Sachlich geboten, aber politischer Selbstmord - mit dieser Kurzformel beschreibt der Rentenexperte und frühere Wirtschaftsweise Bert Rürup, warum es so schwierig ist, die Renteneinheit zwischen West- und Ostdeutschland herzustellen. Auch 24 Jahre nach der Einheit fühlen sich die Ostdeutschen benachteiligt, weil sie meinen, geringere Rentenansprüche zu haben als die Westdeutschen. Doch tatsächlich sind sie im Vorteil.

Die Ostdeutschen schauen hauptsächlich auf den "aktuellen Rentenwert". Er gibt an, welchen Rentenanspruch ein Arbeitnehmer erwirbt, der ein Jahr lang genau den Durchschnittsverdienst hatte. Er beträgt im Westen derzeit 28,61 Euro. Im Osten liegt er mit 26,39 Euro immer noch fast acht Prozent niedriger. Die Folge: Nach 40 Berufsjahren winken im Westen brutto 1144 Euro Rente, im Osten nur 1056 Euro.

Doch das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Denn die Beiträge der Ostdeutschen werden aufgewertet. So wird ausgeglichen, dass zu DDR-Zeiten die Löhne sehr niedrig waren. Dieser Aufwertungsfaktor ist für die einzelnen Berufsjahre sehr unterschiedlich. Verdienste in den 80er Jahren werden teilweise mehr als verdreifacht. Es gibt diese Aufwertung immer noch: Alle Beiträge, die 2017 im Osten gezahlt werden, werden um 18,7 Prozent aufgewertet. Um diesen Prozentsatz sind die Löhne im Osten im Schnitt niedriger als im Westen. Die Folge dieses Zuschlags: Faktisch erwirbt der Durchschnitts-Arbeitnehmer im Osten einen Rentenanspruch von 31,33 Euro. Er ist also um 9,5 Prozent höher als im Westen.

Dass der Westen im Nachteil ist, zeigt das Beispiel eines Arbeitnehmers, der in diesem Jahr 35 000 Euro brutto verdient: Er erwirbt im Westen einen Rentenanspruch von monatlich 28,73 Euro, sein Kollege im Osten dagegen 31,46 Euro.

Dieses System, das Anfang 1992 in Kraft trat, sollte die niedrigeren Löhne im Osten ausgleichen. Damals gab es die Erwartung, dass die Ost-Löhne rasch das Westniveau erreichen würden. Doch dieser Aufholprozess stagniert seit dem Jahr 2000; es ist nicht absehbar, wann die Lohneinheit erreicht ist. Wobei es die auch im Westen nicht gibt: In Baden-Württemberg wird im Schnitt deutlich mehr bezahlt als etwa in Schleswig-Holstein. Auch im Osten gibt es deutliche Unterschiede zwischen Metropolen wie Dresden oder Leipzig und strukturschwachen Regionen. Daher macht die unterschiedliche Behandlung in West und Ost keinen Sinn mehr.

Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag auf die "vollständige Angleichung der Rentenwerte" zum Ende des Solidarpaktes festgelegt, also bis Ende 2019. Genau das hat jetzt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angekündigt. Dafür solle der Fahrplan bis 2017 per Gesetz verabschiedet werden. Praktisch würde das heißen: Alle bis Ende 2019 erworbenen Ansprüche bleiben erhalten. Ab 2020 gibt es nur noch einen Rentenwert, der etwas niedriger als zuvor im Westen, aber deutlich höher als im Osten ist.

Den spannendsten Punkt hat Merkel ausgelassen: Wird dann die Aufwertung im Osten abgeschafft? Das wäre sachlich geboten, meint Rürup. Sonst würde der bisherige Unterschied zementiert; das koste die Rentenversicherung vier Milliarden Euro pro Jahr. Nur widerspräche es allen politischen Erwartungen im Osten.

Die tatsächlich gezahlten Renten sind im Osten höher als im Westen, weil dort insbesondere Frauen dank Kinderbetreuung mehr Berufsjahre haben. Künftig dürfte sich allerdings die höhere Arbeitslosigkeit nach der Einheit negativ auswirken.