"Wie ich hierher gekommen bin, war mir doch etwas mulmig: Wie würde ich das meinem alten Vorsitzenden erklären", witzelte Peter Gauweiler zu Beginn. Trotz der Lacher im Auditorium: Die Bühne der für Berliner Verhältnisse gut besuchten Kulturbrauerei im Schick-Viertel Prenzlauer Berg schien nicht die gewohnte Spielwiese des 62-jährigen CSU-Rebellen zu sein.

Gauweilers "alter Vorsitzender" Franz Josef Strauß könnte sich 1975 bei Deng Xiaoping ähnlich gefühlt haben. Dennoch habe der CSU-Übervater damals den chinesischen Staatschef für dessen Wirtschaftspolitik gelobt. "Es ist egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist: Hauptsache, sie fängt Mäuse", lautete Gauweiler zufolge Strauß Rechtfertigung.

Die Katze an diesem Abend war rot: Sahra Wagenknecht, 42, stellvertretende Parteichefin der Linken mit Chancen zu Höherem. "Freiheit statt Kapitalismus" ist der Titel ihres Buches. Erschienen ist es 2011, selbst konservative Blätter haben es wohlwollend rezensiert. Nun ist es um ein Kapitel über die Eurokrise erweitert neu erschienen.

Der Buchtitel erinnert an den Wahlslogan der Christdemokraten von 1976: "Freiheit statt Sozialismus". Für einen CSU-Mann müsste dieser Dreh pure Provokation sein. Dass Gauweiler und Wagenknecht dennoch weitgehend einmütig auf dem Podium saßen, war der Clou des Abends. Moderator Frank Schirrmacher garnierte das Aufeinandertreffen. Ihm als Herausgeber der ehrwürdigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) war diese Rolle nicht auf den Leib geschrieben.

Marxistin, CSU-Querdenker und Freigeist vereint in Entrüstung: Weltweit würden Gewinne privatisiert und Verluste der Gesellschaft aufgebürdet. In der alten Bundesrepublik habe es das nicht gegeben. Gauweiler lobte an Wagenknechts Buch, dass sie sich für Ideen der Sozialen Marktwirtschaft einsetze - wenn auch von einem "anderen Sonnensystem" her argumentierend.

Das schmeichelte Wagenknecht. Doch ein "Ludwig Erhard reloaded", ein Zurück zum sozial ausgleichenden Wirtschaften der Nachkriegsjahre, will sie nicht. Das System müsse man schon grundsätzlich neu ordnen. "Damals diente die Soziale Marktwirtschaft dem Systemerhalt", erklärte Wagenknecht. Soziale Wohltaten als anti-kommunistisches Bollwerk. Heute kämpfe man gegen "Thatcherismus", gegen die Abhängigkeit von Banken und Ratingagenturen.

Gauweiler hieb in dieselbe Kerbe: "Diese heutige Politik kennt man von Heinrich Brüning." Dieser hatte als Reichskanzler 1930 eine rigide Sparlinie gefahren, um die Weltwirtschaftskrise und die Reparationslasten abzuschütteln. Damit habe er, so Wagenknecht, einen Grundstein für Hitlers Aufstieg gelegt. Angesichts der Erfolge der Rechtsextremen bei den Wahlen in Griechenland und Frankreich drohe solche Unbill erneut.

An Details merkte man: Gauweiler und Wagenknecht in einem Boot, das würde nicht ewig gut gehen. Im Fall Griechenland sprach sich Gauweiler für einen Austritt aus der Euro-Zone und eine Abwertungspolitik aus. Wagenknecht bevorzugte einen Schuldenschnitt, Konjunkturhilfen und ein Ende des Spardiktats. En gros waren sich Diskutierende und Moderator einig: Die Krise bedrohe gewachsene bundesrepublikanische und europäische Prinzipien, kratze an der Volkssouveränität. Den Orakelspruch muss man nicht teilen, aber zur Kenntnis nehmen: Da bündeln sich Menschen, die sich spinnefeind sein müssten. In gemeinsamer Sorge.