Ein Dutzend Lastzüge drängt sich im Schneesturm zusammen, riesig und schmutzig grau. Ein Plakat in den Nationalfarben Weiß-Rot-Blau hängt über einem Kühlergrill: "Platon zieht den Fernfahrern das letzte Hemd aus." Davor stehen einige Männer mit dampfenden Teebechern. Der Parkplatz vor dem "Mega"-Einkaufszentrum in der Moskauer Vorstadt Chimki ist zum Stützpunkt der russischen Lkw-Fahrer geworden, die seit über einem Monat gegen Platon kämpfen. Platon, das ist ein neues Maut-System für Lkw mit zulässigem Höchstgewicht von mehr als zwölf Tonnen, das die zwei Millionen Trucker auf den 52.000 Kilometer russischer Bundeshauptstraßen elektronisch abkassieren soll.

"Wenn das passiert, können wir unsere Lastwagen verschrotten", sagt Sergei Wladimirow. Ein hochgewachsener Mann mit kantigem, offenem Gesicht, er könnte durchaus den wackeren Helden einer Fernfahrerserie im russischen Staatsfernsehen spielen.

Wladimirow, 41, aus Sankt Petersburg, gehört zu den etwa 1,5 Millionen selbstständigen Fahrern Russlands. Ein Kleinunternehmer mit einem Mitarbeiter und zwei Gebrauchtlastzügen, einem deutschen MAN und einem amerikanischen Freightliner, Baujahr 1998 und 2005. Der Freightliner plus Anhänger hat ihn umgerechnet 86.000 Euro gekostet, er nahm einen Kredit dafür auf, dann kam die Krise. "Wir haben unser Wohnung verkauft, um den Kredit zu löschen, jetzt wohnen wir bei der Schwiegermutter." Die Krise drückte auf die Aufträge, gleichzeitig kletterten die Dieselpreise, verdoppelten sich die Ausgaben für Import-Ersatzteile. "Zwölf Winterreifen, die billigsten, chinesischen, kosten jetzt 240.000 Rubel." Das ist ein halbes russisches Durchschnitts-Jahresgehalt.

Das Geschäftsmodell der russischen Brummis ist einfach und auch ohne Platon längst Überlebenskampf. "Meine letzte Tour ging von Sankt Petersburg nach Nowosibirsk und zurück", erzählt Wladimirow. Acht Tage am Steuer, 4000 Kilometer, 150.000 Rubel für die Ladung hin, 30.000 Rubel für die Ladung zurück, "damit haben wir noch Glück gehabt". Minus 120.000 Rubel für Benzin, minus 13.300 Rubel für Reparaturen, Reifen und Fahrzeugsteuer. Gewinn: 46.700 Rubel. Nach den Protesten senkte die Regierung die Platon-Maut von 3,50 auf 1,50 Rubel, will diese aber vom 1. März an wieder auf gut 3 Rubel anheben. Das hieße für Wladimirow 24.000 Rubel bis Nowosibirsk und zurück. Ihm blieben 22.700 Rubel, keine 300 Euro, brutto, davon ist kaum noch ein Fahrergehalt zu zahlen. Und wehe, sein Truck muss ohne Ladung heim, dann fährt er in die roten Zahlen.

Die Behörden antworten mit doppeltem Spiel auf die Proteste. Einerseits senkte die Staatsduma die Strafe für Maut-Nichtzahler drastisch: von 450.000 auf 5000 Rubel. Andererseits schwiegen die Staatsmedien den Aufstand der Fahrer tot oder ließen durchblicken, ausländische Agenten hätten sie aufgestachelt. Die Maut brauche man für die Reparatur der Straßenbeläge, die die Laster am meisten strapazierten. Experten stimmen dem zu, aber sie geben auch den Fernfahrern Recht, dass Russlands Trassen so zerlöchert sind, weil die Korruption einen Großteil der Straßenbaugelder verzehrt.

Premier Dmitri Medwedew aber verteidigt Platon: "Die Proteste sind nur der Versuch vieler Fernfahrer, ihre grauen Geschäfte zu legalisieren." Das sei völliger Quatsch, sagt Wladimirow. Es gebe viel zu viele Verkehrspolizisten am Straßenrand, die Fracht und Papiere kontrollieren, um schwarz Transporte durch Russland zu fahren. Tatsächlich stoppte die Verkehrspolizei jetzt hunderte Fernfahrer aus Petersburg, aus Dagestan oder Nischni Nowgorod, die versuchten, mit leeren Lkw nach Moskau zu fahren, um zu protestieren. Viele schafften es in Pkw, einer der Petersburger Anführer wäre fast im Sumpf bei Tosno versunken, als er zu Fuß einer Polizeistreife auswich.

So wirken die Proteste seltsam vereinzelt. Fernfahrer in 20 Regionen beteiligen sich, Moskau aber wird kaum behelligt. Es gibt nur die Lkws auf dem Parkplatz in Chimki und etwa 100 Trucks auf der Kaschirskaja-Chaussee südlich von Moskau. Die Staatsmedien versichern, Platon sei erfolgreich gestartet, schon hätten sich mehr als 600.000 Fahrer angemeldet. Die Männer in Chimki aber versichern unverdrossen, sie hielten per Handy und Internet mit ihren Kollegen in der Provinz Kontakt, die Mehrzahl streike.

Dabei verzichten die Fernfahrer auf radikale Aktionen, etwa die mehrfach angekündigte Sperrung der Moskauer Ringautobahn. Russlands Trucker gelten als unpolitisch bis Putin-treu. Malocher - sie wollen nichts mit der Opposition zu tun haben, die angeblich vom feindlichem Westen bezahlt wird. "Ich habe immer Wladimir Putin gewählt", sagt Andrei Boschutin, ein anderer Aktivist auf dem Mega-Parkplatz. "Er hat sehr viel für Russland getan."

Aber viele der Männer sind enttäuscht, dass Putin in seiner Rede zur Lage der Nation kein Wort über die Fernfahrer und die Maut verloren hat. Jahrzehntelang funktionierte in Russland ein ungeschriebener Gesellschaftsvertrag zwischen Staatsmacht und einfacher Bevölkerung: Ihr mischt euch nicht in unsere Politik ein, dafür kriegt ihr genug vom Erlös unserer Rohstoffgewinne mit, um euren Familien ein halbwegs sorgenfreies Leben zu sichern.

Doch der zweite Winter der Wirtschaftskrise scheint diesen Vertrag zu kippen. Mit den Fernfahrern droht einer ganzen Zunft von Kleinunternehmern der Ruin, die staatswirtschaftliche Elite aber kassiert weiter ab. Die Firma RTITS, die Platon betreibt, gehört zu 50 Prozent Igor Rotenberg, Sohn des Milliardärs Arkadi Rotenbergs, der als guter Freund Putins gilt. Zwischen den Metall-Mammuts auf dem Parkplatz in Chiki steht eine Mülltonne, sarkastische Aufschrift: "Hilfe der Fernfahrer für die Familie Rotenberg."

Die Männer hier wollen keine Revolte, aber sie glauben die Bevölkerungsmehrheit hinter sich, haben eine Video-Botschaft an Putin verfasst, in der sie eine Volksabstimmung über Platon fordern. "Wir haben die Verfassung durchgelesen, im 3. Artikel heißt es, die Macht gehe einzig vom Volk aus." Eine für russische Verhältnisse doch sehr revolutionäre Parole.

Strom für die Krim

Blockade Russland hat eine zweite Stromleitung zur annektierten Halbinsel Krim in Betrieb gesetzt. Damit gelangten insgesamt bis zu 400 Megawatt vom russischen Festland auf die Schwarzmeer-Halbinsel. Ukrainische Nationalisten hatten mit dem Kappen von Stromleitungen vor mehr als drei Wochen gegen die Annexion protestiert. Der Warenverkehr auf die Krim wird bereits seit Ende September von hunderten Tataren und ukrainischen Rechtsextremen immer wieder behindert.