Die Aussetzung der Wehrpflicht vor fünf Jahren bezeichnet  André Wüstner, Vorsitzender des Bundeswehrverbandes, bis heute als „unüberlegt und planlos“. Er ist der Ansicht, „dass zur Sicherheitsvorsorge national wie im Bündnis auch die Option bestehen muss“, die Aussetzung der Wehrpflicht „notfalls aufzuheben“.  Der Verzicht sei möglich gewesen sei, weil die Vorgabe „Personalabbau, Reduzierung“ gewesen sei. Das aber habe sich unter Ministerin von der  Leyen vollständig geändert. Damit habe man „praktisch vom Rückwärtsgang unmittelbar ohne Kupplung in den Vorwärtsgang geschaltet“, und nun müsse man Vollgas geben. „Das ist eine brutale Herausforderung“.

Für eine Wehrpflicht spricht sich der Historiker und Militärexperte Professor Michael Wolffsohn aus: „Der Personalmangel in der Bundeswehr sowie anderen Streitkräften, wo es keine Wehrpflicht gibt, ist offenkundig“, sagt er. „Es gibt immer mehr humanitär genannte und – selten durchdachte – Interventionen“, obwohl man immer weniger Personal dafür habe. „Wer B sagt, also humanitäre Einsätze, muss vorher A sagen, also die Personalnot abbauen. Das wird ohne Wehrpflicht nicht gehen.“ Wolffsohn kommt es vor allem auf die Verpflichtung jedes Einzelnen an, Männer wie Frauen, „einen Beitrag für diesen Staat zu leisten. Der Staat, das sind nämlich Wir und nicht Die-da-oben“.

Für völlig abwegig hält hingegen Agnieszka Brugger, Expertin für Sicherheitspolitik der Grünen-Fraktion im Bundestag, eine Rückkehr zur Wehrpflicht:  Angesichts der derzeitigen Lage sei es „ein absolut falsches Signal“, jetzt in die Logik des Kalten Krieges  zurückzufallen. Die Verteidigungsministerin müsse Prioritäten setzen. „Es darf auch nicht die Devise gelten, dass Deutschland jetzt automatisch bei jeder Militärmission dabei sein  muss“, so Brugger gegenüber unserer Zeitung. Die Wehrpflicht sei kein geeignetes Instrument zur Personalgewinnung: „Der Zwangsdienst ist ein extremer Eingriff in die Lebensplanung.“ Vor allem aber sei der Dienst bei der Bundeswehr kein Job wie jeder andere.

Solange die Bundeswehr nicht deutlich wachsen müsse, „und das ist nicht in Sicht“, hält der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages Hans-Peter Bartels (SPD) die Wehrpflicht für verzichtbar. Durch den demographischen Wandel werde es aber nicht einfacher, sondern schwieriger, gutes Personal zu finden.   „Wir brauchen die körperlich Fitten, die geistig Beweglichen, die sich etwas Besonderes zutrauen, flexibel sind und mit Gefahren zurechtkommen“, so Bartels.

Gegenüber der SÜDWEST PRESSE forderte er einen Kulturwandel in der Bundeswehr. Frauen seien noch immer völlig unterrepräsentiert. „Das hat auch etwas mit Ton und Umgang zu tun.“

Deutsche gespalten 

Umfrage In der Frage einer möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht sind die Deutschen gespalten: 52 Prozent lehnen das laut einer Forsa-Umfage ab,  42 Prozent befürworten es. Die größte  Ablehnung der Wehrpflicht ist in den Reihen der Grünen-Anhänger (72 Prozent) zu finden, der Befragten mit Abitur bzw. Studium (60) sowie der 14- bis 29-Jährigen (56). Auf der Seite der Befürworter finden sich besonders häufig AfD-Wähler (60 Prozent), Befragte mit Hauptschul- abschluss (57) sowie An- hänger von Linken (49) und der Union (48). 46 Prozent der Männer plädieren für die Wehrpflicht, aber nur 38 Prozent der Frauen.