaus verlegt. Die Krankenkassen Barmer und DAK warfen der Klinik vor, zu hohe Pauschalen für 30 Schlaganfallpatienten abgerechnet zu haben und kürzten diese. Dagegen klagte die Klinik-GmbH und verlor in letzter Instanz. fm

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