Friedhöfe in Israel sind Felder aus Stein, endlose Reihen von Grabsteinen. Das braucht Platz, doch der ist in diesem Land sehr endlich. Die Chevra Kadisha, die zuständige Beerdigungsorganisation, schlug deshalb Alarm. Der Grund: Friedhöfe - vor allem in den Ballungsräumen Tel Aviv und Jerusalem - sind am Ende der Kapazität, einige mussten bereits schießen. Weil der Staat sich noch dazu weigert, neue Gebiete auszuweisen, schießen Preise für Gräber ins Unermessliche und Angehörige müssen ihre Toten weit entfernt vom Heimatort begraben.

So wurden die Behörden auf eine Idee von Uri Ponger und Tuvia Sagiv aufmerksam: Nischengräber in mehrstöckigen Gebäuden. Die beiden sind Architekten und trafen sich das erste Mal vor rund 25 Jahren. Beide beschäftigten sich mit Bestattungskultur. Ponger hatte Jahre zuvor sein Studium in Karlsruhe mit einer Diplomarbeit über Bestattungssysteme beendet. Sagiv, der in Belgien geboren ist und in Haifa studiert hat, entwarf erste Modelle platzsparender Gräber. "Wir bilden eine Symbiose", sagt Sagiv. Das Ergebnis sind Grabstätten, die südeuropäischen Nischen- oder Schiebegräbern ähneln, aber zugleich auf mehreren Ebenen innerhalb eines Gebäudes untergebracht sind.

Die wichtigste Voraussetzung: Die Bestattungsweise muss der jüdischen Tradition entsprechen. Zunächst schien das kein Problem zu sein: "Unsere Recherchen ergaben, dass es bereits 200 nach Christus Nischengräber auf mehreren Ebenen gab", erklärt Sagiv. Die Sanhedrin - Mitglieder einer jüdischen Gemeinde - hatten ihre Toten in Jerusalem so begraben. Doch trotz des geschichtlichen Nachweises weigerten sich die zwei Oberrabbiner - Wächter über die Einhaltung der Halacha (jüdische Gesetze) - die Bestattungsweise zu akzeptieren. Sie entspreche nicht den jüdischen Traditionen, beharrten sie. Ein weiterer Knackpunkt: Jedes Grab, sei es noch so hoch, muss mit dem Boden verbunden sein, nur so kann ein Toter wieder zu Erde werden. Die Lösung: In den Grabkammern ist Erde und zwischen ihnen verlaufen mit Erde gefüllte Röhren, die zum Boden führen. So entsteht die Verbindung: "Schließlich haben die Oberrabbiner zugestimmt", sagt Sagiv.

Da das Platzproblem dringlich ist, organisierte das Ministerium für religiöse Angelegenheiten eine Kampagne für die Nischengräber. Sie seien einwandfrei jüdisch und vor allem: Sie kosten nichts, während man etwa für ein Grab auf dem Ölberg in Jerusalem bis zu 30 000 Euro hinblättern muss. Inzwischen haben sich viele Israelis, meist säkulare russische Einwanderer, mit den neuen Gräbern angefreundet. Aber es gibt nach wie vor auch Abneigung. Die einen finden die eng aneinanderliegenden Gräber nicht persönlich genug. Die anderen vermissen die Verbundenheit mit den toten Angehörigen, wenn das Grab in drei Metern Höhe liegt. Wieder andere finden, die Gebäude aus Beton erinnerten an Parkhäuser.

"Das bleibt nicht so", sagt Sagiv und zeigt auf die Büsche, die auf der terrassenförmigen Fassade des Gebäudes im Tel Aviver Friedhof Kiriat Schaul in die Höhe wachsen. Bald werde das Haus "von ferne aussehen wie ein grüner Hügel". Drinnen tragen Säulen die Decke, Wände und Böden sind mit unterschiedlich strukturierten, farbigen Steinen verkleidet, offene Innenhöfe und Seitengänge tauchen die Hallen in warmes Licht. Es ist still, nur Vogelgezwitscher ist zu hören. Auf einer Bank sitzen Omer und ihre Mutter. "Ich finde die Atmosphäre hier drin sehr schön und beschützt", sagt das Mädchen. "Wie in einem Tempel." Auch ihre Mutter findet die Stimmung spiritueller als zwischen den Gräbern draußen.

Der Yarkon-Friedhof im Osten Tel Avis ist mit 70 Hektar einer der größten Friedhöfe des Landes. Ponger und Sagiv konnten ihn von Grund auf planen und das sieht man ihm an, obwohl die Entwicklung längst nicht abgeschlossen ist. Grabgebäude in verschiedenen Ausführungen, mit geschwungenen Galerien und spitz zulaufenden Enden grenzen den Bereich zu den Straßen und dem Alltag draußen ab. Das Gelände ist kreisförmig erschlossen, Baumalleen leiten die Besucher, Büsche umschließen die Parzellen und schützen Trauernde an den Gräbern vor Blicken. In 20 Jahren wird hier ein Park sein.

Einmal habe ein Ultraorthodoxer geschimpft, es sei schrecklich hier, weil es an einen europäischen Friedhof erinnere, erzählt Sagiv. "Aber das war das größte Kompliment, das er mir machen konnte."