Saudi-Arabien Saudi-Arabien: Frauen ans Steuer!

Die Fahrschulen sind überfordert: Einer Umfrage zufolge wollen nun zwei Drittel der saudischen Frauen einen Führerschein machen.
Die Fahrschulen sind überfordert: Einer Umfrage zufolge wollen nun zwei Drittel der saudischen Frauen einen Führerschein machen. © Foto: Yousef DOUBISI /AFP
Riad / Martin Gehlen 23.06.2018

Noch herrscht auf Riads Straßen das gewohnte Bild. Wo man hinschaut, sitzen Männer am Steuer. Doch der Countdown läuft, die Reformuhr tickt. Ab Sonntag dürfen zum ersten Mal auch Frauen ans Lenkrad. Für den Rest der Welt eine Selbstverständlichkeit, für Saudi-Arabien eine kleine Revolution.

Vor neun Monaten kündigte das Königshaus diese spektakuläre Wende an, nun wird sie Realität. Zwei Drittel der weiblichen Bevölkerung will nach ersten Umfragen schon bald den Führerschein machen, einige hundert Dokumente wurden bereits ausgestellt. Die fünf bisher offiziell lizenzierten Fahrschulen für Frauen können sich nicht retten vor Anfragen. Allein die Einrichtung im ostsaudischen Dhahran beschäftigt 45 Fahrlehrerinnen und hat 13 000 Interessentinnen auf ihrer Warteliste.

Mindestens 30 Fahrstunden für umgerechnet 600 Euro sind Pflicht, die bisher auf speziellen Parcours fern der Hauptverkehrsstraßen absolviert werden mussten. Die ersten weiblichen Prüflinge präsentierten bereits stolz im Internet ihre neuen Führerscheine. Autosalons, wie Mercedes-Benz in Riad, registrierten in den letzten Wochen mehr und mehr Besucherinnen, die zu zweit oder in kleinen Gruppen das blitzende Angebot musterten, besonders die offenen Coupés. Auch die Videokampagne „She’s Mercedes“ des deutschen Konzerns wirbt jetzt mit saudischen Frauen. Spezielle Nummernschilder für Autos jedoch, die von Frauen gekauft werden, soll es nicht geben, versicherte das Verkehrsministerium. Auch die neuen Schilder an den Ausfallstraßen mahnen jetzt beide Geschlechter gleichermaßen. „Liebe Brüder, liebe Schwestern am Lenkrad, Verkehrsregeln zu achten, schützt euer Leben und das Leben der anderen“, steht dort geschrieben.

Fortschritt darf nur von oben kommen

Empfindlich getrübt jedoch wird die Euphorie über die neuen Freiheiten durch die Verhaftung und die bizarre Schmutzkampagne regierungstreuer Medien gegen prominente einheimische Frauenrechtlerinnen, die drei Generationen angehören. Zeitungen druckten Fotos von Eman al-Nafjan, Loujain al-Hathloul und Aziza al-Yousef mit einem roten Stempel  über dem Gesicht – „Verräter“ stand da in großen Buchstaben.

Zwar wurden sieben der bisher 19 Verhafteten wieder auf freien Fuß gesetzt, unter anderem die 70-jährige Veteranin im Kampf um das Lenkrad, Aisha al-Mana, die unter den Folgen eines Schlaganfalls leidet. Aber die staatliche Unterdrückung geht unvermindert weiter. Auch diese Woche wurden wieder zwei Aktivistinnen aus ihren Wohnungen geholt, weil sie sich auf Facebook für die Angeprangerten eingesetzt hatten.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft haben vier Frauen und fünf Männer inzwischen gestanden, „mit Einzelpersonen und Organisationen kommuniziert und kooperiert zu haben, die dem Königreich feindlich gesinnt sind“. Sie sollen demnächst vor ein Spezialgericht für Terrortaten gestellt werden. Editorials bezichtigten die Verhafteten, unentschuldbare Verbrechen begangen zu haben und Agenten ausländischer Botschaften zu sein. „Wer immer das Heimatland für eine Handvoll Geld verscherbelt, hat keinen Platz unter uns“, hieß es in den landauf, landab gedruckten Hetzartikeln. Andere forderten kurzerhand, alle mit dem Schwert hinzurichten.

Die Botschaft an die Gesellschaft ist damit klar: Bürgerrechte in Saudi-Arabien werden von oben gewährt und nicht von unten erkämpft. Politischer Aktivismus und offene Reformdebatten sind tabu in der absolutistischen Monarchie auf der Arabischen Halbinsel. Entsprechend schockiert reagierten international bekannte Vorkämpferinnen wie Manal al-Sharif, die seit einiger Zeit in Australien lebt. „Mein Optimismus liegt zerschmettert am Boden“, twitterte sie. Die Verhafteten des Hochverrates zu beschuldigen sei skandalös. Deren einziges „Verbrechen“ sei, gegen das männliche Vormundschaftsrecht und gegen die systematische Diskriminierung zu kämpfen, „der wir Frauen jeden Tag unseres Lebens ausgesetzt sind“.

Denn das Thema Autofahren ist längst nicht das Einzige, was die weibliche Bevölkerung aufregt. Praktisch in allen Lebensbereichen haben Väter, Ehemänner, Onkel oder Söhne das Sagen. Zwar wurden einige Bestimmungen des drakonischen Vormundschaftsrechts in letzter Zeit etwas gelockert. Doch nach wie vor dürfen Frauen nicht ohne Einwilligung ihres männlichen Vormunds heiraten, ein Studium beginnen oder reisen, einen Pass beantragen oder sich einem medizinischen Eingriff unterziehen.

Verklemmte Moral

Parallel dazu tobt in der Heimat des Propheten Mohammed ein Kampf um die Deutungshoheit des jüngsten Reformgeschehens, der sich an der Ramadan-Soap „Al-Asouf“ entzündete, der populärsten Abendserie während des vergangenen Fastenmonats. Die Handlung spielt in den siebziger Jahren und zeichnet das Bild einer moderat-konservativen, aber durchaus offenen saudischen Gesellschaft, in der es auch Flirts, Alkohol, Barbesuche und Seitensprünge gab, bis 1979 dann die sittenstrenge Predigerkaste mit ihrer verkrampften Moral das Ruder übernahm.

„Wir waren nicht so“, beteuert auch Thronfolger Mohammed bin Salman gerne, wenn er auf die drei zurückliegenden ultrakonservativen Jahrzehnte seiner Heimat zu sprechen kommt. „Wir wollen nur zurückkehren zu dem, was vorher war, zu einem moderaten Islam, der offen ist für die Welt und offen für andere Religionen und Völker.“ Der prominente Kleriker Abdulbaset Qari dagegen hält die umstrittene TV-Produktion für verderbliche Nostalgie. Das Bild einer Gesellschaft, die die Vermischung der Geschlechter, die Ehebruch und uneheliche Kinder akzeptiere, sei eine Katastrophe, wetterte er in einer Videobotschaft. „Die Serie fördert den Sittenverfall und will die Unmoral in unserer Kultur zur Normalität erheben.“

Für viele saudische Neufahrerinnen dagegen steht jetzt vor allem ihre Premiere am kommenden Sonntag im Vordergrund, wie eine 24-Jährige der Zeitung „Saudi Gazette“ anvertraute. Sie werde an diesem Tag als erstes zu dem Haus ihrer Mutter fahren und diese zu einem Autoausflug abholen. „Ich will diesen Tag mit meiner Mutter genießen, nur meine Mutter und ich – und sonst niemand.“

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