Stuttgart 21 S-21-Gegner: Die hartnäckigen Begleiter

Von Tobias Knaack 13.01.2018
Zum 400. Mal demonstrieren am Montag die Gegner von Stuttgart 21. Im Lauf der Zeit sind es weniger geworden, doch sie fühlen sich trotzdem im Aufwind.

Die Zeit heilt ihre Wunden nicht. Sie reißt sie wieder auf. Die Frage ist nicht wie, sondern wann.“ In Weiß prangen die Sätze auf schwarzen Bannern an den hellen Holzwänden, die hier und da schmale Fenster haben. Dahinter, im Licht großer Scheinwerfer: eine Grube. Darin: Menschen in orangenen Westen, die umherlaufen, organisieren, dirigieren;  ein Lastwagen, der Material anliefert; Kräne, die das Material verbauen. Die Holzwände sind Teil der temporären Stege, die über die Baugrube des neuen Hauptbahnhofs Stuttgart 21 führen. Die Banner aber sind kein Ausdruck des Protests, sie bewerben markig den Start einer neuen Serie eines US-Streamingportals im Internet. Und doch ist das Bild der Wunden mit Blick auf die Gegner des Bahnhofsprojektes von hoher Symbolkraft – angesichts von Baggern und Bohrern,  Beton und Bauzäunen, Baumfällungen und Baulärm.

Für Nina Picasso zum Beispiel, die sagt: „Mir macht die Zerstörung nach wie vor zu schaffen.“ Die Angestellte –  Funktionskleidung von Kopf bis Fuß, „Oben bleiben“-Stecker am Rucksack, Begrüßung: „Picasso wie Rembrandt“ – bewegt sich bei diesem Satz ein wenig nach rechts auf dem Stuhl, dann wieder nach vorne. Ganz so, als würde es ihr wirklich körperlich zusetzen. Sie wollte sich engagieren, erzählt sie über ihren Beginn in  der Bewegung. Über den BUND kam sie zu den Protesten gegen Stuttgart­ 21. Das war 2010. Damals waren es manchmal mehr als 10.000 Menschen, die gegen die Pläne protestierten, den Bahnhof tieferzulegen, gegen die aus ihrer Sicht horrenden Kosten, gegen die Untertunnelung und die geologischen Risiken.

„Unser Einsatz trägt Früchte“

Dezember 2017, die Bewegung steuert auf ihre 400. Montagsdemonstration gegen S 21 zu: Vor der mit Scheinwerfern ausgeleuchteten Bühne stehen vielleicht
300 Menschen im Nieselregen auf dem Kleinen Schlossplatz. Normalerweise sind es eher 400 bis 500 und die Kundgebung findet auf dem Großen Schlossplatz statt. Die Teilnehmer lauschen Eisenhart von Loeper, einem der Urgesteine der Bewegung. Im badischen Rastatt ist im Sommer ein Tunnel in schwieriger Geologie kollabiert und hat den Zugverkehr wochenlang lahmgelegt. Im November war durchgedrungen, dass S 21 mehr als eine Milliarde teurer werde als die bisher geplanten 6,5 Milliarden Euro und nicht vor 2024 fertig, drei Jahre später als zuletzt kalkuliert.

Das sind Entwicklungen, vor denen die Bewegung immer gewarnt hat, und trotzdem bringt sie an diesem Abend nicht mehr Menschen auf die Straße. Nina Picasso klagt über das schlechte Wetter, von Loeper auf der Bühne darüber, dass die Bahn Gutachten zurückhält, er redet von Untreue vergangener und aktueller Bahnchefs und davon, dass „die bundesweite Resonanz auf Stuttgart 21 wieder da ist. Glückwunsch an euch und uns, unser allseitiger intensiver Einsatz trägt Früchte“, ruft er und bekommt ein dankbares Trommel-Trillerpfeifen-Echo.

Es ist eine komplexe Gemengelage, in der sich die Bewegung zu Beginn des achten Jahres der Montagsdemonstrationen befindet. „Wir haben die Argumente auf unserer Seite“, sagt Jürgen Hugger (58). Der Lehrer aus Stuttgart, einer von Nina Picassos Mitstreitern, sagt aber auch, dass diese von den Projektbefürwortern konsequent ignoriert werden. Ja, fast noch schlimmer, dass sich keiner mehr so recht zu dem Projekt bekenne, aber dennoch weitergebaut wird. Er hat dafür eine Formel: „Statt der Befürworter gibt es jetzt die Verharmloser.“

Bekannte Muster für den Protestforscher Dieter Rucht: Einerseits würden von den Verantwortlichen eines Projektes Fakten geschaffen und dann versucht, nachträglich Zustimmung dafür zu gewinnen. Andererseits gebe es auf Seiten der Gegner, „den Irrglauben, man könne über Argumente noch etwas ausrichten“. Argumente haben die S-21-Gegner wahrlich gesammelt oder wie im Fall „Rastatt“ sowie der steigenden Kosten konstant geliefert bekommen. Allein, sie werden vom mantraartig wiederholten Argument der  Bahn und des Bundesverkehrsministeriums hinweggefegt, für einen Ausstieg sei es angesichts des Baufortschritts und des schon investierten Geldes zu spät.

„Man fühlt sich geradezu geadelt“

Den Zustand der Bewegung nennt Rucht „ambivalent“. Zwar sendeten „die konkreten Probleme Signale des Aufwinds“, über die Zeit hinweg aber sei zu erkennen, „dass die Bewegung kleiner wird“. Auch Cornelia Duman findet, „es könnten mehr sein“. Die 66-Jährige ist seit der zweiten Montagsdemo dabei, erst hat sie Geld für die Bewegung gesammelt, dann Infostände betreut, nun malt sie Schilder. „Alle Montag’ stehen wir hier rum, weil wir wissen, das Projekt ist dumm“ steht auf dem neuesten, das sie in den Nieselregen hält. Auch wenn es spürbar sei, dass über die Jahre viele eine Pause bräuchten, weil sie sich „ein bisschen ohnmächtig“ fühlten, sei aufgeben für sie keine Option. „Öffentlichkeitsarbeit ist sehr wichtig“, sagt sie. Sie ist stolz, dass die Bewegung über Jahre hinweg auf Risiken und Fehler hingewiesen hat und „Großprojekte nicht mehr so einfach durchzusetzen sind“.

Die „kritische Begleitung“ ist ursprünglich eine Formulierung, die die Grünen – viele einst überzeugte S-21-Gegner – nach dem Volksentscheid 2011 für sich in Anspruch genommen haben. Heute richtet sich der Zorn vieler aus der Bewegung auch gegen die ehemaligen Mitstreiter, weil sie dem formulierten Anspruch nicht gerecht würden. Dass Politiker wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann oder Tübingens OB Boris Palmer „auf Linie sind“, wie Rucht sagt, empfinden viele als Verrat. Gleichzeitig sähen sich Menschen wie Nina Picasso, Jürgen Hugger und Cornelia Duman umso mehr als aufrechte Minderheit: „Man fühlt sich geradezu geadelt.“

In der Tat sagt Nina Picasso: „Es ist ein gutes Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.“ Nach dem Stehen kommt auf einer Montagsdemo das Gehen. Der Marsch durch die Innenstadt zur Mahnwache am Hauptbahnhof ist genauso fester Bestandteil wie die „Oben bleiben“-Rufe zum Ende der Kundgebung, der lautstarke einminütige „Schwabenstreich“ vor dem Bonatzbau und der Mann, der von einem mit Anti-S-21-Aufklebern gespickten Gepäckwagen aus Getränke verkauft. Am Ende sei die Bewegung keineswegs, sagt Rucht. Er glaubt aber, dass sie „noch stärker ausdünnen wird“. Dass dennoch immer noch mehrere Hundert dabei seien, liege neben dem inhaltlichen Kampf vor allem an einer „Gemeinschaftserfahrung, die viele als bereichernd empfinden“.

Wunden haben die Gegner von Stuttgart 21 über die Jahre reichlich davon getragen. Verletzungen, seelisch und physisch, etwa von der Eskalation des Polizeieinsatzes am „Schwarzen Donnerstag“ 2010 im Schlossgarten. Die größte Wunde aber liegt als Grube mitten in der Landeshauptstadt. Immer präsent. Irgendwann wird sie 900 Meter lang und 80 Meter breit sein und den neuen Hauptbahnhof beherbergen. Bis dahin aber wollen die S-21-Gegner genau das sein, sagt Nina Picasso: „Immer präsent.“

Die Stuttgarter Hip-Hop-Kombo „Die Fantastischen Vier“ hat in ihrem Hit „Troy“ einst das Verhältnis einer Band zu ihren Fans besungen und sich darin selbst als „treuer Begleiter“ stilisiert. Auch wenn sie genau das Gegenteil eines Fans sind, treue Begleiter des Projekts sind die S-21-Gegner allemal, hartnäckige zudem. Auch deshalb sagt Dieter Rucht, dass der Protest unabhängig davon, ob oder wie der Bahnhof gebaut wird, etwas verändert habe: „Die Bewegung hat für einen Politisierungsschub in der Stadt Stuttgart gesorgt.“ In dieser Hinsicht könne sie weit über das Projekt hinaus „auf Jahre und Jahrzehnte“ wirken  – für die Demokratie und eine konstruktiv-kritische Gesellschaft. Oder wie auf einem weiteren Werbebanner für den Serienstart am Bahnhof in Weiß auf Schwarz steht: „Das Licht der Zukunft ist stärker als die dunkle Vergangenheit.”

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