Riad Riad geht gegen Frauenrechtlerin vor

Samar Badawi mit Hillary Clinton und Michelle Obama bei der Verleihung des "Women of Courage"-Preises in Washington D.C.
Samar Badawi mit Hillary Clinton und Michelle Obama bei der Verleihung des "Women of Courage"-Preises in Washington D.C. © Foto: afp
MARTIN GEHLEN 14.01.2016
Die saudische Frauenrechtlerin Samar Badawi ist vorübergehend festgenommen und verhört worden. Sie ist die Schwester des zu 1000 Peitschenhieben verurteilten Bloggers Raif Badawi.

Die saudische Führung lässt nicht locker. Ungeachtet der massiven internationalen Kritik an ihrem repressiven Kurs gegen Andersdenkende geht das Königreich jetzt auch gegen die Frauenrechtlerin Samar Badawi vor, die Schwester des Bloggers Raif Badawi.

Der Meldung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International jedoch, die 34-Jährige sei zusammen mit ihrer zweijährigen Tochter Joud festgenommen worden, widersprach der Sprecher des saudischen Innenministeriums, General Mansour al-Turki. "Sie ist nicht verhaftet, sondern wird von der Kommission für Ermittlung und Strafverfolgung verhört", erklärte er per SMS. Saudi-Arabiens Botschaft in Berlin ergänzte, Samar Badawi habe lediglich einen Termin bei der Staatsanwaltschaft gehabt und die Staatsanwaltschaft nach dem Gespräch wieder verlassen. Am Mittwochabend meldeten Aktivisten, Samar Badawi sei wieder frei.

Amnesty International hatte berichtet, Samar Badawi sei am Dienstagmorgen zuhause abgeholt worden, vier Stunden lang im Polizeipräsidium befragt und anschließend zusammen mit ihrer Tochter in das Dhahran-Gefängnis gebracht worden, wo ihr Bruder Raif Badawi seit 2012 seine zehnjährige Haftstrafe verbüßt.

Dessen Fall erregte im letzten Jahr weltweit Aufsehen, auch weil die Justiz den Blogger im Januar 2015 in Dschidda öffentlich auspeitschen ließ. Erst vor zwei Wochen entfachte das Königreich erneut breite internationale Empörung, als es im Zuge einer Massenhinrichtung von 46 Terrorverurteilten auch den schiitischen Prediger Nimr al-Nimr hinrichten ließ.

"Samar Badawi wurde ausschließlich festgenommen, weil sie auf friedliche Art und Weise von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat", erklärte Amnesty und sprach von "einem neuen alarmierenden Rückschlag für die Menschenrechte in Saudi-Arabien". Vorgeworfen wird der Aktivistin unter anderem, ein Twitter-Konto zu führen, das für die Freilassung ihres geschiedenen Mannes aus dem Gefängnis wirbt, wo der Menschenrechtsaktivist sich die Zelle mit sieben Kriminellen teilt.

Samar Badawi wurde 1981 geboren und stammt wie ihr drei Jahre jüngerer Bruder Raif aus zerrütteten Familienverhältnissen, die jahrelang auch die Gerichte und Sozialämter in Dschidda beschäftigten. Die Mutter war Libanesin und starb früh an Krebs. Nach dem Tod seiner Frau begann der Vater, der als wahabitischer Religionspolizist arbeitete, die halbwüchsige Tochter zu missbrauchen und zu tyrannisieren. 2008 flüchtete sie in ein Frauenhaus in Dschidda, woraufhin ihr Vater sie wegen "Ungehorsam gegen die Eltern" verklagte.

Samar Badawi wurde verhaftet und verbrachte sieben Monate im Gefängnis. Durch die Erfahrungen entwickelte sie sich zu einer entschiedenen Vorkämpferin für mehr Frauenrechte in Saudi-Arabien.

2012 zeichnete das US-Außenministerium sie mit dem "International Woman of Courage Award" aus, ein Festakt, an dem auch die amerikanische First Lady Michelle Obama teilnahm. Die damals amtierende Außenministerin Hillary Clinton pries die Preisträgerin in ihrer Laudatio als "kraftvolle Stimme" und erklärte: "Samar Badawi setzt sich ein für die beiden wichtigsten Frauenziele in Saudi-Arabien - das Wahlrecht für Frauen und der Kampf gegen ein System, in dem Frauen nicht heiraten können, wen sie wollen, nicht einem Job ihrer Wahl nachgehen können oder irgendwohin verreisen, ohne dass ein Mann dies vorher erlaubt."