Kommentar Gerd Höhler zur wirtschaftlichen Entwicklung in der Türkei Rezession in der Türkei: Gefahr für Europa

Gerd Höhler
Gerd Höhler © Foto: Fotoagentur Netzhaut
Ankara / Gerd Höhler 11.08.2018

Die türkische Lira erlebt einen beispiellosen Absturz. Allein am Freitag hat sie zeitweilig fast ein Fünftel ihres Außenwerts verloren. Ausländische Urlauber mag die Abwertung der türkischen Währung freuen. Für sie wird der Aufenthalt billiger. Bekamen sie im vergangenen Sommer noch 4,11 Lira für einen Euro, waren es am Freitag erstmals mehr als sieben Lira. Die Währung befindet sich im freien Fall.

Für Europa und insbesondere für Deutschland birgt diese Entwicklung aber erhebliche Gefahren. Aus der Währungsschwäche könnte schnell eine Bankenkrise werden. Das beträfe nicht nur die türkischen Geldinstitute. Spanische, französische und italienische Banken halten große Beteiligungen im türkischen Finanzsektor. Auch deutsche Geldhäuser haben in der Türkei offene Forderungen von knapp 21 Milliarden Euro. Kommt es zum Crash, wären überdies rund 6500 deutsche Unternehmen betroffen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Türkei angesiedelt haben.

Eine Rezession in der Türkei wäre für Europa wirtschaftlich  zu verkraften. Trotz der engen Handelsbeziehungen zum Bosporus würde sie das Wachstum in der Eurozone nur marginal bremsen. Aber politisch ist die Entwicklung alarmierend. Die Türkei ist für EU und Nato ein wichtiger Anker an der Schwelle zum unruhigen Nahen Osten. Ein Land im wirtschaftlichen Chaos kann seine Rolle als Sicherheitspartner nicht wahrnehmen.

Um einen Zahlungsausfall zu vermeiden will, könnte die Türkei bald gezwungen sein, den Internationalen Währungsfonds zur Hilfe zu rufen. Sich dem Spardiktat zu unterwerfen, passt sicher nicht zu den Allmachtsfantasien eines Erdogan. Am Ende könnte er keine andere Wahl haben.

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