Ulm Risiko-Bewertung von Glyphosat: "Dreistes Fälschungsverfahren"

Ein Landwirt düngt ein Weizenfeld.
Ein Landwirt düngt ein Weizenfeld. © Foto: emjay smith - Fotolia.com
Ulm / MARTIN HOFMANN 08.03.2016
Ist das Herbizid Glyphosat potenziell krebserzeugend? Nein, erklären die zuständigen Behörden in der EU und in Deutschland. Mediziner halten dieses Urteil für falsch. Es sei wissenschaftlich nicht nachvollziehbar. Haben sie Gehör gefunden? Die EU-Mitgliedstaaten haben die Neuzulassung vertagt.
Der Epidemiologe Eberhard Greiser hat in seiner langen Mediziner-Karriere schon viel erlebt. „Dass jedoch eine Bundesoberbehörde zu einem derart dreisten Fälschungsverfahren greift, um ein Pestizid als total harmlos qualifizieren zu können, hat mich fast umgehauen“, schreibt der Bremer Professor.

Er meint das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Es untersteht dem Bundeslandwirtschaftsministerium, Deutschland ist als berichterstattender EU-Mitgliedstaat beauftragt, das Risiko von Glyphosat abzuschätzen. Die EU-Zulassung des Herbizids gilt bis Juni 2016.  Die Genehmigung, das Spritzmittel in der EU zu verwenden, lief schon Ende 2015 ab. Doch den Behörden wollte die EU-Kommission mehr Zeit einräumen, es umfassend, vor allem auch an Hand neuer Erkenntnisse einzuschätzen. Das BfR hat mittlerweile geprüft, ob der Wirkstoff des Spritzmittels nach heutigem Stand der Wissenschaft keine schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen, Tieren und auf die Umwelt hat. Die Behörde stellte dem Herbizid einen Persilschein aus. Die europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit EFSA stimmte diesem Urteil zu.

Führende Epidemiologen, Krebsexperten und Toxikologen aus aller Welt halten diese Schlussfolgerung hingegen für falsch. In einem achtseitigen offenen Brief haben 96 Wissenschaftler dem EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittsicherheit, Vytenis Andriukaitis, die Gründe dafür dargelegt. Ihr Ausgangspunkt: Die Internationale Agentur für Krebsrisiko (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Glyphosat für „wahrscheinlich krebserzeugend“ beim Menschen eingestuft, starke Belege für seine Erbgutgiftigkeit gefunden und „signifikante kanzerogene Effekte“ bei Labortieren festgestellt. Die Chemikalie könne auch oxidativen Stress – eine Schädigung der Zellen bei Menschen – auslösen. Dies schließe Befunde von DNA-Schäden in Blutzellen ein. Die IARC hat ihr Urteil aus allen öffentlich zugänglichen Studien zu dem Herbizid abgeleitet und sie ebenfalls ausführlich begründet.

BfR und EFSA fanden hingegen nur einen „begrenzten Beleg“ für die krebsauslösende Wirkung des Spritzmittels. Sie entgegneten den Krebsforschern: Die IARC interpretierte die Studienergebnisse unter „vorbeugenden“ Gesichtspunkten.  Die Behörden seien hingegen „vorsichtiger“, da es keinen „konsistenten“ Zusammenhang zwischen Krebsrisiko und Belastung durch die Chemikalie gebe. Begründung: Es läge nur eine qualifizierte Kohortenstudie vor. Sie hätte keinen Krebs des Lymphsystems gefunden. Bei Kohortenstudien werden Personen meist über Jahrzehnte genau beobachtet, um das Entstehen von Erkrankungen ermitteln zu können. Für die Analyse bedarf es einer extrem großen Zahl von Teilnehmern, um überhaupt eine ausreichende Anzahl von Erkrankten zu finden. Im Vergleich dazu hätten Fall-Kontroll-Studien geringe wissenschaftliche Qualität, ihre Ergebnisse könne man vernachlässigen, erläutert die Bundesbehörde.

BfR und EFSA erklären auch, in vielen Studien sei nicht zwischen Glyphosat als Wirkstoff und den zugefügten Chemikalien unterschieden worden. Nur das Risiko der Substanz gelte es zu prüfen.
Greiser hält diese Argumentation für abwegig. Epidemiologen untersuchen unter anderem Faktoren, die zu Erkrankungen führen. Deshalb müssten  sie sich mit dem Herbizid – etwa Roundup – befassen, das gespritzt wird. „Sonst kann man sich solche Untersuchungen sparen.“ Fall-Kontroll-Studien abzuqualifizieren, sei absurd. Untersucht werden dabei in Frage kommende Risikofaktoren, denen sich bereits Erkrankte ausgesetzt haben. Diese Angaben werden mit Personen verglichen, die nicht erkrankt sind. Greiser: „Solche Studien haben bisher die stärksten Beweise zu Gesundheitsgefährdungen der Bevölkerung erbracht – etwa den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs oder die Gefährlichkeit von Asbest.“

Greiser und seine Kollegen empört, dass das BfR 18 epidemiologischen Studien ankreidet, sie hätten versäumt, notwendige Angaben zu Erkrankungsrisiken zu erheben. Träfe dies zu, wären sie wertlos, betont Greiser. Doch die Informationen seien im Detail vorhanden, die Studien in renommierten medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht worden. „Unter den Instituten, die laut BfR wertlose Studien publiziert hätten, finden sich viele, bei den es mir eine große Ehren gewesen wäre, dort mitarbeiten zu können“, betont er. Drei der als wenig aussagefähig deklarierten Publikationen stammen etwa vom nationalen Krebsforschungszentrum der USA.

Die 96 Wissenschaftler halten auch die BfR-Schlussfolgerungen zum Krebsrisiko von Glyphosat in Tierversuchen für unzutreffend. Die Behörde hatte moniert, bei Experimenten mit Mäusen und Ratten zur Krebsentstehung hätte man historische Kontrolldaten verwendet, die nicht zu den Versuchstieren passten. Dass bei Tests mit gegenteiligem Ergebnis Forscher zur selben Methode griffen, störte das BfR nicht. Sie stufte diese als relevant ein. Die Experten teilen dem EU-Kommissar dazu mit: Das BfR habe hier differenziert, um sein Ergebnis zu erreichen.

Bei Thema Zellschäden wenden sich die 96 Forscher gegen die geringe Gewichtung von Studien, die Fachleute geprüft haben. „Leitlinien-Untersuchungen“ hat das BfR hingegen als wesentlich kategorisiert. Den einen Untersuchungen  ihre Wertigkeit abzusprechen, sei in einer vorzunehmenden Gesamtbewertung nicht korrekt, betonen die Wissenschaftler.

Fazit ihres offenen Briefes an den EU-Kommissar: Das Behördenurteil „entspricht nicht den vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnissen“. Greiser wird in seinem Urteil der Behördenarbeit  erheblich deutlicher: „Ich kann nicht umhin, dieses Vorgehen als systematische Fälschung von Studieninhalten zu bezeichnen.“ Die Experten fordern von der EU eine transparente, offene und glaubwürdige Einschätzung der wissenschaftlichen Literatur zu den Gesundheitsgefahren.
Hat das Urteil der Forscher zu einem Umdenken der Mitgliedstaaten geführt? In zwei Tagen fand der Vorschlag der EU-Kommission keine Mehrheit im zuständigen Fachausschuss der 28 EU-Regierungen. Schon am Montag hatten sich Frankreich, die Niederlande und Italien den zuvor geäußerten Bedenken der Schweden angeschlossen. Am Dienstag wurde abgestimmt. Es kam keine Mehrheit dafür zustande, das Spritzmittel in Europa jetzt gleich für weitere 15 Jahre zuzulassen. Nun wollen die EU-Regierungen am 18. Und 19. Mai erneut über die Zulassung beraten. Ein Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministers Christian Schmidt (CSU) erklärte dazu, die Bundesregierung stimme sich dann erneut ab. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hatte im Februar die Neuzulassung mit dem Argument abgelehnt, das Herbizid gefährde die biologische Vielfalt.   

Keine Frage: Als Breitbandherbizid ist Glyphosat hoch wirksam. Sogenannte Unkräuter sterben zuverlässig ab. Forscher des US-Konzerns Monsanto haben dies 1970 erkannt. In Pflanzen verhindert die Substanz die Produktion lebensnotwendiger Aminosäuren, die Bausteine der Eiweiße. Da dieser Stoffwechselweg bei Tieren und Menschen nicht existiert, glaubten die Hersteller, es könne diesen auch nicht schaden.

Inzwischen ist durch Untersuchungen hinreichend belegt, dass das Herbizid die Aufnahme von Spurenelementen wie Calcium, Mangan, Eisen und Magnesium hemmt. Es reduziert im Magen-Darm-Trakt höherer Lebewesen Bakterien, Pilze, Algen und Mikroorganismen. Das Problem dabei:  Gesundheitsfördernde Bakterien haben sich als empfindlicher gegenüber der Chemikalie erwiesen als potenziell krankheitserregende. Diese Folgen können bereits bei Konzentrationen des Spritzmittels in Nanogramm-Bereich (ein Milliardstel Gramm) auftreten.

Die Tierärztin Prof. Monika Krüger von der Universität Leipzig untersucht schon seit Jahren die Wirkung von Glyphosat und ihren Beimischungen, die vor allem das Eindringen des Wirkstoffs in die Blätter erleichtern.  Sie stellt zusammen mit anderen Experten fest, dass das Herbizid auch in die Enzymsysteme und den fein ausbalancierten Hormonhaushalt von Warmblütern eingreift. „In Rinder- und Schweinebeständen sind dadurch Fruchtbarkeitsprobleme an der Tagesordnung“, beschreibt sie ihre Erkenntnisse.  Im menschlichen Organismus wirke Roundup auf Testosteron bildende Zellen, die davon weniger produzieren. Die Chemikalie hemmt auch die Bildung entgiftender Enzyme oder zerstört sie in der Leber.  Giftige Bakterien  und Pilze gewinnen die Oberhand. Bei Kühen kann sich dann eine chronische Botulinusvergiftung entwickeln.         

In Deutschland werden jährlich 5000 bis 6000 Tonnen eingesetzt – vor allem in der konventionellen Landwirtschaft, weltweit werden pro Jahr geschätzte 800.000 Tonnen versprüht. Stark zugenommen hat der Glyphosateinsatz mit dem Ausbringen gentechnisch veränderter Nutzpflanzen. Diese haben Monsanto und andere Agrokonzerne gegen das Herbizid immunisiert.

Geringe Glyphosat-Rückstände finden sich in zahlreichen Lebens- und Futtermitteln, in Nutztieren wie Schweinen, Rindern und Geflügel, in Hasen oder Mastkaninchen. Monika Krüger berichtet: „Dort weisen sie eine 3,7mal höhere Konzentration auf als in Milchkühen.“       
 
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