Auf dem Höhepunkt der Macht unterliefen Hugo Chavez die größten Fehler. Der Revolutionsführer Venezuelas wollte nicht nur die Geschicke seines Land bestimmen, er wollte auch zum Anführer Lateinamerikas aufsteigen. Es war die Zeit, als Chavez die Herzen seiner Landsleute zuflogen. Wahlsiege und Zustimmungsraten von 60 Prozent machten ihn zu einem Hoffnungsträger einer ganzen Region. Die Euphorie hatte einen Grund: Das ölreichste Land der Welt profitierte wie keine andere Nation von den Spekulanten am Markt. Der hohe Ölpreis spülte hunderte Milliarden in die Kassen des Landes.

Doch statt das Geld in den Aufbau einer eigenen Industrie und einer Wissensgesellschaft zu stecken, die das Land von den Rohstoffeinnahmen unabhängig hätte machen können, gefiel sich Chavez in der Rolle des spendablen Vaters der Nation und Vorkämpfers für Lateinamerika. Teure und populäre Sozialprogramme sicherten seine Macht ab und es ist zweifellos das historische Verdienst des 2013 verstorbenen Chavez, dass er erstmals die Armen in den Mittelpunkt der Politik in Lateinamerika stellte. Zugleich aber sponserte er auch noch befreundete Regierungen. Das konnte auf lange Sicht nicht gut gehen.

 Die Sozialprogramme sorgten zwar für einen kurzfristigen Aufschwung in Venezuela, sie änderten aber nichts an der Ausgangslage der Menschen in den Armenvierteln. Ein klein wenig war das so, wie bei Eltern, die ihre Kinder lieber vor den Fernseher setzen, statt sie zur Selbstbeschäftigung zu animieren. Dann ist zwar Ruhe, aber eine nachhaltige Entwicklung bleibt auf der Strecke. Venezuela versäumte es, in die Ausbildung, in die Infrastruktur und die Wettbewerbsfähigkeit zu investieren und somit einen neuen Arbeitsmarkt zu schaffen. Das rächt sich nun bitter wo die Ölpreise im Keller sind. Venezuelas Wirtschaft ist ein einziges Debakel.

 Kein anderes Land steht für das Auf- und Ab von Lateinamerikas Linksregierungen wie Venezuela. Hier begann 1999 unter Chavez der umjubelte Aufstieg. Und hier beginnt ihr Niedergang. Denn aus dem Vorzeigemodell Venezuela, das in den Folgejahren auf die Wahlen in Argentinien, Brasilien, Ecuador, Bolivien, Paraguay und Uruguay ausstrahlte, ist längst ein Schreckgespenst geworden, das nun wiederum einen gegenläufigen Trend in Lateinamerika einläutet.

In Brasilien stürzte Präsidentin Dilma Rousseff nur vordergründig über die haushaltspolitischen Tricks, die den Beginn des Amtsenthebungsverfahrens einläuteten. Ihre Landsleute machen sie für die gigantische Korruption sowie die katastrophale Wirtschaftslage im Land verantwortlich. Der neue bürgerliche Präsident Argentiniens, Mauricio Macri, versucht im Eilverfahren den Scherbenhaufen aufzukehren, den ihm Vorgängerin Cristina Kirchner hinterließ. Es sind vor allem die eigenen Fehler in der Wirtschaftspolitik, die die Linksregierungen aus den Angeln heben.

Aus der Phalanx der Linksregierungen Lateinamerikas bleiben Ecuador und Bolivien als stabile Faktoren. Das liegt vor allem daran, dass in diesen Ländern Staatschefs mit Charisma und mit klaren Vorstellungen an der Macht sind. Ecuador mit Wirtschaftswissenschaftler Rafael Correa als auch Bolivien mit dem ehemaligen Koka-Bauern Evo Morales waren selbstbewusst genug, eigene Wege zu gehen. Correa und Morales lassen eine Art Marktwirtschaft mit sozialistischen Leitplanken zu. Trotz der abgestürzten Rohstoffpreise bleibt die Lage deshalb in Quito und La Paz vergleichsweise stabil und die Länder attraktiv für internationale Investoren.