Pawel wuchs in Charp auf, einem Kreisstädtchen nordöstlich des Urals. Er war fünf, als seine Kameraden anfingen, ihn zu hänseln. Grund war sein Familienname. „Papa, warum hat Serjoscha Lewtschenko einen normalen Nachnamen, aber ich. . .?“ Sein Vater holte den Gürtel heraus, um es ihm zu erklären.

Feldbljum, ein sehr jüdischer Nachname. Pawels Eltern leben inzwischen in Israel, Pawel mit seiner Frau und zwei Kindern in Moskau. Er arbeitet für eine US-Firma in einem Büro in Moskwa City, wo die höchsten Wolkenkratzer Europas stehen, ein Arbeitsplatz, von dem Millionen Russen mit allen möglichen Nachnamen träumen. Aber Pawel will auswandern. Er sagt, er ginge gern nach New York, aber das möchte seine Frau nicht. „Sie hängt an Russland, will nur bis in die Ukraine. Nach Odessa. Oder Kiew.“

Jahr für Jahr wandern tausende russische Juden aus. Mehr als zwei Millionen lebten vor 50 Jahren noch in der Sowjetunion, die Zahl ist bis heute auf schätzungsweise 135.000 geschrumpft. Es sind Grafiker, IT-Spezialisten, Unternehmer, Leute mit Hochschulbildung. Sie wandern aus, weil es in Krisenrussland schwierig geworden ist, gute Jobs zu finden. Oder weil Israel das Land ihrer Träume ist.

„In den USA bin ich nie gewesen, in Israel habe ich Verwandte“, erzählt die Programmiererin Daria Marderfeld, 23, die im Dezember 2014 übersiedelte und jetzt in Bat Jam bei Tel Aviv lebt. Die Israelis seien offener als die Moskauer, mit ihnen käme man auch im Autobus leicht ins Gespräch. Sie sagt, sie sei auch in Moskau, als Studentin, glücklich gewesen. Aber das Land habe sich in eine Richtung entwickelt, die ihr nicht gefalle. Der Krieg in der Ukraine, Russland als Aggressor. . . Man war nicht gerade stolz aufs Vaterland.“

Wassili, Businesstrainer aus Saratov an der Wolga, trägt einen erzrussischen Nachnamen, den er aber lieber nicht nennen möchte. „Ich wollte immer in Jerusalem leben. Ich fühle mich dort wie im Himmel.“ Er schwärmt vom israelischen Gesundheitssystem, davon wie hilfsbereit und kinderlieb die Leute hier sind. Mit dem Ukrainekrieg habe sich die Atmosphäre in der Heimat zusehends verschlechtert. Samstags in der Banja hätten seine Freunde begonnen, Amerika zu beschimpfen, erzählt Wassili. „Ich merkte, dass ich immer häufiger vermied, laut meine Meinung zu sagen.“

Pawel ist eigentlich Kinderarzt, studierte in der westsibirischen Gebietshauptstadt Tjumen. Schon damals wollte er wissen, was sich wirklich hinter dem Jüdischsein verbirgt, das es seinem Vater in der Nachkriegssowjetunion unmöglich gemacht hat, Luftfahrt zu studieren. Als Student gründete er die erste jüdische Gemeinde in Tjumen, später organisierte er ein jüdisches Kulturfestival: „Hanuka in Sibirien.“ Er und seine Freunde luden Moskauer Schlagerstars ein, holten sogar Boney M. nach Tjumen. Es waren die frühen 90er, als Russland noch an Boris Jelzin glaubte. Seine erste Frau wollte schon damals nach Israel auswandern. Er wollte bleiben. Sie trennten sich.

Pawel zog nach Moskau, eröffnete seine erste Consultingfirma, engagierte sich in Moskaus jüdischer Gemeinde, gründete den jüdischen Fußballverein Makkabi. Während des Libanonkriegs fuhr er mit seiner Fußballmannschaft nach Nordisrael, die jüdischen Russen montierten Klimaanlagen in damals überfüllten Luftschutzkellern. Für ihn sei es keine religiöse Angelegenheit, Jude zu sein, sagt er, es gehe eher um ein gemeinsames Schicksal. Die Tragödien, die die Juden in ihrer Geschichte durchstanden, hätten einen genetischen Widerstand gegen jede Form von Ungerechtigkeit geformt. „Ein Jude fühlt sich für diese Welt verantwortlich.“

Auch Pawel erlebte, wie Russland sich unter Putin veränderte. Geschäftsleute gerieten ins Gefängnis, weil jemand ihr Unternehmen haben wollte, Putingegner, weil sie auf die Straßen gingen. Immer mehr jüdische Namen landeten als „Volksverräter“ auf schwarzen Listen, weil sie öffentlich opponierten. Während die jüdischen Würdenträger vor der Staatsmacht liebedienerten.

„Unter diesem Regime gibt es in Russland keine Gerechtigkeit. Aber irgendwann wird mich mein Sohn fragen, was ich damals, als das alles los ging in Russland, getan habe.“ Er fing an, Blogs für das Portal Radio Echo Moskwy zu schreiben, eine der meist gelesenen Webseiten Russlands. Darüber, wie die Rabbis dem Kreml nach dem Mund reden, über das Schweigen der russischen Juden angesichts der Hetze gegen politische und sexuelle Minderheiten. „Ich muss protestieren, um ich selbst zu bleiben.“ Aber das sei auf die Dauer gefährlich, auch für seine Familie.

Viele Russen glauben, Antisemitismus sei in ihrem Land kein Thema mehr. Zahlreiche Öl- und Bankmogule, die in der Forbes-Liste der reichsten Russen glänzen, tragen jüdische Namen. Minister, Schlager- und Fernsehstars ebenfalls.

Aber es gibt weiter heimliche Feindseligkeit gegen die Juden. So leise wie die Worte, die ein Amateurhundejäger einem prominenten jüdischen Tierschützer bei einer Talkshow im Staatsfernsehen zuraunte: „Hau doch ab in dein gelobtes Land!“

Juden werden auch wieder laut und ungeniert attackiert. Als der Oberste Rabbi Russlands, Berl Lasar, vor wenigen Tagen Perm besuchte und dort mit dem Gebietsgouverneur den Bauplatz einer neuen Synagoge besichtigte, stellten sich ihm grimmige Bürger entgegen: „Verschwinde Lasar, das ist unsere russische Erde!“

Pawel befürchtet, mit der Wirtschaftskrise wachse auch der Frust des einfachen Volkes, er könne wieder als Judenhass explodieren.

Sicherheit bedeutet für viele Juden auch Rechtssicherheit. Wassili erzählt, wenige Tage nach seiner Ankunft in Jerusalem seien bei einem Terrorakt in einer Synagage mehrere Menschen ums Leben gekommen. „Ich fuhr mit dem Auto vorbei, hörte die Explosion. Aber selbst in diesem schrecklichen Moment fühlte ich mich hier viel ruhiger als vorher in Russland.“

Andere Russen machen Propaganda für eine Rückkehr nach Russland. Unlängst empfing Wladimir Putin den Vorsitzenden des Jüdischen Europäischen Kongresses, den in die Schweiz verzogenen Wirtschaftsoligarchen Wjatscheslaw Kantor. Der klagte, die Juden fühlten sich bedroht in Europa, 2015 sei der Antisemitismus dort um 40 Prozent gestiegen. „Sollen sie doch nach Russland kommen“, sagte Putin lächelnd. „Aus der Sowjetunion sind sie ausgereist, sollen sie doch zurückkehren.“ Auch Kantor freute sich: „Eine fundamentale Idee.“

Pawel grinst eher schräg. „Sozial aktive Juden werden ihre Zweifel haben, ob sie in Russland mehr Freiheit und Sicherheit genießen als in Europa.“ Und die Juden, sagt er, seien sozial ziemlich aktiv.

Neue Heimat Israel

Ausgereist Allein im vergangenen Jahr emigrierten 6600 russische Juden nach Israel. Das waren 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Von den 2,2 Millionen Juden, die im Jahr 1959 in der Sowjetunion lebten, waren bei der letzten Volkszählung im Jahr 2010 in Russland noch 153.000 übrig. Mittlerweile wird ihre Zahl auf nur noch 135.000 geschätzt. eb