Selma/Alabama / PETER DE THIER  Uhr
Die Proteste von Selma gelten als ein Meilenstein in der Geschichte der US-Bürgerrechtsbewegung. Zum 50. Jahrestag mahnte Präsident Obama in einer Rede, dass trotz großer Fortschritte noch viel zu tun sei.

7. März 1965: 600 Menschen beginnen in der Stadt Selma einen 86 Kilometer langen Marsch in Richtung Montgomery, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Alabama. Sie demonstrieren für die Einführung des Wahlrechts für Afro-Amerikaner. Doch auf dem Weg drängen Polizisten sie mit Tränengas und Schlagstöcken zurück. Dutzende Demonstranten werden verletzt. Die Fernsehbilder von blutüberströmten Gesichtern schockieren die Nation. Politiker geraten unter Druck. Weitere Märsche folgen, und im August unterschreibt US-Präsident Lyndon B. Johnson das neue Wahlrechtsgesetz (Voting Rights Act), das Afro-Amerikanern beim Urnengang dieselben Rechte wie Weißen zusichert.

Ein halbes Jahrhundert später drängen sich zum 50. Jahrestag etwa 40.000 Menschen in Selma auf den Straßen, um Geschichte zu erleben. Der erste schwarze US-Präsident Barack Obama ist in die Stadt gekommen, um an den "Blutigen Sonntag" zu erinnern.

Vorgestellt wird Obama von dem afro-amerikanischen Kongressabgeordneten John Lewis, der am besagten Märztag 1965 auf der Edmund Pettus Brücke verprügelt wurde und dabei einen Schädelbruch erlitt. Heute ist Lewis, der seit 1987 seinen Bezirk im Repräsentantenhaus vertritt, ein angesehener Parlamentarier. "Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich die Gelegenheit haben würde, hier den ersten schwarzen Präsidenten vorzustellen, dann hätte ich ihn für verrückt erklärt", sagt der 75-jährige John Lewis.

Obama hat für diese Rede auf Teleprompter und Redenschreiber verzichtet. Es wird eine bewegende Ansprache. "Wir sind hier heute versammelt, um jene tapferen Bürger zu ehren, die Polizeiknüppel und Tränengas ertragen haben", sagt er, "Männer und Frauen, die trotz des fließenden Bluts und der zerschlagenen Knochen ihren Marsch für Gerechtigkeit unbeirrt weiter fortsetzten."

Auch dank ihres Einsatzes würden Schwarze heute gewiss mehr Rechte haben als damals. Hier habe es in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte gegeben. Gleichwohl seien nicht zuletzt die Vorfälle in Ferguson ein Beispiel für Diskriminierung, die weiterhin Bestand hat. In dem Vorort von St. Louis hatte der weiße Polizist Darren Wilson den unbewaffneten schwarzen Teenager Michael Brown auf offener Straße erschossen. Wilson wird sich aber vor keinem Strafgericht verantworten und auch nicht dem Justizministerium in einem Zivilverfahren Rede und Antwort stehen müssen.

"Gerade diese Woche wurde ich gefragt, ob Ferguson nicht beweise, dass sich in Rassenfragen in diesem Land kaum etwas verändert hat" sagt der Präsident. "Dieses Argument weise ich zurück. Was in Ferguson geschah, mag nicht einzigartig sein, aber es ist auch nicht typisch", sagt Obama. Genau das aber sei vor der Bürgerrechtsbewegung anders gewesen. Die Ereignisse von Selma waren typisch für das damalige Amerika. Problematisch sei laut Obama heute hingegen die Tatsache, dass in einigen Staaten nun Anstrengungen unternommen würden, Minderheiten an der Ausübung ihres Wahlrechts wieder zu hindern. "Um das Rennen zu gewinnen und den Marsch zu beenden müssen wir das erkennen und eingestehen", sagt der Präsident. "Wir müssen der Wahrheit ins Gesicht schauen und sie akzeptieren. Der Marsch ist noch nicht vorbei, das Rennen ist noch nicht gewonnen." Obamas Worte werden mit tosendem Beifallsstürmen quittiert, auch viele Erwachsene können sich die Tränen nicht verkneifen.

Dass der Marsch noch nicht vorbei ist, zeigte am Wochenende ein Vorfall im Bundesstaat Wisconsin: Tödliche Schüsse eines Polizisten auf einen jungen Schwarzen lösten in der US-Stadt Madison Proteste aus. Ein Beamter habe den einer Körperverletzung verdächtigten 19-Jährigen in einer Wohnung gestellt und erschossen, nachdem er von ihm angegriffen worden sei, zitierte der Sender CNN den örtlichen Polizeichef. Medienberichten zufolge war der Mann unbewaffnet.