Stromintensive Unternehmen zahlen dank Sonderregelungen einen viel niedrigeren Strompreis in Deutschland als Privatleute. Darüber ärgern sich viele. Ist das Strompreissystem ungerecht?

FELIX MÜSGENS: Erst einmal erscheint es gerecht, dass derjenige den Strom bezahlt, der ihn verbraucht. Klar ist auch: Irgendjemand muss die Mehrkosten der Energiewende bezahlen. Zudem ist ein Ziel der deutschen Politik, dass wir effizienter mit Energie umgehen. Und wann überdenken wir unseren Stromkonsum? Insbesondere dann, wenn er sich finanziell bemerkbar macht. In dieser Hinsicht ist ein steigender Strompreis auch eine Motivation zum Sparen - solange es für die Verbraucher insgesamt finanzierbar bleibt.

Aber umso mehr fragt sich der Privatverbraucher, wieso gerade die stromintensiven Unternehmen derartige Rabatte bekommen. Wenn diese Firmen den normalen Preis zahlen müssten, hätten die doch einen besonderen Anreiz, Energie zu sparen?

MÜSGENS: Da kommt der internationale Wettbewerb ins Spiel, dem diese Unternehmen ausgesetzt sind. Die Strompreise, die die Industrie in Deutschland zahlt, liegen im Vergleich zu anderen Wirtschaftsstandorten im oberen Mittelfeld. Eine Lösung nach dem Motto "Alle Ausnahmen für die stromintensive Industrie werden gestrichen und ein gerechter Einheitspreis für alle eingeführt" hätte negative Folgen.

Welche?

MÜSGENS: Deutschland wäre als Wirtschaftsstandort weniger wettbewerbsfähig und die Unternehmen würden eher in Ländern mit niedrigeren Energiekosten investieren. Firmen, die nicht so sehr im internationalen Wettbewerb stehen, gäben die Mehrkosten zumindest teilweise über den Preis an die Kunden weiter - zum Beispiel im Fall der Bahn durch eine Erhöhung der Fahrpreise. Auch bei dieser Lösung müsste am Ende der Verbraucher also mehr zahlen.

Etwa die Hälfte des Strompreises, den ein Haushalt zahlt, sind staatliche Steuern und Abgaben. Mit einem großen Teil davon sollen die erneuerbaren Energien ausgebaut werden. Lohnt sich die hohe Förderung?

MÜSGENS: Die Stromherstellung aus Gaskraftwerken kostet etwa sechs bis sieben Cent die Kilowattstunde, bei Windkraftwerken etwa neun Cent und bei Photovoltaikanlagen sind es oft 20 Cent. Wenn wir nun die Energiewende wollen und mehr Strom aus Photovoltaikanlagen statt aus Gaskraftwerken, muss jemand die Differenz bezahlen, weil sonst keiner in diese Technologie investiert. In dieser Hinsicht ist die Förderung über die Erneuerbare-Energie-Umlage nötig. Allerdings könnte man die hohen Förderungskosten, die vor allem eben die Bürger zahlen, eventuell reduzieren.

Wie?

MÜSGENS: Indem wir bei der Förderung innerhalb der erneuerbaren Energien die günstigen Technologien ausbauen - also zum Beispiel die Windkraft, bei der die Differenz zum Gaspreis nicht so hoch ist. Ich glaube, dass sich die Politik genau diese Frage spätestens nach der Bundestagswahl stellen wird: Wollen wir weiter ein System, in dem wir auch die teuren Techniken fördern oder eines, in dem vor allem die günstigen ausgebaut werden?

Info Professor Felix Müsgens, 38, lehrt Energiewirtschaft an der TU Cottbus. Der Handel mit Energie ist ein Forschungsschwerpunkt.