Russland Russlands Flirt mit dem Weltuntergang

Moskau / Stefan Scholl 21.11.2018

Der Kalte Krieg ist aus dem Unterbewusstsein vieler Russen nie ganz verschwunden. „Ich träume seit meiner Schulzeit den gleichen Traum, nicht oft, aber immer wieder, alle ein, zwei Jahre“, erzählt die Juristin Irina, 42, aus der Provinzstadt Twer. „Ich bin ein Kind, ich lebe in Moskau, und plötzlich kommen die Amerikaner. Amerikanische Soldaten landen mit Hubschraubern und Fallschirmen, wir versuchen, wegzulaufen, uns zu verstecken, aber sie sind überall.“

Die Angst vor dem Dritten Weltkrieg schien auch in Russland längst gebannt, aber sie schwelte weiter. Und jetzt flackert sie wieder auf, geschürt von aktueller politischer Feindseligkeit. Allein die Ankündigung der USA, sie wollten den INF-Vertrag über das Verbot landgestützter Mittelstreckenraketen kündigen, hat die Welt aus russischer Sicht verändert. Diese Welt scheint böser, gleichzeitig zerbrechlicher geworden zu sein und sich wieder dem Untergang zu nähern. Vor allem in der Nähe des Moskauer Kremls setzt man sich lautstark mit der Möglichkeit eines atomaren Konfliktes auseinander. Während das einfache Volk lieber nicht an so etwas denken mag.

Strategen, Politologen und Politiker diskutieren allerlei nukleare Optionen. Da schlägt Igor Korottschenko, Chefredakteur der Zeitschrift Nazionalnaja Oborona, vor, auf Kuba neue russische Militärbasen einzurichten, dort, wenn nötig, auch Atomraketen aufzustellen. „Dass die Amerikaner wissen: Wenn sie uns angreifen, schlagen wir zurück.“ Nach 56 Jahren wird das Gespenst der Kuba-Krise wieder lebendig.

Konstantin Siwkow, Präsident der Akademie Geopolitischer Angelegenheiten, verlangt sogar, Russland müsse im Fall ­eines neuen Wettrüstens 40 bis 50 atomare Sprengköpfe mit einem überschweren Kaliber von 100 Megatonnen TNT herstellen und auf die geophysikalisch sensibelsten Punkte Amerikas richten. „Zum Beispiel auf den Supervulkan im Yellowstone Park und die Erdbeben-Gräben am Pazifik.“ Würden dort die russischen Hyperwaffen einschlagen, wäre die Vernichtung der USA als Staat sowie der gesamten transatlantischen Elite garantiert. Und der Unternehmer Michail Jurjew ­erklärt Radio Komsomolskaja Prawda, der Dritte Weltkrieg sei so oder so unausweichlich: „Mit dem Westen, mit Amerika, ist es uns auf einem Planeten zu eng.“

Die Endzeit scheint zurückgekehrt in das öffentliche Bewusstsein Russlands, der Atomkrieg ist auch für Russen wieder denkbar. Und das liegt nicht nur an Donald Trump, seinen Launen und seinen Phobien gegen internationale Verträge. Russlands Führung flirtet auf der Suche nach immer knalligeren Argumenten gegen den feindlichen Westen selbst lautstark mit der Bombe.

Allen voran Wladimir Putin. Der russische Präsident krönte im Oktober einen Monolog darüber, dass Russland im Konfliktfall nicht als erster Atomwaffen einsetzen werde, mit den Worten: „Der Aggressor sollte wissen: Die Vergeltung ist unvermeidbar, er wird trotz allem vernichtet werden. Wir aber, die Opfer der Aggression, werden als Märtyrer ins Paradies gelangen, während sie einfach nur verrecken.“

Pazifismus gilt als liberales Geschwätz

Der liberale Militärexperte Alexander Golz vermerkt besorgt, Putins Äußerungen zur schicksalhaften Rolle Russlands in einem künftigen Atomkrieg häuften sich. So motivierte der Präsident in einem Interview im März einen atomaren Gegenschlag mit den Worten: „Das wäre natürlich eine Katastrophe für die ganze Welt. Aber wozu brauchen wir diese Welt, wenn es in ihr kein Russland mehr gibt?“ Vorher verwandelte Putin seine jährliche Rede zur Lage der Nation in eine stundenlange Trickfilmshow, bei der er „einzigartige“ sowie „unangreifbare“ Atomraketen präsentierte und seine Genugtuung mit drohendem Unterton zum Ausdruck brachte. „Niemand wollte mit uns ernsthaft reden, niemand wollte uns hören. Also hört uns jetzt!“

Viele in Russland vermuten, Putin spreche neuerdings so gern über Kernwaffen und ihren Einsatz, um sich gegenüber dem Westen noch unberechenbarer zu geben. Ein Taktiker, der pokert und blufft, aber als mehrfacher Großvater selbst nie auf den Atomknopf drücken würde. Andere aber befürchten, Putins Abneigung gegenüber dem Westen verhärte sich mit zunehmendem Alter zu irrationalem Hass.

Putin habe wie Trump selbst die Schrecken des Zweiten Weltkrieges nicht mehr miterlebt, betrachte wie dieser den Pazifismus der Nachkriegszeit als liberales Geschwätz. „Friedensmüdigkeit“, nennt der Politologe Michail Winogradow die neue Stimmung. Und Militärexperte Golz warnt, beide Supermacht-Präsidenten hätten im Fall eines falschen Alarmes nur 15 bis 30 Minuten, um den Atomkrieg zu starten oder zu stoppen.

Der liberale Blogger Maxim Gorjunow schlägt schon vor, es mit dem altgriechischen Philosophen Epikur zu halten und sich angesichts des drohenden Weltendes mit einem Krug Wein in die Badewanne zu setzen. Und da „der Chef“ der Nation Freifahrkarten ins Paradies versprochen habe, rät der dichtende Rockmusikant Sergei Schnurow: „Bürger, angesichts von so viel Glück, nehmt euch alle einen Strick.“

In den Alltag der Russen ist der Krieg schon lange zurückgekehrt, zumindest in ihren Fernsehalltag. Russische Flugzeuge bombardieren syrische Städte, werden vereinzelt abgeschossen, gleichzeitig zelebriert die Heimatfront ständig die Siege der Vergangenheit, vor allem des Zweiten Weltkrieges. Seit einigen Jahren sind in Russland Autoaufkleber schick, die zeigen, wie ein Strichmännchen mit Hammer und Sichel als Kopf, ein anderes Strichmännchen mit Hakenkreuz-Kopf vergewaltigt: „1941 bis 1945, wir können das wiederholen.“ An die verheerenden eigenen Verluste von damals erinnert man sich nicht.

Im Staatsfernsehen liefen allein dieses Jahr sechs Spielserien zum Thema Krieg an. Sie enden immer mit einem ­Erfolg der überlegenen russischen Waffen, auch wenn diese nur aus einer Axt bestehen, die ein rüstiger Bürgerkriegsveteran in dem Zweiteiler „Das Beil“ gegen nazi-deutsche MP-Schützen schwingt. Russlands TV-Zuschauer wissen, das Kriegshandwerk ist notwendig und – solange es Russen betreiben – hochanständig.

Auch Kernwaffen sind kein Tabu. 2015 erzählte Wladimir Putin in einem TV-Film über den Anschluss der Krim, er habe westlichen Politikern zu verstehen gegeben, Russland werde zum Schutz der von ihm besetzten Halbinsel, wenn nötig, auch seine Atomstreitkräfte alarmieren. Danach erklärten bei einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums 25 Prozent der Befragten, sie seien für den Einsatz von Atomwaffen, falls jemand die Krim angreife.

Aber konsequente Verfechter einer nuklearen Eskalation sind auch in Russland sehr selten. „Jeder weiß, wie so ein Krieg enden würde“, sagt die pensionierte Mathematiklehrerin Sinaida. „Deshalb muss man schon ein Idiot sein, um überhaupt über ihn zu reden.“

Fragt man Menschen in der Moskauer Fußgängerzone Arbat, für wie wahrscheinlich sie einen Atomkrieg halten, will keiner so recht daran glauben, dass er eines Tages Wirklichkeit werden könnte: Trump und die Amerikaner seien keine Selbstmörder oder Dummköpfe, meinen die meisten, der Ausstieg aus dem INF-Vertrag gehöre zum US-Wahlkampf, die Militärs beider Länder unterhielten Kontakte, die auch im Spannungsfall funktionieren würden.

Kriegsunterhosen sind nicht hip

Früher, zur Sowjetzeit, sei die Angst vor dem Atomschlag viel größer gewesen, sagt der oppositionelle Politiker und ­Historiker Wladimir Ryschkow. „Die Straßen waren voller Soldaten, auch bei uns im sibirischen Altai. In den Schulen hingen Plakate, die Kernexplosionen zeigten. Niemand durfte ins Ausland, ­niemand wusste, wie es dort aussah.“ Jetzt seien die Russen viel besser über die Welt informiert, jetzt sorgten auch sie sich vor allem um die Ausbildung ­ihrer Kinder oder die Kücheneinrichtung. „Das Spiel mit den Atomraketen spielen nur die Politiker. Das Problem ist, dass das Volk bei uns darauf keinerlei Einfluss hat.“

Allein in Moskau hat der Staat vier Boutiquen der Kette „Armee Russlands“ aufgemacht. Dort kann man patriotische Military-Mode wie Herrenunterhosen des Typs „Kriegsmarine“ für umgerechnet 13 Euro kaufen. Nur sieht man trotz bester Lage drinnen kaum Kundschaft. Der Kreml hätte es vielleicht gern, aber in Moskau ist Krieg nicht wirklich hip.

Das Atomwaffen-Arsenal dieser Welt
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel