Als Chinas Botschaft in Hanoi vor ein paar Monaten den chinesischen Nationalfeiertag beging, gratuliert von Regierungsseite Minister Bui Quang Vinh. Man messe der Stärkung der Freundschaft große Bedeutung bei. Bui Quang Vinh ist Planungsminister und kaum bekannt. Ist die Tatsache, dass die Regierung ein vergleichsweise kleines Licht der kommunistischen Staatshierarchie zu den Chinesen schickt, ein Zeichen für wachsende Distanz zum mächtigen Nachbarn?

Kontroverse Diskussionen über die Politikrichtung sind in Vietnam tabu. Die Kommunistische Partei (KP) diktiert, Transparenz ist nicht ihr Markenzeichen. Diese Woche beginnt der nur alle fünf Jahre stattfindende KP-Parteitag. Er stellt die Weichen für die kommenden fünf Jahre. Analysten suchen bei jedem Auftritt und jeder Äußerung nach Hinweisen auf die Machtverhältnisse. In den Ring treten prochinesische Traditionalisten um KP-Generalsekretär Nguyen Phu Trong, und prowestliche Modernisten um Ministerpräsident Nguyen Tan Dung. Dung wolle Trong im mächtigen Parteiamt beerben, heißt es.

Für den ehemaligen US-Diplomaten und Südostasienkenner Dan Brown ist die Sache klar: "China hat das strategische Vertrauen Vietnams verloren, die USA gewinnen es gerade", schreibt er im Politblog East Asia Forum. Dass China zur Unterstreichung seiner Territorialansprüche im Südchinesischen Meer 2014 eine Ölplattform vor die vietnamesische Küste zog, habe das Fass zum Überlaufen gebracht, meint er. Das Verhältnis zu China war nie die große Liebe. Dennoch sei Generalsekretär Trong der Schmusekurs von Dung mit dem Westen nicht geheuer, munkeln andere. Er werde versuchen, selbst im Amt zu bleiben, um Dungs Vormarsch zu torpedieren.

Alles halb so wild, meint Hans-Georg Jonek, Büroleiter der FDP-nahen Friedrich Naumann Stiftung in Hanoi. "Auch unabhängig von den Personalentscheidungen wird es keine gravierenden Änderungen der Politik geben. In der Außenpolitik wird die Tendenz Richtung Westen beibehalten werden." Dass sich das aufstrebende Vietnam wirtschaftlich weiter öffnet, steht für Analysten außer Frage. Der Elektronikriese Samsung hat groß investiert. Die Mitgliedschaft Vietnams im Freihandelsforum Trans-Pazifische Partnerschaft (TPP) mit den USA erhöhe den Reformdruck. "Die Handelspartner können sich auf mehr Reformen, mehr Transparenz und mehr Investitionsanreize einstellen", sagt Vo Tri Thanh, Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsanalyse im Planungsministerium. "Wir müssen aber den Bank- und Finanzsektor restrukturieren sowie die Staatsbetriebe und das Investitionswesen."

Die rasante wirtschaftliche Entwicklung der letzten 30 Jahre hat relativ viel Wohlstand, aber auch soziale Ungleichheit gebracht. Dennoch, die KP sitze fest im Sattel, sagt der australische Vietnam-Experte Carl Thayer. "Es gibt kein organisiertes Netzwerk von Demokratie-Aktivisten." Vietnam sperrt Dissidenten regelmäßig ein, wie Menschenrechtler anprangern. "Die KP hat zwei Möglichkeiten, ihre Macht zu sichern", sagt Professor Nguyen Minh Thuyet, früher im Komitee für Kultur und Bildung in der Nationalversammlung. "Sie kann ihre Macht missbrauchen und die Leute zwingen, auf Linie zu bleiben, oder sie kann den Reformprozess fortsetzen und das Vertrauen der Menschen gewinnen. Letzteres wäre eine Win-Win-Situation."

Sozialistisch seit 1975

Das Land Vietnam ist eine sozialistische Republik in Südostasien. Mit der Eroberung der Hauptstadt des vom Westen unterstützten Südvietnams, Saigon (heute: Ho-Chi-Minh-Stadt), durch kommunistische nordvietnamesische Truppen endeten 1975 drei Jahrzehnte Krieg in dem Land. Erst 1986 begann sich das rohstoffreiche Land marktwirtschaftlichen Reformen zu öffnen.