Jubiläum Der Weg vom Kuß zum Kuss

Grundschüler üben die Rechtschreibung.
Grundschüler üben die Rechtschreibung. © Foto: Frank Rumpenhorst dpa/lni
Berlin / Mathias Puddig 31.07.2018
Vor 20 Jahren ist die neue Rechtschreibung in Kraft getreten. Heute sagen viele, es wäre auch einfacher gegangen.

Vielleicht war es einfach zu viel des Neuen: 1998 war das Jahr, in dem Helmut Kohl abgewählt wurde, Viagra auf den Markt kam, Handys sich sprunghaft etablierten und Modern Talking das Comeback gelang. Bundestag und Regierung standen kurz vorm Umzug nach Berlin, Verona Feldbusch spielte ihre erste Hauptrolle. Der Film hieß „Heirate mir!“, und das war für einige nicht der derbste Anschlag auf die deutsche Sprache: Am 1. August wurde die reformierte Rechtschreibung offiziell in Behörden und Schulen eingeführt.

Das „daß“ war damit Vergangenheit, ebenso der „Kuß“ und die „Mayonnaise“. Stattdessen hieß es nun „dass“, „Kuss“ und „Majonäse“. Die „Mayonnaise“ kehrte zwar 2006 bei der Reform der Reform zurück. Doch die anderen beiden Worte haben ihr Eszett verloren. Und kaum jemand echauffiert sich heute noch darüber. Dabei ging der Reform ein jahrzehntelanger Sprachstreit voraus.

Einheitliches Regelwerk erst ab 1901

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gab es keine einheitliche Rechtschreibung in Deutschland. Erst 1901 gelang es, sich auf ein einheitliches Regelwerk zu einigen. Dieses basierte auf dem Wörterbuch, das Konrad Duden 1880 zusammengetragen hatte. „Schreibe, wie Du sprichst“ – das war seine Maxime. Der Haken daran: Man spricht weder Kommata noch Groß- oder Kleinbuchstaben. Und obwohl das Standardwerk bis heute seinen Namen trägt, konnte Duden eine Forderung nicht umsetzen: die nach gemäßigter Kleinschreibung.

Viele Linguisten wiederholten nach ihm diese Forderung, und viele brachten in den folgenden Jahrzehnten weitere Ideen ein. Hätten sich die Radikalreformer der 80er-Jahre durchgesetzt, sähe das Schriftbild des Deutschen heute so aus: „der keiser isst opst, der apt al im bot.“

Die Frage, wie man richtig schreibt, ist auch eine politische

Doch mal scheiterten die Reformen an poetischen Geistesgrößen wie Thomas Mann und Friedrich Dürrenmatt, mal am Widerstand der Bevölkerung und mal auch an der Politik. Schließlich mussten die Schweiz, Österreich, Liechtenstein, die Bundesrepublik und die DDR ins Boot geholt werden. Die Frage, wie man richtig schreibt, ist ohnehin auch eine politische. Das zeigt sich heute zum Beispiel, wenn es um geschlechtergerechte Sprache geht. Und schon 1920 diffamierte Thomas Mann – übrigens selbst eifriger Nutzer des heute so verschmähten Deppenapostrophs – Reformpläne als „bolschewistischen Unfug“.

Debatte erregte die Gemüter

Ähnlich scharf wurde der Ton auch nach 1996, als die Kultusminister ihre Vorschläge vorgestellt hatten. Die Großpoeten liefen Sturm. Siegfried Lenz sprach von „kostspieligem Unsinn”. Martin Walser bekannte: „Ich fahre so fort.” Walter Kempowski jammerte: „Ich fühle mich gedemütigt.” Dabei stand es Schriftstellern ohnehin frei, weiter zu schreiben, wie sie wollten. 

Dennoch tobte die Debatte die folgenden Jahre weiter. Noch im März 1998, ein Vierteljahr bevor die Reform in Kraft trat, holzte der CSU-Abgeordnete Peter Ramsauer im Bundestag gegen den sächsischen Staatsminister Hans Joachim Meyer (CDU), der für die Reform argumentierte: „Sie Verräter!“

Der damalige FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle warf Meyer „Realsatire“ vor, weil dieser fragte: „Wenn es schon bei einem Reförmchen wie diesem zu solchen Reaktionen kommt, was soll dann erst geschehen, wenn es wirklich ernst wird mit Veränderungen in Deutschland?“ Am Ende der Debatte hielt es eine Mehrheit der Bundestagsabgeordneten für nötig, für das Protokoll noch einmal ausdrücklich festzuhalten: „Die Sprache gehört dem Volk.“ Dabei hatte das niemand in Abrede gestellt. Es war reine Symbolik.

Viel Wind um recht wenig

Doch der Streit hatte da mit der richtigen Schreibung sowieso nicht mehr viel zu tun. Eine Erklärung dafür lieferte die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach: „Wer bedenkt, dass Sprache nicht nur ein Mittel der Verständigung, sondern Kultur ist, wird dem Wirken staatlicher Einflussnahme von vornherein mit Skepsis begegnen“, schrieb sie im Jahr 2006. „Die Streitgeschichte der Rechtschreibreformen lehrt, dass man Sprache besser nicht administrieren sollte.“

Viel genützt hat es ja ohnehin nicht. „In der Rückschau muss man sagen, es war unheimlich viel Wind um recht wenig“, sagt Heinz-Peter Meidiger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Für dieses Resultat hätte es keine Rechtschreibreform gebraucht, meint er mit Blick auf die Nachjustierungen der Reform. „Das, was an Änderungen übrig geblieben ist, das hätte man auch so wie früher von Auflage zu Auflage des Dudens regeln können“, sagt er.

Das große Eszett hat fast niemand bemerkt

So lief es seitdem auch: Die letzte größere Änderung der deutschen Rechtschreibung ging weitgehend geräuschlos über den Tisch. Vor fast genau einem Jahr, am 29. Juli 2017, wurde das große Eszett ins deutsche Alphabet aufgenommen – und das hat fast niemand bemerkt.

Bremer Schiffahrtsmuseum ist erst seit Mai 2018 Schifffahrtsmuseum

Ihr Ziel der Vereinfachung hat die Rechtschreibreform in mindestens einem Punkt erreicht. Die Frage, wann „ß“ geschrieben wird und wann „ss“, ist deutlich logischer als vor der Reform. Diese Neuregelung ist eine der auffälligsten, wenn auch längst nicht die einzige. Auch drei Konsonanten hintereinander hatte es vorher nicht gegeben.

Es dauerte jedoch, bis sich die Reform  durchsetzte: Das Bremer Schifffahrtsmuseum hat sich erst im Mai 2018 ein drittes F gegeben. Die Worttrennung wurde ebenfalls reformiert, etwa beim Wort „Instanz“. Vor der Reform hieß es: „Trenne nie s-t, denn es tut ihm weh.“ Nach der Reform wurde der Schmerz ignoriert. Ansonsten hat sie mit ihren Nachbesserungen viele Alternativvarianten gebracht: All die gelb markierten Worte im Duden lassen zwei Schreibweisen zu: Ob sich die Menschen für „Code“ oder „Kode“ entscheiden, bleibt am Ende ihnen überlassen.

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