Bayern Rollenspiel: Söder mal mild, mal wild

München/Andechs / Patrick Guyton 12.10.2018
Bayerns Ministerpräsident gibt sich zuerst krawallig, dann schaltet er um auf den verständnisvollen Landesvater.

Kloster Andechs, der heilige Berg. Tradition, Glaube und viel Bier. Kaum ein anderer Ort steht so für den Mythos Bayern wie dieser Hügel mit seiner Klosterkirche, wohin  Tag für Tag Hunderte, ja Tausende pilgern und es sich schmecken lassen. Es könnte ein triumphaler Auftritt werden für Markus Söder an diesem Ort, im Andechser Klostergasthofes, eine Demonstration bayerischer CSU-Stärke. Doch der Kandidat für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten wirkt eher gedämpft. Er spricht ruhiger, als man es von ihm gewohnt ist, er versucht, Emotion in seine Stimme zu legen. „Vertrauen Sie darauf, dass der Freistaat Bayern weiß, was er tut“, sagt er zu den 300 Besuchern der Wahlkampfveranstaltung. „Wir garantieren, uns alle Mühe zu geben.“ Da redet der hochgewachsene 51 Jahre alte Mann, den man fast immer als scharfen Polarisierer kennt, auch Rabauken, jetzt mit ausgeschaltetem Angriffsmodus.

Neue Lehrerstellen und Familiengeld

Söder, seit sieben Monaten bayerischer Ministerpräsident, kämpft um sein Amt, und er muss darum kämpfen. Auf 35 und weniger Prozentpunkte steht die CSU in den Umfragen, die bisherige absolute Mehrheit im Landtag scheint definitiv dahin. Im Freistaat ist die Atmosphäre flirrend. Eine halbe Stunde spricht Söder in Andechs, so wie meist. Er beginnt mit einer Beschwörungsformel: „In Deutschland ist Bayern das Rückgrat, in Bayern ist es die CSU.“ Schnell geht es durch die von ihm eingeführten Segnungen: 4000 neue Lehrerstellen, das Familiengeld für die Eltern kleiner Kinder, das Landespflegegeld – „so was gibt es nur in Bayern“.

 Sein Ziel in diesen letzten Wochen vor der Wahl war es, den Freistaat von der Bundespolitik und vom häufig als katastrophal wahrgenommenen Auftreten Horst Seehofers abzukoppeln, dem Bundesinnenminister und CSU-Vorsitzenden. In der BR-Wahlarena, wo er sich jüngst 100 Zuschauern stellte, meinte Söder: „Am Sonntag findet keine Bundestagswahl statt.“ Es wäre fatal, wegen Berlin die CSU in Bayern abzustrafen.

Harter Kurs in der Flüchtlingspolitik

Seit seinem Amtsantritt am 16. März hat man zwei verschiedene Ausgaben von Markus Söder erlebt. Die ersten drei Monate legte er ungestüm, arbeitswütig und ziemlich auf rechts gebürstet los. Er peitschte den Kreuzerlass durch und sorgte damit für einiges an Verstörung. Er schüttete finanzielle Wohltaten über ganz Bayern. Er demonstrierte den Hardliner bei innerer Sicherheit und Asyl. So stampfte er die eigene bayerische Grenzpolizei, das Landesamt für Asyl und Flüchtlings-Ankerzentren aus dem Boden. Mit Seehofer war sich Söder maximal einig über den harten Kurs in der Flüchtlingspolitik. Es kamen die die Konfrontation mit Angela Merkel wegen Zurückweisungen an der Grenze und der Beinahe-Rücktritt des Parteichefs. Die Umfragewerte gingen von 40 Prozent stetig nach unten.

 Da ersetzte er den ersten Markus Söder durch den zweiten. Der gibt sich als verständnisvoller Landesvater. Über Flüchtlinge spricht er nicht oder eher mild. In Andechs klingt das dann so: „Wir Bayern haben uns nach 2015 echt human gezeigt.“ Gut integrierte Flüchtlinge sollten „beste Startchancen haben“. Immer mehr zeige sich, „dass die Richtigen bleiben und die Richtigen gehen müssen“. Dafür ist in Söder aber ein immenser Zorn auf die die AfD erwacht, welche er zuvor nur ignoriert hatte. Seit den Chemnitz-Ereignissen sehe man deren „eigentlichen Plan“, wettert er auf dem heiligen Berg. Die AfD marschiere „Seit’ an Seit’ mit Pegida, Neonazis und Hooligans“. Sie wolle „bewaffnete Bürgerwehren gründen mit Patrouillen auf den Straßen“.

Am Ende: Freundlicher Applaus

 Es wäre schon ein Zynismus der Geschichte, wenn gerade Söder, der seit vielen Jahren angestrebt hat, bayerischer Ministerpräsident zu werden, natürlich mit CSU-Mehrheit, nun zum Nachlassverwalter der einst absoluten Dauer-Regierungspartei würde. Gerade wenn er aufsteigt, geht es bergab. Im Wahlkampf muss Söder vieles hinnehmen und ein freundliches Gesicht aufsetzen. In der BR-Sendung hört er sich Dauer-Klagen von Lehrern mit sicherem Arbeitsplatz an und zeigt Verständnis. Obwohl er ihnen viel lieber sagen würde, sie sollten sich nicht so haben. Ein älterer Mann meint, dass es in Bayern nicht mehr so schön sei wie unter Franz Josef Strauß, er wisse auch nicht warum. Söder versucht, dessen Heimatbegriff auf den Grund zu gehen.

 Die Inszenierung seiner Person und seine Vorstellung von Politik  scheinen nicht mehr zu funktionieren. Weiterhin bestückt er ständig seinen Facebook- und Twitter-Account.  Die Umfragen lösen Panik in der Partei aus, doch er muss weiter wirken wie der freundlich-zupackende Ministerpräsident, der alles im Griff hat.

„Die Welt liebt uns Bayern eigentlich“, schmeichelt er dem Publikum in Andechs. Am Ende ruft er: „Für ein starkes Bayern.“ Der Applaus ist freundlich, aber nicht rasend. Dann werden Leberkäs’, Brez’n und Bier aus der Klosterbrauerei gereicht.

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