Moskau / STEFAN SCHOLL  Uhr
Die Jagd auf Plagiate hat Russland erreicht. Dutzendweise werden Titel aberkannt. Rücktritte gibt es aber bisher nicht.

Schon seit Wochen hagelt es in Russland Plagiatsvorwürfe und entzogene Doktortitel. Auch wenn kein russischer Minister zurücktritt, im akademischen Betrieb knirscht es heftig. Am Dienstag entließ das elitäre Staatsinstitut für internationale Beziehungen einen Dozenten, der mit einem fiktiven Harvard-Doktor protzte. Zuvor hatte das Bildungsministerium elf Doktor- und Professorentitel aberkannt, die Arbeiten von zehn weiteren Titelträgern werden auf Betrug geprüft.

Wer im Suchsystem "yandex.ru" "Dissertation" eingibt, stößt auf einschlägige Websites: "Sonderangebot bis zum 2. März: Doktorarbeit + vier wissenschaftliche Artikel = 60 000 Rubel" (umgerechnet 1500 Euro). Aber nicht nur Ghostwriter kassieren ab. Auch viele der 3200 Professorenräte, die Titel vergeben, drücken nach Ansicht von Experten für Geld beide Augen zu. "Ich habe 2003 in einer Moskauer Bibliothek 18 Doktorarbeiten über die Abschaffung der Leibeigenschaft gesehen, deren Hauptteile aus identischen Fotokopien bestanden", sagt der Historiker Jewgeni Ponasjenkow. "Das System zur Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses im Lande ist zerstört", schreibt die Nowaja Gazeta.

Ponasenkow führt die Misere auf postsowjetische Titelwut zurück. Zu Sowjetzeiten sei es praktisch unmöglich gewesen, ohne Doktorwürde Betriebsleiter zu werden. Auch heute versuchten viele Bürokraten, ihre oft mangelhafte Fachkompetenz mit akademischen Auszeichnungen aufzupolieren.

Von 29 russischen Kabinettsmitgliedern sind zehn Professoren und zwölf Doktoren, auch Präsident Wladimir Putin ist promoviert. Ein Wirtschaftswissenschaftler aus den USA warf ihm 2006 vor, er habe 16 von 20 Seiten eines zentralen Kapitels aus einem Buch der US-Autoren William King und David Cleland abgeschrieben.

Aber Russlands Promi-Akademiker haben bessere Nerven als Guttenberg und Co. Kürzlich beantragte der Oppositionspolitiker Ilja Ponomarjow bei der Staatsanwaltschaft, die Doktorarbeit des Nationalpopulisten Wladimir Schirinowski auf ihre Echtheit zu prüfen - der konterte mit einer Verleumdungsanzeige.