Das geplante Raketen-Geschäft der Türkei mit Wladimir Putins Russland ist aus Nato-Sicht ein bedenkliches Unterfangen. Zwar verweist das Bündnis auf das Prinzip, wonach jeder der 29 Mitgliedstaaten frei ist, zu entscheiden, wo er welches militärische Gerät kauft. Doch sogleich lässt ein Sprecher die deutliche Warnung folgen: „Für die Nato kommt es darauf an, dass die von den Alliierten beschaffte Ausrüstung zusammenpasst. Inter­operabilität unserer Streitkräfte ist grundlegend für die Durchführung unserer Operationen und  Einsätze.“

Den Großteil der Luftabwehr besorgt in der Nato das US-Fabrikat Patriot. Daneben gibt es, ebenfalls aus den USA, das System THAAD, das unter anderem in Südkorea stationiert ist. In Europa fertigt das  französisch-italienisch-britische Konsortium Eurosam die Flugabwehrrakete Aster. Das russische System S-400 ist nirgendwo im Bündnis im Einsatz. Damit stellt sich die Frage, wie weit es gegebenenfalls mit gebräuchlichen Nato-Komponenten zusammenwirken könnte.

Um es „interoperabel“ zu machen, müssten beide Seiten den jeweiligen Quellcode der Software offenlegen – es drohte der Abfluss sensibler Daten. „Das müsste man gegebenenfalls sehr genau prüfen“, sagt ein Nato-Diplomat. Bislang sei allerdings völlig unklar, was genau die Türken vorhätten und ob sie überhaupt beabsichtigten, ihre künftigen S-400-Batterien mit Nato-Systemen zu vernetzen. „Wir haben da von den türkischen Kollegen noch keine Signale bekommen.“

Kritik aus dem Europaparlament

Nur einmal hat in der Vergangenheit ein Nato-Staat auf ein russisches Produkt zurückgegriffen: Griechenland stationierte auf Kreta eine Staffel S-300 (Vorgänger von S-400). Dabei habe es sich von vornherein um ein „Stand-alone-System“ gehandelt, heißt es im Bündnis.  Die Nato habe in Anbetracht der Sondersituation zwischen den beiden Verbündeten Türkei und Griechenland weiter kein Aufhebens gemacht.

 Auch in Sachen S-400 wollen die Verantwortlichen in der Brüsseler Nato-Zentrale sich bis auf weiteres zurückhalten. Sie verweisen darauf, dass noch keinerlei offizielle Informationen vorlägen. Die politische Kritik überlässt man Regierung und Militärs in Washington, die ihre Besorgnis schon unverhohlen zu Protokoll gegeben haben.

Deutliche Töne kommen auch aus dem Europaparlament. „Dieser Kauf ist ein politisch falsches Signal eines Nato-Mitgliedstaates gegenüber Russland. Es trägt nicht zur Steigerung der Interoperabilität innerhalb der Nato bei“, warnt der Verteidigungsfachmann der EVP-Fraktion, Michael Gahler. „Es etabliert im Gegenteil eine technische Abhängigkeit von Russland in dem Bereich. Und es bestätigt, dass sich die Türkei zurzeit in vielen Bereichen von jahrzehntelanger Politik verabschiedet.“