Berlin / Hajo Zenker  Uhr

Da kommen Mütter in die Notfallaufnahme mit ihrem Kind, das 37 Grad Temperatur hat“, sagt Branko Trebar, Leiter der Abteilung Versorgungsstruktur der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). „Und halten das für eine schwere Erkrankung. In der Bevölkerung ist viel an früher selbstverständlichem Wissen um die Gesundheit verloren gegangen. Auch das füllt die Notaufnahmen.“  Er räumt aber ein, dass sich auch das Verhalten der Hausärzte gewandelt hat – früher konnte man sie auch sonntags anrufen, wenn man ein plötzliches Leiden selbst nicht recht einschätzen konnte. Das ist aus der Mode gekommen.

Andere Patienten wiederum sitzen in der Notaufnahme, weil sie noch keinen Termin bei einem Facharzt bekamen oder gerade Zeit haben, um sich einmal anschauen zu lassen. Oft kämen Patienten in der Annahme, „im Krankenhaus eine qualifiziertere, insbesondere ganzheitliche Behandlung zu erhalten“, sagt Professor Wilfried von Eiff, Professor für Krankenhausmanagement in Münster und Leipzig. Und dazwischen sind dann die echten Notfälle in lebensbedrohlichen Situationen. Eine Studie zu „Patienten in der Notaufnahme von norddeutschen Kliniken“ mit Daten von 2015/2016 hat ergeben, dass mehr als die Hälfte der Patienten nicht unter die Definition eines medizinischen Notfalls fiel. Den Anstieg ambulant in den Notaufnahmen behandelter Patienten von 6 Millionen auf 8,5 Millionen innerhalb von sechs Jahren jedenfalls nennt Trebar „dramatisch“.

Etwas nüchterner spricht Professor Boris Augurzky, Gesundheitsökonom am RWI – Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, von „Übernachfrage“. Die Patienten, die sich als Notfall sehen, müssten deshalb gesteuert werden – „um wirklich an die richtige Stelle, an die richtige Behandlung zu kommen“. Auch KBV-Vorstandsvorsitzender Andreas Gassen meint: „Steuerung ist der Schlüssel zum Erfolg.“

Wie aber kann die aussehen? Professor Jonas Schreyögg, der Management im Gesundheitswesen an der Universität Hamburg lehrt und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen ist, rät, das Nebeneinander von kassenärztlichem Bereitschaftsdienst, Rettungsdienst und Notaufnahmen der Kliniken zu beenden. „Wir brauchen eine vollständige Integration.“ Angefangen bei der Rufnummer – 112 und 116 117 müssten zusammengeschaltet und am besten letztlich zu einer Nummer werden – bis hin zur Schaffung integrierter Notfallzentren (INZ). Wer anruft, soll von erfahrenem Personal, medizinischen Fachangestellten oder Pflegern, befragt werden, das eine erste Einschätzung geben kann, welche Behandlung nötig ist. Im Zweifel soll ein Allgemeinmediziner an den Hörer gehen. Wer selbst in ein INZ kommt, gelangt an einen Tresen. An dem wird entschieden, ob der Hilfesuchende tatsächlich sofort vor Ort ambulant oder sogar stationär behandelt werden muss. Oder ob ein Besuch beim Hausarzt am nächsten Tag reicht.

Die INZ sollen dabei zwar am Krankenhaus angesiedelt, aber eigenständige wirtschaftliche Einheiten sein, in die das Geld der Krankenkassen direkt fließt. Das konkrete Konzept wird der Sachverständigenrat am 3. Juli an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) übergeben. Der muss dann entscheiden.

Dass solche Modelle funktionieren, zeige etwa Dänemark, sagt Professor Boris Augurzky. Aus eigenem Antrieb unangekündigt in einer Notaufnahme aufzutauchen, geht dort nicht. Wenn man nicht vom Hausarzt eingewiesen wurde, wählt man die Notfallnummer. Dort wird abgeschätzt, ob man tatsächlich ein akuter Fall ist. Und ob man ambulant oder stationär behandelt werden muss – dorthin wird man dann vermittelt, dank Digitalisierung dort, wo Betten frei sind.

Eine erste Maßnahme, die Notfallversorgung neu aufzustellen, hat jetzt der Gemeinsame Bundesausschuss ­(GBA), das höchste Gremium der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens, in dem Vertreter von Kassen genauso sitzen wie der Ärzte und Krankenhäuser, beschlossen: Künftig soll es wirtschaftlich nur noch für 1120 Kliniken lukrativ sein, Personal und Technik für die Behandlung von Notfällen vorzuhalten. Bisher sind 1748 Krankenhäuser an der Notfallversorgung beteiligt.

Für GBA-Chef Josef Hecken ist das ein Unding, weil in diversen Häusern eine innere Station oder eine Intensivstation fehlten. Das sei für einen Patienten in einem lebensbedrohlichen Zustand unzumutbar. 120 Anlaufstellen sind der KBV aber immer noch zu viel. Sie hat Boris Augurzky ausrechnen lassen, wie viele Notfallzentren Deutschland wirklich braucht. Er kommt auf 736 INZ, die jeder Deutsche in maximal 30 Autominuten erreichen könne. Klar ist, dass Krankenhäuser mit einer Neuregelung unter Druck geraten.

Bisher, sagen Kritiker, dienen  Notfallpatienten dazu, Krankenhausbetten zu füllen und damit Einnahmen zu erzielen – stationäre Behandlung bringt nämlich mehr als ambulante. Notaufnahmen dürften „kein Staubsauger zum Bettenfüllen“ sein, sagt GBA-Vizechef Johann-Magnus von Stackelberg.

Während in Holland jeder Dritte, und in Frankreich jeder Fünfte aus der Notaufnahme auf Station wechselt, ist es in Deutschland jeder Zweite. Der Sachverständigenrat sieht das als Ergebnis „finanzieller Fehlanreize“. KBV-Chef Gassen hält die Notaufnahmen einiger Kliniken für ein „Feigenblatt, damit das Krankenhaus nicht schließt“. Das dürfte vielerorts bald wegfallen.

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