Oberhofen Rapunzel-Firmengründer Wilhelm baut auf alternative Ideen

Oberhofen / ALFRED WIEDEMANN 01.09.2015
Die 1970er, das war die Zeit der Alternativen, der Müslis. Gegen Atomkraft, für ein gesundes Leben, für neue Lebensformen. In den Landkommunen zum Beispiel. Die gibt es kaum noch. Aber sie wirken nach bis heute.

"Das ist es!" Als Joseph Wilhelm und Jennifer Vermeulen 1979 vor dem heruntergekommenen Bauernhof in Oberhofen stehen, ist sofort alles klar. Hier wollen wir leben! Für das damalige Paar und die anderen der kleinen Arbeits- und Wohngemeinschaft, die vor fast vier Jahrzehnten schon für "Rapunzel" zusammen lebten und arbeiteten. "Wir hatten die Suche nach einem Hof da schon aufgegeben, wir fanden einfach nichts", sagt Joseph Wilhelm. "Wir wollten einen Hof mit eigener Quelle, weg von der Straße, bezahlbar, irgendwo am Rand, damit man schnell raus ist aus dem Land, falls etwas passiert." Da sei das Angebot im Allgäu gekommen. Der mehr als 300 Jahre alte Hof hat gepasst. "Jennifer übernachtete gleich da, ich fuhr zurück nach Tegernbach, holte die Anzahlung. Dafür hatten wir Geld unterm Kopfkissen."

Bis heute wohnt Wilhelm (61) auf dem längst hergerichteten Hof. Ein Sohn mit Freundin lebt auch hier, eine Tochter mit Freund. Patchwork. Was mal Landkommune war, ist nun Mehrgenerationenwohnen. "Das funktioniert gut", sagt Wilhelm. "Wer erst mit 70 damit anfangen will, tut sich viel schwerer."

Firmengründer Wilhelm ist immer noch Kopf von Rapunzel und einer von drei Geschäftsführern. 1974 hatte es bei Augsburg begonnen, mit "Urfrau" Jennifer wurde ein Bauernhof gemietet, um gesunde Lebensmittel anzubauen, um sich und andere gesund zu ernähren. 1975 wurde ein Naturkostladen in Augsburg eröffnet. Müsli, Nussmus, Fruchtschnitten waren erste eigene Produkte. Heute fehlen die biologischen und vegetarischen Lebensmittel der Naturkost-Firma in keinem Bioladen.

Längst ist die Fimenzentrale in Legau, ein paar Kilometer entfernt. Hier wird produziert und abgepackt. In Bad Grönenbach, noch ein paar Kilometer weiter, wird ein Logistikzentrum betrieben. Die Firma sei zwar gewachsen, aber trotzdem nicht weit weg von der Landkommune der 70er, von den Idealen und den Ideen damals, sagt Wilhelm. Auch mit 350 Mitarbeitern, mit 169 Millionen Euro Umsatz 2014. Von den Alternativanfängen ist weit mehr übrig als der alte VW-Bus im Hippiedesign, der unter Glas vor der Firma dauerparkt.

"Geblieben ist vor allem der achtsame Umgang untereinander", sagt Wilhelm. Das war in der Landkommune schon wichtig, immerhin lebten in Oberhofen zeitweise acht Erwachsene und zehn Kinder zusammen. Das sei bis heute in der Firma wichtig. "Wir wollten anders leben, anders arbeiten, anders miteinander umgehen, daran hat sich nichts geändert." Bei Rapunzel soll sich jeder als Teil der Firma verstehen - in echt, nicht nur in der Werbe roschüre. "Die Gesprächskultur in der Firma ist bis heute besonders", sagt Wilhelm.

Gerecht soll es zugehen, das gilt von Anfang an. "Wir haben schon früh, nach vier oder fünf Jahren, Stundenlöhne eingeführt", sagt Wilhelm. Das habe gut gegen Neid untereinander geholfen. "Es ist auch in einer Kommune ungerecht, wenn jemand wenig schafft und gleich bezahlt wird wie der, der viel schafft." Das schließt heute eine Erfolgsbeteiligung nicht aus, 5000 Euro gab es zuletzt für jeden. "Das fördert den Gemeinsinn." Wenn ein gutes Ergebnis mit einem guten Gewissen erwirtschaftet wurde, sei so eine Prämie auch nicht "unalternativ".

Gerecht soll auch mit den Partnern umgegangen werden, den Landwirten etwa in Italien und der Türkei, die Rapunzel Haselnüsse oder Oliven liefern. Selbst der Firmenslogan "Wir machen Bio aus Liebe" sei alternativ entstanden, nicht in einer Agentur. "Der ist selbstgemacht."

Und früher, wie war das mit den Nachbarn, als Kommune im Allgäu? "Klar, wir waren die Müslis", sagt Wilhelm. "Wir haben aber nicht gelebt wie auf einer Insel. Wir haben was geschafft, wir waren nicht arrogant, ich kam selber von einem Hof." Immer offen sein, auf Menschen zugehen, sagt Wilhelm, das sei ihm wichtig gewesen und auch gut gelungen, "mit fünf Kindern von drei Frauen".

Nachbarn waren aber nicht nur Bauern, von denen noch keiner bio wirtschaftete. Damals schon hatten Alternative aus den Städten leerstehende Bauernhöfe bezogen. "Das Allgäu war Deutschlands Kalifornien. Nicht wegen der Temperaturen, sondern wegen der vielen Alternativen mit ihren vielen Ideen."

Die Allgäuer Aussteiger seien "Modernisierer der Provinz und Pioniere in ihrer Region" gewesen, sagt auch Eva Wonneberger. Die Soziologin, jahrelang selbst Landkommunardin, hat über Anfänge der Öko-Szene ein Buch geschrieben: "Die Alternativbewegung im Allgäu" (FIU-Verlag). Das vom Strukturwandel gebeutelte Allgäu bot leere Höfe, Alternative aus den Städten nutzen das, schufen mit "einheimischen Langhaarigen" Alternatives mit Nachhall. Zwar scheiterten Experimente, einige Betriebe aber etablierten sich. "Man muss nur in Wangen auf den Wochenmarkt gehen, da sind bestimmt zehn Prozent Biobetriebe", sagt Wonneberger - mit Wurzeln in der 70ern.

Und die alternativen Ideen wachsen weiter. Rapunzel sei viel größer geworden, sagt Firmenchef Wilhelm, so lasse sich auch mehr bewegen als früher. Jeden Monat werde eine Million Euro an Löhnen ausgezahlt. Ein Warenwert, der dann für zig Rasenmäher oder Waschmaschinen ausgegeben wird. "Individuum absorbiert das ganze Geld", sagt Wilhelm. Wäre eine firmeneigene Verleihstation nicht klüger, billiger und ressourcenschonender? Und für Singles eine firmeneigene Wäscherei? Bisher nur Überlegungen, sagt Wilhelm. Teilen ist gerade auch im Trend. Nichts Neues: Landkommunarden kennen das seit 40 Jahren.

"Fanget die Kerle"

Landrat 82 ist Wilfried Steuer. 24 Jahre war er Landrat in Saulgau und Biberach, er war CDU-Landtagsabgeordneter und EVS-Vorstandschef. Bis heute marschiert er auch beim Biberacher Schützenfest mit. Jedes Jahr schallt ihm dort ein Spruch entgegen: "Fanget die Kerle und gucket, was die treibet!" Dieser Steuer-Satz vom Januar 1981 machte den "schwarzen Landrat" bundesweit bekannt, er brachte ihm auch 60 Strafanzeigen ein wegen Beleidigung und Volksverhetzung. Der Spruch, vor Polizisten beim Neujahrsempfang getan, war auf "Gesindel aus den Städten" gemünzt, das sich in Landkommunen in Oberschwaben breitmache. Die Staatsanwaltschaft prüfte, fand aber nichts Strafbares.

Gesindel Mit Gesindel, sagt Steuer, habe er Drogenkonsumenten gemeint. Den Anlass hatte der Bussenpfarrer geliefert. Der hatte den Landrat zu Hilfe gerufen, weil auf dem heiligen Berg der Oberschwaben eine Wohngemeinschaft ein Haus bezogen hatte. "Ohne Vorhänge an den Fenstern!" Prompt folgte der Appell, die Polizei sollte sich um Dealer kümmern, statt Bürger mit Tempokontrollen und Alkoholtests zu kujonieren. "Ich nehme kein Wort zurück", sagt Steuer. Bis heute nicht. aw

SWP

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