Streitgespräch Rückkehr zu Pflichtjahr für Junge?

Die Union diskutiert über eine allgemeine Wehrpflicht.
Die Union diskutiert über eine allgemeine Wehrpflicht. © Foto: Frank May/dpa
Berlin / Ellen Hasenkamp und 05.08.2018
Sollen Schulabgänger verbindlich ein Jahr Wehr- oder ersatzweise Sozialdienst leisten? Die Frage beschäftigt die Politik. Ein Pro und Kontra. Schulabgänger verbindlich ein Jahr Wehr- oder ersatzweise Sozialdienst leisten? Die Frage beschäftigt die Politik.

Pro

Die Rückkehr zum Wehrdienst könnte die Lücke zwischen Gesellschaft und Soldaten schließen, meint Ellen Hasenkamp.

Ellen Hasenkamp, Chefkorrepondentin
Ellen Hasenkamp, Chefkorrepondentin © Foto: NBR

Direkt am belebten Bahnhof Friedrichstraße im Herzen von Berlin öffnete vor fast vier Jahren der so genannte Showroom der Bundeswehr. Doch inzwischen hält sich der Andrang – höflich gesprochen – in Grenzen. Und so geht es der Bundeswehr insgesamt seit Aussetzen der Wehrpflicht: Die Truppe hat Mühe, Interessenten anzulocken. Es kommt eben buchstäblich keiner mehr vorbei. Das Ableisten des Grundwehrdienstes dagegen war auch eine Chance für Rekrut und Armee gleichermaßen, sich gegenseitig kennen- und womöglich auch schätzen zu lernen.

Und noch etwas spricht für die Wehrpflicht: Man muss die Armee nicht gleich zum Kitt für die Gesellschaft erklären, aber mehr Bindung zwischen Soldaten und dem Rest der Gesellschaft kann dem Land nicht schaden. Sonst fühlen die einen sich nicht wertgeschätzt und die anderen verdrängen, was es heißt, wenn Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt werden soll.

Beschränkt werden sollte das Ganze allerdings nicht auf die Truppe allein: Eine Pflichtjahr für alle könnte auch in sozialen Einrichtungen geleistet werden. Manch einer hat bereits früher im Zivildienst sein Herz für autistische Kinder oder gebrechliche alte Damen entdeckt und damit vielleicht auch ein Fürsorgetalent, das in Hörsaal oder Werkstatt nie zum Vorschein gekommen wäre. Und in den völlig überlasteten Pflegeberufen dürften auch unerfahrene Helferhände willkommen sein. Die jungen Menschen werden ein paar Pflichtmonate verschmerzen können: Das „Gap Year“ („Lückenjahr“) ist inzwischen ohnehin fast selbstverständlicher Bestandteil der Planungen für die Zeit nach der Schule.

Contra

Kurzzeitsoldaten nützen der Bundeswehr nichts für ihre anspruchsvollen Einsätze, meint Günther Marx.

Günther Marx, Korrespondent
Günther Marx, Korrespondent © Foto: NBR

Als der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) 2011 die Wehrpflicht aussetzte, geschah dies aus zwei Gründen: Erstens war das Thema Wehrgerechtigkeit angesichts des personellen Schrumpfungsprozesses der Bundeswehr bei gleichzeitig vergrößerter Bevölkerungszahl im vereinten Deutschland nicht mehr glaubhaft darzustellen. Und, zweitens, hatte sich der Charakter der Truppe als zunächst ausschließlich für Landes- und Bündnisverteidigung bestimmt in Richtung internationale Kriseninterventionskräfte verschoben – mit Einsätzen vom Balkan über Afghanistan bis aktuell in Mali.

Dafür aber können Wehrpflichtige nicht herangezogen werden, denn, so ein Diktum des früheren Verfassungsrichters und Bundespräsidenten Roman Herzog (CDU): „Die Wehrpflicht ist ein so tiefer Eingriff in die individuelle Freiheit des jungen Bürgers, dass ihn der demokratische Rechts­staat nur fordern darf, wenn es die äußere Sicherheit des Staates wirklich gebietet.“ Auch wenn sich die internationale Lage seit 2011 insgesamt wenig erfreulich entwickelt hat. Der einzige Grund, der nach Herzogs Maxime für die Wiedereinführung der Wehrpflicht spräche, ist nicht erkennbar, trotz Krim, trotz Ukraine-Krise.

Es mag Gründe geben, über eine neue allgemeine Dienstpflicht zu diskutieren, die vom Technischen Hilfswerk über das Rote Kreuz bis zur Bundeswehr ableistbar wäre. Diese sind aber primär gesellschaftspolitischer Natur. Und, die juristischen Hürden beiseite gelassen: Die Bundeswehr hätte wenig davon, denn sie braucht gut ausgebildete Profis und keine Kurzzeitsoldaten mit Minimalausbildung.

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