Köln Projekt Casablanca

Szene aus dem Düsseldorfer Maghreb-Viertel. Die Polizei ist in dem Viertel immer präsenter.
Szene aus dem Düsseldorfer Maghreb-Viertel. Die Polizei ist in dem Viertel immer präsenter. © Foto: dpa
MARTIN GEHLEN FRANK CHRISTIANSEN, DPA 16.01.2016
Rund 5300 Menschen aus Marokko und Algerien haben allein im Dezember 2015 Asyl in Deutschland beantragt. Sie fliehen vor Armut und Perspektivlosigkeit - und haben damit kaum eine Chance zu bleiben.

Über die Vorgänge in Köln blieb Algeriens Presse ausgesprochen einsilbig. Und hätte nicht Bundeskanzlerin Angela Merkel das brisante Thema mit dem diese Woche zufällig nach Berlin gereisten Ministerpräsidenten Abdelmalek Sellal angesprochen, hätten Algeriens Leser wohl nichts erfahren über das Treiben ihrer jungen Landsleute während der Silvesternacht. 2300 haben allein im vergangenen Dezember in Deutschland Asyl beantragt, aus dem Nachbarland Marokko waren es sogar 3000 - ein signifikanter Anstieg und weit mehr als im gesamten Vorjahr 2014, in dem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge lediglich 3900 Menschen aus diesen beiden nordafrikanischen Ländern registrierte.

"Anlass zur Sorge", nannte Bundesinnenminister Thomas de Maizière diesen Anstieg bereits Anfang des Monats. Die gewaltsamen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht haben die Zuwanderung aus den nordafrikanischen Ländern schlagartig in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Denn, wie die Staatsanwaltschaft Köln am Donnerstag berichtete, alle 13 bislang Beschuldigten sind Algerier oder Marokkaner.

Die Düsseldorfer Polizei hat das Thema bereits vor anderthalb Jahren für sich entdeckt. Damals rief sie das Projekt "Casablanca" ins Leben, um herauszufinden, was sich in der Nordafrika-Szene abspielt. Die beunruhigende Zwischenbilanz: Allein in Düsseldorf gibt es Klau-Banden mit insgesamt 2244 Verdächtigen aus Nordafrika, die Mehrheit von ihnen (1256 Verdächtige) aus Marokko. Abschieben sei praktisch unmöglich, sagt ein Polizist, der nicht genannt werden möchte. "Die Szene wächst und wächst. Für die Kollegen ist das sehr frustrierend."

Nach der Silvesternacht stehen die Neuankömmlinge nun besonders unter Beobachtung: Ihnen werden Taschendiebstähle rund um den Dom vorgeworfen. In Düsseldorf trifft sich die Szene in "Klein-Marokko", wie das Maghreb-Viertel genannt wird. Dort sind die alteingesessenen nordafrikanischen Ladenbesitzer auf die Neuankömmlinge nicht gut zu sprechen. "Abschieben, sofort abschieben", fordern sie. Doch das Viertel dient den Banden als Rückzugsort. "Da haben sie ihre Shisha-Bars und Cafés", sagt ein Polizeisprecher.

"Wir haben hier eine sehr gut integrierte nordafrikanische Gemeinde, mit hohen Einbürgerungsquoten und immer besserem Bildungsstand, die nun in Sippenhaft genommen wird", sagt Sozialpädagoge Samy Charchira. Erst seit einigen Tagen habe sich die Polizeipräsenz verstärkt. Die Problemgruppe, "das sind junge Leute im Alter von 17, 18, 19 Jahren. Die sind auf sich allein gestellt, ohne Papiere, ohne Einkommen".

Auch die Kölner Polizei hat alarmierende Zahlen: Während von 1111 illegal eingewanderten Syrern in jüngster Zeit lediglich 0,5 Prozent als Verdächtige bei Straftaten auffielen, waren es bei 838 illegalen Einwanderern aus Marokko, Tunesien und Algerien 40 Prozent. Die Nordafrikaner seien häufig bei Raub, Laden- und Taschendiebstahl vertreten. Sie seien oft aggressiv und leisteten erheblichen Widerstand.

Die marokkanische Nachrichten-Seite "Hibapress" berichtete jüngst, aus den ärmeren Vierteln Casablancas hätten sich in den vergangenen Wochen hunderte junge Marokkaner über die Balkanroute nach Europa aufgemacht, nachdem bekanntgeworden sei, dass Syrer dort Aufnahme fänden. Im Internet sieht man einige beim Üben der syrischen Hymne und des Dialekts.

Bevor die große Völkerwanderung gen Deutschland über den Balkan begann, versuchten junge Algerier vor allem nach Frankreich oder Italien zu kommen. Wie auch die zwei Dutzend jungen Leute, die die algerische Küstenwache kürzlich in der Bucht vor Annaba in ihrem Schlauchboot aufbrachte und aus dem winterlichen Mittelmeer fischte. Man könne nicht anständig leben in einem Land, "in dem Korruption, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot grassieren, und in dem man nicht heiraten kann", erklärten die jungen Männer einem lokalen Reporter der Zeitung "El Watan".

So wie die gescheiterten Bootsflüchtlinge denken viele im Land. Knapp 70 Prozent der 39 Millionen Algerier sind jünger als 30 Jahre. Und jeder dritte von ihnen will nur noch eins - nichts wie weg. "Die Bilanz meines Lebens ist absolut negativ. Ich bin ohne Arbeit und ohne Wohnung. In Algerien sind sogar Ärzte und Ingenieure arbeitslos", sagte einer aus der Gruppe. Dreimal habe er die Überfahrt probiert. Jedes Mal wurde er von der Küstenwache erwischt. "Aber ich werde nicht aufgeben und mein Glück erneut versuchen" - wie viele Altersgenossen aus den Nachbarstaaten Marokko und Tunesien auch.

Perspektivlosigkeit ist jedoch nur selten ein Fluchtgrund, der in den Zielländern anerkannt wird. Marokkaner und Algerier bekommen nur in wenigen Fällen ein Bleiberecht in Deutschland, ihre Asylverfahren ziehen sich aber über viele Monate hin. Auch bei ihrer Rückkehr in die Heimat gibt es Probleme, weil die Staaten abgelehnte Asylbewerber oft nicht zurücknehme. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, mit Algerien gebe es ein Rücknahmeabkommen. In der Praxis gestalte sich die Umsetzung jedoch schwierig.

Die CSU verlangt nun, Marokko und Algerien als "sichere Herkunftsstaaten" einzustufen, um Asylbewerber von dort schneller in ihre Heimat zurückzuschicken - wie zuvor schon im Fall mehrerer Balkan-Staaten. Auch CDU-Politiker sind dafür. In der SPD ist man noch gespalten. "Das würde im Moment nicht helfen, weil die abgelehnten Bewerber aus diesen Ländern nicht abgeschoben werden", sagte etwa SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und ergänzte: "Ich erwarte, dass die Verfahren von Algeriern und Marokkanern vom Flüchtlingsbundesamt BAMF mit erster Priorität behandelt werden und die Abkommen mit den beiden Ländern für die Rücknahme von Flüchtlingen aktiviert werden."

Doch schon ein Blick nach Algerien zeigt, dass sowohl ein Eindämmen des Flüchtlingsstroms als auch eine geordnete Rückführung schwierig werden könnte. Ein Viertel des Volkes lebt in Not, die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 11 Prozent, bei den Jüngeren bei 25 Prozent. Der 78-jährige Präsident Abdelaziz Bouteflika, der trotz zweier Schlaganfälle im April 2014 zum vierten Mal wiedergewählt wurde, ist seit drei Jahren nicht mehr öffentlich aufgetreten. Er sitzt im Rollstuhl und kann kaum sprechen. Gelegentlich erhält die Regierung Briefe aus seinem Amtssitz. Doch niemand weiß, inwieweit der Präsident noch bei Sinnen ist.

Die Polizei in Düsseldorf hat ihre Sinne derweil geschärft. Ihre verstärkte Präsenz in "Klein-Marokko" sei jedoch kein Aktionismus nach den Silvester-Vorfällen, sagt ein Polizeisprecher. "Das liegt daran, dass die Anwohner uns nun offensiv anrufen, wenn sie etwas beobachten. Das ist auch gut so."

Alternativziel "Islamischer Staat"

IS Nicht nur Deutschland scheint ein attraktives Ziel für junge Nordafrikaner zu sein - auch Syrien zieht viele junge Marokkaner und Tunesier an. Bezogen auf die Einwohnerzahl liegen Tunesier unter den zugereisten, arabischen IS-Jihadisten einsam an der Spitze - gefolgt von Saudi-Arabien und Marokko.

Zahlen 5000 Tunesier kämpfen in Syrien und Irak. Weitere 12.000 wurden bisher an der Ausreise gehindert. Auffallend viele stammen aus Mittelklasse-Familien, waren Studenten, im öffentlichen Dienst oder hatten gut bezahlte Berufe im Privatsektor. "Die Armen wollen nach Europa, die besser Gestellten gehen nach Syrien", erläutert Mohamed Iqbal Ben Rejeb von der Organisation RATTA, die Familien hilft, ihre Söhne zurückzuholen.