Wer ist empfänglich für Verschwörungstheorien? Mit dieser Frage  hat sich der Psychologe Sebastian Bartoschek intensiv befasst. Er untersuchte Dutzende Verschwörungstheorien und befragte hunderte Männer und Frauen für seine Doktorarbeit mit dem Titel „Bekanntheit von und Zustimmung zu Verschwörungstheorien“. Am ehesten glauben demnach Menschen mit „geringer Selbstwirksamkeitserfahrung“ an Verschwörungstheorien, sagt Bartoschek der SÜDWEST PRESSE, „also Menschen, die es gern einfacher hätten, mit Unsicherheiten klarzukommen“. Schwach ausgeprägt ist bei ihnen das Gefühl eigener Kompetenz und Macht. Empfänglicher als andere für diese Theorien seien außerdem Anhänger politisch extremistischer Gruppierungen,  gering Gebildete, jüngere sowie religiös-gläubige Menschen – und Frauen.

Letzterem widersprechen die Erkenntnisse des Tübinger Professors Michael Butter, der ein neues Forschungsnetzwerk mit 60 Wissenschaftlern aus mehr als 30 Ländern koordiniert, das Verschwörungstheorien ergründen will. Die meisten Studien kämen zu dem Schluss, dass unter Verschwörungstheoretikern eher Männer zu finden sind, etwa solche, die sich „marginalisiert“, also an den Rand gedrängt fühlen und nun „die eigene Besonderheit“ betonen können, so Butter in einem Interview. Ihre Logik: Sie durchblicken, was anderen verborgen bleibt.

Welchen Zweck erfüllen Verschwörungstheorien? Sie geben Antworten in einer komplizierten Welt. Kein Wunder, dass Bartoschek sie nicht als Randgruppen-Phänomen betrachtet. Der Mechanismus ist stets derselbe. „Verschwörungstheorien sollen einfache Ursachen schaffen und Unsicherheiten verringern“, sagt der Psychologe. „Durch Verschwörungstheorien möchte man den Sinn hinter dem Chaos erkennen und – wie in der Religion – Vorkehrungen treffen können.“ Dass die Komplottphantasien boomen, hat Butter zufolge auch mit der fortschreitenden Säkularisierung zu tun: „Es ist jetzt nicht mehr Gott, der alles in der Hand hält, sondern es sind die Verschwörer.“    Verschwörungstheoretiker können nur schwer akzeptieren, „dass Dinge zufällig passieren, dass komplexe Gemengelagen Resultate hervorbringen, die niemand beabsichtigt hat, die niemand wollte“.

Wie geht man mit Verschwörungstheoretikern um? Bartoschek rät grundsätzlich dazu, Verschwörungstheoretikern mit Wertschätzung zu begegnen, „da sie sonst nicht mehr erreichbar sind“. Am besten, man befasst sich möglichst unaufgeregt mit der Theorie. Sollte das Gegenüber logischen Argumenten  nicht zugänglich sein, „könnte man durchspielen, was wäre, wenn der Verschwörungstheoretiker Recht hätte und was dies dann zu bedeuten hätte. Die meisten Menschen merken dann, dass die Verschwörungstheorie entweder irrelevant ist oder in eine bedenkliche Richtung führt“.

Wie können sich Verschwörungstheorien auf die Politik auswirken? Die Politik sollte sie als Warnzeichen deuten. „Verschwörungstheorien haben die Folge, dass das Vertrauen in demokratische  Prozesse untergraben wird“, sagt Bartoschek. Zulauf haben dann Organisationen, „die einfache und vorurteilsbehaftete Lösungen vorschlagen, wie etwa die AfD mit anti-amerikanischen oder die Linke mit antisemitischen Vorurteilen“. Die Gefahr: Die etablierten Parteien könnten glauben, „ebenfalls einfache Lösungen liefern zu müssen“, statt Menschen auf der emotionalen Ebene anzusprechen.