Karlsruhe / MARTIN HOFMANN  Uhr
Tausende rostende Fässer mit Atommüll, deutlich mehr radioaktive Abfälle: Die Hinterlassenschaften der Kernenergienutzung sicher zu beseitigen, ist aufwendiger und teurer als bisher geplant.

"Schonungslos" will man im Bundesumweltministerium gerechnet haben. Ergebnis: Der zu entsorgende schwach- und mittelradioaktive Abfall aus Kernkraftwerken, der Nuklearindustrie, aus Versuchs- und Forschungsreaktoren hat sich verdoppelt. Aus bisher prognostizierten rund 304.000 Kubikmetern Strahlenmaterial, das bis 2080 anfällt, sind 600.000 geworden.

Der Grund: Die oberste Atomaufsichtsbehörde geht davon aus, dass 126.000 Fässer aus dem maroden Salzbergwerk Asse bei Wolfenbüttel geborgen werden müssen. Bei der Sanierung dieser Endlager-Versuchsanlage fällt auch verstrahltes Salz an, so dass von dort - im schlimmsten Fall - mit einem zusätzlichen Abfallvolumen von 200.000 Kubikmetern zu rechnen ist. Hinzu kommen 13.000 Tonnen sogenannter Urantails. Sie fielen bei der Urananreicherung in der Atomfabrik Gronau an und lagern dort. Lange Jahre galten sie als recycelbar. Doch der finanzielle und vor allem technische Aufwand erscheint inzwischen zu groß zu sein.

Aus der doppelten Menge Strahlenmüll ergibt sich: Schacht Konrad ist viel zu klein, um diesen schwach- und mittelradioaktiven Abfall aufzunehmen. Dort soll er von 2022 an endgelagert werden. Genehmigt ist das frühere Eisenerzbergwerk bei Salzgitter aber nur für 303.000 Kubikmeter.

Was passiert mit dem Rest? Entsorgungsexperten sehen zwei Möglichkeiten: Entweder die Lagerstätte Schacht Konrad wird vergrößert, oder das noch zu suchende Endlager für hochradioaktiven Abfall - vor allem die Brennelemente aus den Reaktoren - nimmt künftig auch den schwächer strahlenden Müll auf. In Frage käme auch eine Mischung aus beiden Vorschlägen. Die Folge: Die Entsorgungskosten von zurzeit geschätzten 40 Milliarden Euro erhöhen sich deutlich. Wie stark, lässt sich zurzeit noch nicht seriös beziffern.

Als völlig unterschätztes Problem entpuppt sich jetzt die Art, wie zumindest bis 2004 Kraftwerksbetreiber schwach- und mittelradioaktiven Abfall zwischengelagert und Atomaufsichtsbehörden diese Lagerung genehmigt haben. Im stillgelegten Atomkraftwerk Brunsbüttel wurde erstmals 2010 im dortigen Zwischenlager ein deformiertes Fass entdeckt. Es befindet sich unter dem Kraftwerksgebäude in sogenannten Kavernen. Diese wurden vom Erdgeschoss aus befüllt und mit einem dicken Betondeckel verschlossen. Andere Zugänge zur Lagerstätte gibt es nicht. Der Abfall war zwischen 1983 und 1985 dort eingelagert worden.

Inzwischen haben Kameras eine der vier Kavernen inspiziert. 130 der 631 dort lagernden Atommüllfässer zeigen gravierende Schäden auf. Eines ist deformiert, anderen fehlen die Fasswände, die Konturen der Behälter sind zum Teil nicht mehr erkennbar, teilte die Atomaufsichtsbehörde in Kiel mit. In zwei der vier untersuchten Kavernen ist der Strahlenabfall ausgetreten. Die meterdicken Betonmauern haben verhindert, dass er in den Untergrund gelangte.

Nun verhandelt das schleswig-holsteinische Umweltministerium mit dem Kraftwerksbetreiber Vattenfall über ein Bergungskonzept. Die Behörde in Kiel rechnet mit weiteren Rostfässern, die nicht mehr mit dem Kran zu heben sind.

Im ebenerdigen Zwischenlager der Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe (WAK) zeigen 1692 von 65.000 Atommüllfässern Korrosionsspuren. Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) zeigte sich von dem besorgniserregenden Befund jedoch nicht überrascht. "Keiner dieser Behälter ist außen kontaminiert", teilte er mit. Es sei also keine Radioaktivität ausgetreten. Im Unterschied zu den Fässern in Brunsbüttel rosten die älteren Behälter im WAK-Lager ausschließlich von innen. Deshalb stapelt die WAK-Rückbau- und Entsorgungsgesellschaft - Eigentümer ist die bundeseigene Energiewerke Nord GmbH - seit 2005 das Fasslager um und kontrolliert die Behälter auf Rostspuren. Im Zweifel werden Behälter durch bessere ersetzt. Dort, wo Fässer feuchtes Material enthalten, wird dies vor einer Umverpackung getrocknet.

Der Aufwand für diese Aktion ist laut Untersteller immens. Bis Ende März seien 20 760 Fässer kontrolliert worden. Die Kosten für Rückbau und Stilllegung der von 1971 bis 1990 betriebenen Karlsruher Forschungsanlage belaufen sich auf rund 2,9 Milliarden Euro. Beglichen werden die Rechnungen von Bund und Land.

Dass nach einer Umfrage des Norddeutschen Rundfunks 2000 der 85.000 Behälter mit schwach- und mittelradioaktivem Müll verrostet oder beschädigt sind, bezeichnen Atommüll-Experten als "Spitze des Eisbergs". Ein Indiz dafür: Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sylvia Kotting-Uhl fordert seit fast zwei Jahren von der Bundesregierung Aufklärung über den Zustand dieses Strahlenmüll. Antwort bisher: Ein Großteil der Fässer sei in Ordnung. Bayerns Atomaufsichtsbehörde schweigt ebenfalls. In der Sammelstelle des Freistaats befinden sich fast 15.000 Behälter.

Die Abfallarten

Atommüll Je nach seiner Wärmeentwicklung, die durch Zerfall der Atomkerne entsteht, wird zwischen schwach-, mittel- und hochradioaktivem Atommüll unterschieden. Zu schwach- und mittelradioaktiven Abfällen zählen ausgediente Pumpen und Rohrleitungen, Luftfilter, kontaminierte Werkzeuge, Schutzkleidung, Laborabfälle, Schlämme und Öle. In Deutschland ist für diese Abfälle die Endlagerung in tiefen geologischen Schichten vorgesehen, um jede unnötige Strahlenexposition von Mensch und Umwelt zu vermeiden. fm