So schroff wie CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder ("Griechenland muss jetzt seine Hausaufgabe machen und liefern!") die Erwartungen an die Regierung in Athen formuliert, würden es Diplomaten öffentlich nicht ausdrücken. Aber in der Sache beschreiben Berliner Regierungsvertreter die Lage vor dem zweitägigen EU-Gipfel in Brüssel und dem bevorstehenden Besuch des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras im Bundeskanzleramt am Montag nächster Woche auch nicht viel konzilianter.

Wie ernst die finanzielle Situation Griechenlands aktuell ist, zeigt schon der Terminkalender dieser Tage. Zunächst stand das Thema gar nicht auf der Agenda des Treffens der Staats- und Regierungschefs der EU heute und morgen. Aber Tsipras drängte im Vorfeld des Gipfels auf ein Spitzengespräch unter Beteiligung von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Ratspräsident Donald Tusk, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident François Hollande. In Berlin geht man fest davon aus, dass es zu einem solchen "Mini-Krisengipfel" kommt.

Ansonsten hält sich die Bundesregierung (mit Ausnahme des Finanzministers) bei der Bewertung der akuten Zahlungsschwierigkeiten Athens zurück. Die Prüfung sei "Sache der Institutionen", also von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF), deren Vertreter seit Tagen mit der griechischen Administration in Brüssel und Athen zusammensitzen. Für alle Gespräche mit Griechenland, so die Ansage aus Berlin, sei unverändert der Beschluss der Euro-Gruppe vom 20. Februar "der relevante Rahmen" - also die Verpflichtung Athens auf ein belastbares Reformprogramm und bindende Sparzusagen.

Dass die Kanzlerin noch vor ihrem bilateralen Treffen mit Tsipras am Montag schon in Brüssel für einen "Mini-Gipfel" zur Verfügung steht, wird in Regierungskreisen gern bestätigt: "Wir tun immer alles, dass Prozesse steuerbar bleiben." Es komme jetzt darauf an, "sich nicht nur im Wege der öffentlichen Äußerungen auszutauschen", sondern in persönlichem Kontakt - ein deutlicher Hinweis darauf, dass die jüngsten Dissonanzen zwischen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und seinem griechischen Kollegen Giannis Varoufakis eine sachliche Erörterung der dramatischen Finanzlage des Euro-Landes nicht verhindern dürfen.

Für Griechenland sind das Krisentreffen am Rande des EU-Gipfels als auch die Zusammenkunft von Tsipras und Merkel am Montag darauf Schicksalstage. Tsipras erhofft sich von den Gesprächen eine Lösung seines derzeit größten Problems: Die Staatskasse ist fast leer. Um seinen internationalen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen und Renten sowie Gehälter im öffentlichen Dienst überweisen zu können, braucht das Land dringend zusätzliche Liquidität. Doch dass die Spitzentreffen den Durchbruch bringen, ist unwahrscheinlich. Denn man redet immer noch aneinander vorbei.

Tsipras spricht ständig von einer "politischen Lösung". Im Klartext heißt das: Er möchte die Verpflichtungen, die Griechenland im Rahmen der Rettungsprogramme eingegangen ist, beiseiteschieben, die lästige Troika übergehen und Zugeständnisse auf der Ebene der Regierungschefs aushandeln. Griechenlands Partner und Geldgeber sehen es anders: Nur wenn Athen die noch offenen Reformauflagen erfüllt und am Sparkurs festhält, können die seit Herbst 2014 zurückgehaltenen Kreditraten ausgezahlt werden.

Unmittelbar vor dem EU-Gipfel eskaliert der Konflikt nun. Gestern verabschiedete das Parlament in Athen ein Gesetz zur Armutsbekämpfung, das Sozialhilfen wie kostenlosen Strom und Essensmarken für Familien in Not vorsieht. Außerdem erhalten säumige Zahler die Möglichkeit, geschuldete Steuern und Sozialversicherungsbeiträge in bis zu 100 Monatsraten abzustottern. Dagegen erheben die Vertreter der EU, der EZB und des Internationalen Währungsfonds Einspruch. Sie werfen der Regierung vor, das Gesetz sei nicht mit ihnen abgesprochen und verstoße gegen die Vereinbarung, die Griechenland im Februar mit den Euro-Partnern geschlossen hat. Darin verpflichtete sich Griechenland auch, auf einseitige Schritte zu verzichten.

Die Geldgeber verlieren offenbar die Geduld mit der Tsipras-Regierung. Nach Finanzminister Schäuble schließt jetzt auch EU-Währungskommissar Pierre Moscovici einen Euro-Austritt Athens nicht mehr aus: "Wir werden Griechenland nicht um jeden Preis in der Euro-Zone halten", sagte Moscovici der "Welt".

Am 8. April wird Tsipras im Kreml erwartet, zu einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der griechische Verteidigungsminister Panos Kammenos hat bereits mehrfach angekündigt, Griechenland könne in Russland um Kredite nachsuchen. Doch im April könnte es dafür bereits zu spät sein. Manche Experten befürchten, dass Griechenland schon Ende März das Geld ausgeht.

Offiziell wird über TTIP und Ukraine beraten

Gipfel-Themen Die Schuldenkrise in Griechenland steht offiziell nicht auf der Tagesordnung des EU-Gipfels heute und morgen in Brüssel. Gesetzte Themen sind die Energieunion, das Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der Europäischen Union, die jährliche Budgetüberwachung und die Wirtschaftslage - vor allem aber auch der Ukraine-Konflikt und die Umsetzung des in Minsk mit Russland vereinbarten Friedensabkommens. Die Bundesregierung spricht sich für eine Verlängerung der EU-Sanktionen gegen Russland bis zum Jahresende aus. Auch wenn die Verlängerungsfrage erst im Sommer anstehe, gebe es für die Umsetzung des Minsk-Abkommens Fristen, die bis zum Ende des Jahres liefen, hieß es gestern aus Regierungskreisen. Es sei sinnvoll, die "Dauer der Sanktionen an den Implementierungsfahrplan von Minsk" zu knüpfen.