Mittlerweile setzen viele Kommunen auf Containerlösungen, Zelte oder Turnhallen. Nach Innenminister Reinhold Gall (SPD) fordert indes nun auch CDU-Landtagsfraktionschef Guido Wolf eine Debatte über das Sachleistungsprinzip - sprich: Kleidung statt Bargeld.

Während Gall den Anteil der Sachleistungen erhöhen will, kann sich die CDU gar die Abschaffung der Geldzahlungen vorstellen. "Bereits im Januar 2015 hat die Europäische Kommission mit Blick auf die Flüchtlinge aus dem Westbalkan empfohlen, bei den finanziellen Leistungen restriktiver zu sein", sagte Wolf. In Erstaufnahmestellen des Landes steht alleinstehenden Flüchtlingen ein "Taschengeld" von 140 Euro monatlich zu. In der "vorläufigen Unterbringung" der Landkreise sind es 212 Euro. Kritiker betrachten diese Summen als Anreiz.

Im Juni kamen knapp 1000 Asylsuchende aus Syrien, das waren 300 mehr als im Mai. Auch bei den Albanern waren es mit 641 deutlich mehr als im Vormonat (346). Hingegen verzeichneten die Behörden bei den Kosovaren einen Rückgang von 209 auf nur noch 95.

Kommentar von Roland Müller: Heikler Streit ums Taschengeld

Manchmal transportieren Zahlen ganz einfache Wahrheiten. Im gesamten Jahr 2010 kamen knapp 5000 Asylbewerber nach Baden-Württemberg - so viele waren es allein in diesem Juni. Bis Jahresende sollen es rund 54.000 sein. Hinter diesen Zahlen stehen zwei Realitäten, durch wenige Jahre getrennt.

Die grün-rote Landesregierung trat 2011 in der "alten Welt" ihren Dienst an - ihr ging es darum, die Situation der Asylbewerber endlich zu verbessern: Mehr Quadratmeter in Unterkünften, Lockerung der rigiden Verbote, Vorrang für Geld- statt Sachleistungen, um Selbstständigkeit zu fördern statt Bevormundung. Die Ziele waren richtig und wichtig - damals.

Doch diese Welt ist untergegangen, sie wurde durch eine neue ersetzt, in der vor allem hektisches Krisenmanagement gefragt ist. Wo gibt es dringend benötigte Unterkünfte? Wie beschleunigt man Verfahren? Und: Wie kann man chancenlose Asylbewerber vom Balkan - sie machen weiter einen großen Anteil aus - überzeugen, dass sich die Reise nicht lohnt?

Dass die Debatte über Geldleistungen an dieser Stelle aufflammt, ist nicht verwunderlich. Doch sie ist auch gefährlich. Natürlich ist nicht zu leugnen, dass für Armutsflüchtlinge aus Südosteuropa 140 Euro "Taschengeld" viel Geld ist. Die Politik treibt die Sorge um, dass angesichts mancher Fehlentwicklungen die Stimmung im Land kippen könnte. Eine hitzige Taschengeld-Debatte kann aber rasch genau dazu beitragen.