Fußball-WM Russland erlebt ein nationales Sommermärchen

Moskau / Stefan Scholl 14.07.2018
Die Staatsmedien feiern die Fußball-WM als nationale Erweckung. Und in der Provinz träumen kleine Jungs von neuen Helden.

Ilja, 11, verkündet: „Ich bin für Neymar“. Obwohl Neymar immer schauspielert? „Ilja schauspielert doch selbst genauso“, die anderen Jungs lachen. Auf dem Fußballplatz des 14.000-Seelen-Städtchens Ziwilsk, 700 Auto-Kilometer östlich von Moskau, haben alle Jungs ihre Idole. Und jetzt sogar zwei. Ilja vergöttert den brasilianischen Superstar Neymar und den russischen Halbstürmer Denis Tscheryschew, der 14-jährige Kiril den Argentinier Messi – und Russlands Spielmacher Alexander Golowin.

Russland lebt in einer neuen Fußballwirklichkeit. Vor dem sensationellen Erreichen des Viertelfinales bei der Heim-WM galten die eigenen Nationalspieler als Haufen überbezahlter Versager, jetzt eifern die russischen Fußballkinder auch ihnen  nach. „Wir wollen sein wie sie“, erklärt Kiril. „Und dafür müssen wir uns jetzt noch viel mehr anstrengen!“

Vergleiche mit Krieg und Stalin

Die Fußball-WM, davon sind auch die meisten Erwachsenen in Ziwilsk überzeugt, hat ihr Land verändert. „Das wichtigste Ergebnis des Turniers ist Geschlossenheit“, sagt Alexander Grigorjew, 32. Er stürmt für den Fußballklubs BoMiK Ziwilsk, gegründet noch in der Sowjetunion. „Die Nationalspieler und die Zuschauer“, so Grigorjew, „wir sind jetzt alle eine große Familie.“ Es sind patriotische Tage in ganz Russland, die Medien feiern das Geschehen vor allem als Rückkehr zu vergangenem Heroismus. „Früher habe ich solche Gesichter nur in Filmen über den Krieg gesehen“, schreibt ein Reporter der Zeitung „Sowetski Sport“ über die beseelten Minen der Nationalkicker. „Und so haben wohl auch Leute ausgesehen, die unter Stalin besonders verantwortungsvolle Parteiaufgaben erfüllten.“

Viele ausländische Fans hat das Städtchen Ziwilsk nicht erlebt. In einem Wolgastrandcafé im 35 Kilometer entfernten Tscheboksary steht ein Deutschlandfähnchen im Fenster, ein Schlachtenbummler soll es auf dem Weg nach Kasan dagelassen haben. Aber die russischen TV-Sender wiederholen täglich die gleichen Übersetzungs-Tonspuren zu Bildern lächelnder Fremdländer: „Man hat uns belogen. Russland ist ein wunderbares Land und die Russen gastfreundliche, offene Menschen.“ Die Stimmung bei der WM war wirklich herzlich, die Organisation gelungen – doch die Masse der Ausländer hat außer Fan-Zonen kaum etwas gesehen vom Land. Die Botschaft der Staatsmedien ans eigene Publikum propagiert generell: „Jetzt weiß es endlich die ganze Welt, wir sind wunderbar. Und ändern müssen wir nichts!“

Auch Kiril und die anderen sonnenverbrannten Jungs auf dem Sportplatz fühlen sich als kleiner Teil des neuen, schönen, großen Ganzen, das Russland heißt. Dutzende Kinder verbringen ihre Tage auf dem dunkelgrünen Teppich des Kunstrasenplatzes am Stadtrand, wo die Teerstraße endet. Obwohl Ferien sind und keine Trainer da. Sie kicken, sie plaudern, träumen, kicken.

 BoMiK-Stürmer Grigorjew, studierter Jurist und Sprinter mit einer  Bestzeit von 11,2 Sekunden auf 100 Metern, ist überzeugt, die gelungene WM werde gerade dem Jugendfußball einen gewaltigen Impuls geben. Aber Ziwilsk – zwei Türenfabriken, eine Elektronikfabrik, ein Frauenkloster und drei Haftanstalten – sei immer eine Fußballstadt gewesen. BoMiK selbst spielt in der Oberliga der Republik Tschuwaschien, immerhin Russlands vierte Liga.

Vor wenigen Jahren hat Ziwilsk ein neues Sportzentrum bekommen, mit Turnhalle, Schwimmbad und einem Kunstrasenplatz, für alle ganztägig geöffnet. Im Rahmen eines staatlichen Programms sind außer in Ziwilsk in fast allen Kreiszentren der Republik Tschuwaschien solche Anlagen gebaut worden. Die materiellen Voraussetzungen seien meienweit von jenen in der Sowjetzeit entfernt, sagt Spielertrainer Alexander Sajun. Aber vielen jungen Spielern sei es wichtiger, einen roten und einen gelben Fußballschuh zu tragen, als enge Ballführung zu üben. „Statt Talent zählt heute Kommerz“, schimpft er. Oft kämen nicht die fähigeren Jungs in die Nachwuchskader der großen Profiklubs, sondern die, deren Eltern mehr Schmiergeld zahlten.

Vor allem in der ärmlichen Provinz gilt Fußball als chronisches Verlustgeschäft, arbeiten die Klub-Manager nicht, um mit dem Verkauf gut ausgebildeter Eigenzöglinge Gewinn zu machen, sondern um zahlungskräftigen Sponsoren möglichst viel Geld aus der Taschen zu ziehen.

Schlaglöcher mit Putin-Fotos

Doch wer politisch auffällt, hat es auch in der Provinz schwer. Der Berufserzieher Anton Krawtschenko ist BoMiK-Fan. Früher lärmten er und anderen Freizeitmusikanten bei Heimspielen mit Gitarren und einer Trommel. Die meisten der Fan-Rocker sind verzogen, Krawtschenko nicht.

Dreieinhalb Jahre arbeitete er als Gefängnispädagoge, jetzt ist der Koordinator der Oppositionsgruppe „Offenes Russland“ in Tschuwaschien. „Eine Organisation, die gegen Russland arbeitet“, erklärt ein BoMiK-Spieler. „Aber das ist eben sein Job, als Typ ist Anton voll in Ordnung.“

Die russische Generalstaatsanwaltschaft hat „Offenes Russland“ als „unerwünschte Organisation“ eingestuft, gegen Anton sind sieben Ordnungsverfahren in Gang. Zum Beispiel weil er und andere Aktivisten Schlaglöcher in der Provinzhauptstadt Tscheboksary mit Holzplatten abdeckten, auf die sie Fotos von Putin-Vertrauten geklebt hatten.

Viermal wurde Krawschtenko zu Geldstrafen verurteilt, eine davon ist rechtskräftig. „Wenn das nächste Urteil rechtskräftig wird, drohen mir schon ein Strafverfahren und bis zu 6 Jahren Gefängnis“, beschwert er sich. „Ich tue, was ich für richtig halte, und der Staat steckt mich zum Dank ins Gefängnis.“

Die russische Justiz hat diese WM nicht verändert, auch nicht in Ziwilsk.

Folgt ein böser Kater nach dem Fest?

Die Fifa liegt Staatspräsident Wladimir Putin zu Füßen. „Das war die beste WM überhaupt“, sagte Fifa-Präsident Gianni Infantino jetzt in Moskau, Russland ein „großartiger Gastgeber“. Allerdings wird der großen Fußball-Party ein ausgewachsener Kater folgen.

Im Schatten der WM hat die Regierung eine fundamentale Rentenreform angekündigt. Das Renteneintrittsalter soll angehoben werden, bei Frauen von 55 auf 63 Jahre und von 60 auf 65 bei Männern – die in Russland nur eine Lebenserwartung von 67,5 Jahren haben. Für Männer sei das „de facto die Abschaffung der Rente“, sagt Martin Brand von der Forschungsstelle Osteuropa der Uni Bremen. Auch die Mehrwertsteuer soll steigen.

Menschenrechtler rechnen zudem damit, dass der Staatsapparat, der einige Wochen sehr zurückhaltend agierte, nach der WM wieder strikter gegen Gegner durchgreift. Human Rights Watch erinnerte unlängst daran, dass in Russland „die größte Menschenrechtskrise seit der Sowjet-­Ära“ herrsche. sid/Foto: afp

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