Sicherheit Predictive Policing: Glaskugel der Ermittler

Precobs markiert Gegenden entsprechend der Wahrscheinlichkeit, dass es dort innerhalb eines Tages zu einem Einbruch kommt. Rot bedeutet große Gefahr.
Precobs markiert Gegenden entsprechend der Wahrscheinlichkeit, dass es dort innerhalb eines Tages zu einem Einbruch kommt. Rot bedeutet große Gefahr. © Foto: IfmPt
Berlin / Igor Steinle und Stefan Kegel 07.09.2018
Lassen sich Verbrechen vorhersagen? Die Polizei glaubt das und nutzt Algorithmen, um Tätern zuvorzukommen.

Im Washington des Jahres 2054 gehören Morde der Vergangenheit an. Sogenannte Precogs sagen Verbrechen voraus, und Mörder werden dingfest gemacht, bevor sie töten können. Was vor 15 Jahren in Steven Spielbergs Film „Minority Report“ noch nach Science-Fiction klang, ist in Sicherheitskreisen heutzutage Hauptgesprächsthema.

Seit drei Jahren nutzen Polizeibehörden aus sechs Bundesländern Algorithmen, um Verbrechen zu verhindern, bevor sie geschehen. Droht uns jene düstere Zukunft, die Spielberg in seinem Blockbuster zeichnete, in dem Menschen verhaftet werden, die (noch) nichts verbrochen haben? Oder ist Predictive Policing, – zu Deutsch: vorausschauende Polizeiarbeit – , die Wunderwaffe gegen Kriminalität?

Von Predictive Policing spricht man, wenn Behörden Software einsetzen, die aus Kriminalitätsdaten der Vergangenheit Prognosen darüber erstellt, wo in Zukunft Verbrechen geschehen könnten. Anders als in anderen Nationen werden in Deutschland dafür bisher keine personenbezogenen Daten verwendet. Die Vorhersagen hierzulande definieren nur zu erwartende Verbrechensareale. Die kommerzielle Software „Precobs“ etwa, die die baden-württembergische Polizei nutzt, sagt  vorher, in welchen Gebieten Einbrüche zu erwarten sind.

Software ist fast ein Schnäppchen

„Täter begehen in der Nähe von Einbruchstatorten und in zeitlicher Nähe weitere Einbrüche, und zwar schlicht, um der Maximierung ihres Ertrags bei gleichzeitiger Minimierung des Aufwands willen“, erklärt Algorithmus-Experte Tobias Knobloch von der „Stiftung Neue Verantwortung“. Anhand von Daten wie der Bebauung (Ein- oder Mehrfamilienhäuser), dem Wetter, der Verkehrsanbindung sowie der demografischen und sozioökonomischen Struktur der Wohngebiete ermittelt die Software  Werte darüber, wann und wo die Wahrscheinlichkeit von Straftaten steigt. Die Ergebnisse fließen in die Einsatzplanung: An diesen Orten legt sich die Polizei auf die Lauer.

Die Software ist übrigens fast ein Schnäppchen: Die Entwicklung der Wunderwaffe in Nordrhein-Westfalen kostete lediglich 600.000 Euro.

Müssen Einbrecher sich jetzt  warm anziehen? „Schon vorher zu wissen, wo ein Verbrechen stattfinden wird, ist zu Recht der Traum eines jeden Polizeibeamten“, sagt der FDP-Innenexperte Benjamin Strasser. Doch die Geschichte hat einen Haken: Studien belegen bisher keinen Nutzen. „Ein kausaler Zusammenhang zwischen der eingesetzten Software und den Fallzahlen kann nicht hergestellt werden“, betont der Wissenschaftler Dominik Gerstner, der für das Max-Planck-Institut für Strafrecht die Nutzung von Precobs im Südwesten begleitet hat.

„Kein Computerprogramm kann die Beamten ersetzen.“

Dieses Manko sieht die innenpolitische Sprecherin der Grünen, Irene Mihalic, als Knackpunkt: „Eine Politik wider besseres Wissen, die sich primär an Gefühlen und dem Wunsch der Politik darauf zu reagieren orientiert, ist langfristig nicht wirksam genug.“ Das produziere nur Enttäuschung. Es dürfe nicht geschehen, „dass ein Computer in Zukunft entscheidet, wo ein Polizeieinsatz stattfindet und wo nicht.“

Ihr FDP-Kollege Strasser hebt den persönlichen Faktor hervor: „Kein Computerprogramm kann die Beamten vor Ort mit ihren Erfahrungswerten ersetzen.“ Hier räche sich der Sparkurs der vergangenen Jahre. Strassers Fazit: „Nur Polizisten fangen Einbrecher, keine Software.“

Im Innenministerium hält man  Predictive Policing trotzdem für eine mächtige Waffe. Das sieht auch der CDU-Innenpolitiker Armin Schuster so. Der ehemalige Bundespolizist erkennt in der Software deutlich mehr Chancen als Gefahren.

„Ich sehe zum Beispiel die Möglichkeit, Risiken und Szenarien von Großveranstaltungen qualitativ besser vorhersagen zu können“, erläutert er seine Begeisterung. Auch an Kriminalitätsschwerpunkten wie dem Alexanderplatz in Berlin könnten solche Programme die Analyse- und Vorhersagefähigkeit weiter steigern.

Ein solcher Technikoptimismus weckt bei Bürgerrechtlern Befürchtungen: Werden Politiker wirklich der Versuchung widerstehen können, auch personenbezogen Daten für ihre Vorhersagen zu nutzen, wie es in den USA bereits geschieht?

Die innenpolitische Sprecherin der Linken, Ulla Jelpke, schlägt Alarm: „Predictive Policing stellt eine Gefahr für die Unschuldsvermutung und den Rechtsstaat dar. Wenn Personen als potenzielle Täter unter Verdacht gestellt werden, ohne dass diese überhaupt irgendein Verbrechen begangen haben, birgt das enorme Risiken“, warnt sie, genauso wie ihr FDP-Kollege Strasser.

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Unterschiedliche Systeme im Einsatz

Sechs Bundesländer nutzen inzwischen Algorithmen zur Einsatzplanung. In Bayern und Baden-Württemberg wird dafür eine kommerzielle Software verwendet, die sich auf eine relativ geringe Datenbasis stützt. Niedersachsen und Hessen verwenden selbst weiterentwickelte Systeme auf Basis kommerzieller Anwendungen.

Berlin und Nordrhein-Westfalen setzen auf komplette Eigenentwicklungen – mit sehr viel mehr Daten, die den Berechnungen zu Grunde liegen. In Nordrhein-Westfalen wird Predictive Policing inzwischen auch für Gewaltdelikte angewendet, das Bundeskriminalamt filtert mit einem Prognosesystem islamistische Gefährder heraus.

 Die USA gehen noch einen Schritt weiter. Dort reichen Mordfälle im Freundes- und Bekanntenkreis aus, um von der Software erfasst und beobachtet zu werden

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